Winter is coming

Von Jens Furtwängler @stuckinbavaria
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Anders als auf George R. R. Martins imaginärem Kontinent Westeros naht der Winter in Südbayern nicht nur, er ist schon da: die dritte Kalenderwoche des Jahres 2016 beschert uns Eis & Schnee bei Minusgraden im einstelligen Bereich.

Kurzerhand schliesse ich mich dem Sedlbauer Toni an, der den Freitagnachmittag für eine Fotosafari in den Röthengraben am Irschenberg nutzt.

Unser Spaziergang beginnt an einer d e r oberbayerischen Postkarten-Locations schlechthin: das Ensemble der Wilpartinger Wallfahrtskirche St. Marinus und Anian vor sanftgrünen Hügeln und dem Mangfallgebirge ist ein echter „wow!“-Moment bei Autobahnreisenden auf dem Weg nach Süden; entsprechendes Postkartenwetter vorausgesetzt. Ohne zu übertreiben, habe ich die Szenerie in meinem bisherigen Leben wohl schon tausend Mal in Augenschein genommen. Trotzdem bin ich weit davon entfernt, sie als kitschig oder ausgelutscht zu empfinden – selbst nach so vielen Jahren wirkt das Bild immer noch, und ich bin glücklich, in dieser herrlichen Gegend mein Zuhause gefunden zu haben; mein Wohnort ist nämlich weniger als zehn Kilometer entfernt.

Doch genug des Pathos. Frech parkt der Sedlbauer Toni das Föhn-O-Mobil auf dem Parkplatz des Gasthof zum Moar im Irschenberger „Ortsteil“ Wilparting (der tatsächlich nur aus dem Moar’schen Gehöft samt benachbarter Wallfahrtskirche besteht). Obwohl Nichtgäste, sind wir uns keiner Schuld bewußt: wo während der Tourismussaison Reisebusse ausgehungerte und kaffeedürstende Passagiere ausspucken und ansonsten Oberklasse-PKWs mit dem gefürchteten „M“-Nummernschild dominieren, herrscht heute gähnende Leere. Nur mit einem Blechkameraden ohne Zulassung, dessen Besitzer wohl die Abwrackprämie verpennt hat, teilt sich Tonis treues Gefährt das Areal.

Der Weg hinab in den Röthengraben und weiter zum Einödhof Alb beginnt hinter Aussichtsterrasse und Kinderspielplatz und ist ebenso verwaist. Findige Tourismusmanager auf der Suche nach dem „next big thing“ erklärten ihn kurzerhand zum Meditationsweg. Das Radlfahren hier verboten ist, erfuhr der iroschottische Wanderbischof Marinus, den man hier auf dem Scheiterhaufen verbrannte, bereits im Jahr 697. Aber Spaß beiseite: abgesehen davon, dass weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist, ließen sich nachsinnende Spaziergänger bei den herrschenden Witterungsverhältnissen wohl nur mit einem Fatbike in den Wahnsinn treiben.

Ich weiß nicht, wie lange es hier oben am Irschenberg schon eine geschlossene Schneedecke gibt. Die Spuren im Schnee zeigen aber, dass der Weg auch unter widrigeren Bedingungen häufig frequentiert ist. Im Wald wird er an den steilsten Stellen von metallenen Brüstungen flankiert. Zu kalt, um sich bei Minusgraden ohne Handschuhe herunter zu hangeln, aber Freunde des Jim Carrey’schen Frontalhumors können hier immerhin die legendäre Zunge-friert-an-Eisenstange-fest-Szene aus dem Film „Dumm und dümmer“ nachspielen. Die Blamage hielte sich mangels Publikum in Grenzen, der Kreis der potentiellen Retter allerdings auch.

Nicht nur über allen Gipfeln, nein, auch am Boden des Röthengraben ist Ruh‘. Schnee und Eis dämpfen das Rauschen des Baches zu einem Flüstern. Zu den Spuren unserer menschlichen Artgenossen gesellen sich vereinzelte Fährten der lokalen Fauna – zumindest jener Fauna, die keinen Winterschlaf hält. Freilich laufen uns die possierlichen Urheber nicht über den Weg. Wir sind hier unten in der Grabensohle ebenso gottverlassen und mutterseelenallein wie schon auf dem Weg hinab.

Nach der Überquerung des neumodischen Steges über den Bach stapfen wir den Röthengraben auf der anderen Seite wieder hinauf und erreichen nach einigen steilen Metern die Aniansquelle. Die als Brunnen eingefasste Quelle liegt unspektakulär vor dem Waldsaum. Von den Würmern, die wir noch im letzten Sommer im Becken ausmachen konnten, ist nichts zu sehen. Es scheint, als hätten die Minustemperaturen der vergangenen Tage den weniger possierlichen und sicher nicht gesundheitsfördernden Tierchen den Garaus gemacht.

Die Aniansquelle am Südhang des Röthengrabens, nahe dem Einödhof Alb.

Es dämmert bereits, als wir uns auf den Rückmarsch nach Wilparting machen.

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