Wie Weihnachten im Land der Stevia gefeiert wird

Von Sayrue

(c) Rüdiger Helmreich, www.sayrueart.net

Weihnachten fällt in Paraguay in die heißeste Zeit des Jahres. Und damit sind nicht ausschließlich die Tages- und Nacht­temperatu­ren zwischen 37-  40°C gemeint, sondern das gesellschaftliche Leben schlechthin.

Es die Zeit der 3-monatigen Sommerferien, der Urlaubszeit und der unendlich ausgelassenen Fiestas. Und so wird auch Weihnachten sehr laut und ausgiebig, unter freiem Himmel gefeiert – ohne jedoch auch nur im Geringsten in Stress und Hektik auszuarten, denn nichts liegt dem Paraguayer ferner.

Hier nimmt man sich die Zeit, die es braucht – für alles. 

Dennoch finden – ähnlich wie in Europa – die ersten Weihnachtsdekorationen aus China bereits An­fang November ihren Weg in die Shopping-Malls und Ramschläden, denn die Paraguayer fühlen sich magisch von Glitter, blinkenden, bunten Lichtern und Jingle Bells quäkenden und dazu tanzenden Weihnachtsfiguren angezogen. Nicht nur die großen Straßen der Hauptstadt stehen im blinkenden Lichterglanz, sondern auch Privathäuser, Armaturenbretter der Pkws und Busse oder Mopeds, Ar­beitsplätze etc.

Die besinnliche Vorweihnachtszeit

Eine Zeit der Besinnung gibt es in Paraguay nicht – auch nicht in der Vorweihnachtszeit. Trotz blinkender Adventskränze aus Plastik, gibt es weder eine gemütliche Adventszeit noch einen Nikolaus, auch wenn die Kassiererinnen in den Supermärkten zum Tragen roter Zipfelmützen verdon­nert werden. Weihnachtsplätzchen, Lebkuchen oder gar Stollen sucht man hier vergeblich; statt­dessen stapelt sich in den Supermärkten billiger Cidre und das so genannte „pan dulce“ (süßes Brot) – ein in die Höhe geschossenes, trockenes Hefegebäck, welches im „Kombi“ mit dem Cidre reißenden Absatz findet, denn praktisch jeder Angestellte wird damit von seinem Arbeitgeber beschenkt.

(c) Yerbabuena-Shop

Im Mittelpunkt der paraguayischen Weihnacht steht traditionell die Krippe, auf deren Bau, phantasie­volle Gestaltung und Dekoration jede Familie allergrößte Sorgfalt verwendet; und es gehört zum guten Ton, daß man bei Besuchen in der Weihnachtszeit stets die Krippe des Gastgebers bewundert, die selten im Haus steht, sondern am Hauseingang oder einem extra dafür reservierten Plätzchen im tropischen Garten.

Die Krippe wird traditionell aus Holz und getrockneten Palmblättern hergestellt und damit den ärm­lichen Viehunterständen auf dem Land nachempfunden. Dekoriert wird landestypisch mit Wasser­krügen und Chipa (im Tatacuá gebackene Maiskringel), sowie mit Früchten der Jahreszeit, wie Wassermelone, Papaya, Mango, Ananas, Bananen, Birnen etc.

Ein betörender Anblick ist jedes Mal die sich öffnende, gelbe Blüte der Kokospalme -  DAS Weih­nachtssymbol schlechthin, denn sie verströmt über lange Zeit nicht nur einen unglaublich starken Duft, sondern sieht aus, wie der personifizierte, geschweifte Weihnachtsstern.

Die Krippe bleibt bis zum 6.Januar (Heilige 3 Könige) stehen, denn an diesem Tag findet die eher unspektakuläre Bescherung für die Kinder statt.

Wie heilig ist der Heilig Abend?

Der Heilige Abend ist in Paraguay weder besonders heilig noch ist es hier still – ganz im Gegenteil – hier steigt kurz vor Mitternacht DIE Geburtstagsparty des Jahres. Feiertage werden in Paraguay wört­lich genommen!

Auch wenn für die arbeitende Bevölkerung der 24. Dezember zunächst ein ganz normaler Arbeitstag ist, an dem Geschäfte bis in die späten Abendstunden geöffnet haben, beginnt für viele Hausfrauen schon Tage vorher die Zeit der Vorbereitungen für das große Festessen im Kreise der ganzen Familie. In großen Tonkrügen wird Clericó, ein typisches Getränk aus Rotwein und Zitrusfrüchten an­gesetzt und die berühmte Sopa Paraguaya sowie frische Chipa aus Mais- und Maniokmehl werden zubereitet und im Tatacuá, dem traditionellen Lehmbackofen, gebacken.
Das ist zwar nicht die schnellste Zubereitungsart, denn schließlich muss der Ofen erst mit Holz befeuert und auf Temperatur gebracht werden, aber die Mühe und der Zeitaufwand lohnt sich, denn im Tatacuá gegarte Speisen schmecken einfach besser.

Aber wie eingangs schon erwähnt – hier nimmt man sich für alles Zeit und nutzt Wartezeiten lieber für eine Tereré-Pause und Plauschchen oder für eine kleine Siesta.

Image via Wikipedia

Übrigens ist die Sopa Paraguaya- entgegen ihrem Namen – keine Suppe sondern eine Art Soufflé aus Maismehl, Zwiebeln, Eiern und viel Käse und wird als Beilage zu gegrilltem Fleisch gereicht. Jede Hausfrau hat dabei ihr ganz besonderes Rezept und tatsächlich schmeckt jede Sopa Paraguaya irgendwie anders.

Wer dieses leckere Gericht selbst ausprobieren möchte, findet in meinem nächsten Blogartikel ein Rezept, das natürlich auch im modernen Backofen gelingt!

Und dann geht’s los!

Am späten Heilig Abend trifft sich dann die ganze Familie – oftmals bei den Eltern oder Großeltern – wobei nicht nur die nächsten Anverwandten erwartet werden, sondern tatsächlich alle, die irgendwie mit der Familie verbandelt sind oder waren.

Noch bevor die ersten Gäste eintreffen wird schon die Musik aufgedreht und die großen Grills ange­heizt, auf denen manchmal auch schon Stunden vorher, ausladende Fleischstücke von Schwein-, Lamm- oder Rind langsam vor sich hin brutzeln und die heiße, schwüle Nachtluft damit schwängern.

Auf langen, gedeckten Tischen stehen in großen Schüsseln Salate oder auf Platten hoch getürmt, die in Portionen geschnittene Sopa Paraguaya und gekochte Mandioka bereit. Dazwischen grellbunte Popdrinks und die großen 1-Literflaschen Bier in Eiskühlern. Gegessen wird eher ungezwungen, indem man sich mit seinem gefüllten Teller irgendwo niederlässt, wo man sich gerade wohlfühlt, was nicht unbedingt der Tisch sein muss, an dem es sowieso innerhalb kürzester Zeit wie auf einem Schlachtfeld aussieht.

Spätestens jetzt werden die Musikanlagen auf volles Volumen gedreht, so daß man kaum noch sein eigenes Wort versteht – auch der Nachbar nicht mehr – und es wird gelacht, getanzt, gegessen, gespielt und gekreischt, bis um Mitternacht plötzlich laut und lang anhaltend geböllert wird, als sei Silvester.

Das Essen ist abrupt beendet, alle fallen sich um den Hals, küssen sich und wünschen sich frohe Weihnachten und viel Glück. Geschenke werden keine verteilt, denn die gibt es ja erst am 6. Januar und werden von den 3 Königen gebracht.

Wer nun in die Kirche zur Messe gehen möchte kann dies getrost tun ohne etwas zu verpassen, denn die Feier geht anschließend weiter bis der 1. Weihnachtstag graut.

Der 25. Dezember ist in Paraguay offizieller Weihnachts-Ruhetag, aber vielleicht auch nur deshalb, weil sowieso keiner arbeiten könnte.

Und das Rezept für die Sopa Paraguaya?

Das stelle ich – wie versprochen – in wenigen Tagen hier in den Blog.

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