Wie viel Anderssein liegt drin?

Bislang beschäftigte uns die Frage nur in der Theorie, doch je grösser unsere Kinder werden, umso praktischer müssen wir uns damit befassen, wie anders unsere Kinder sein dürfen, vielleicht auch sein müssen, ohne dass sie unter den Folgen allzu sehr leiden müssen. Da wäre zum Beispiel Karlsson, der in ziemlich allem gegen den Strom schwimmt, oder zumindest schwimmen wollte, wenn man ihn denn liesse. Gut, wir lassen ihn schon, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn ihm ein Plattenspieler lieber ist als ein iPod, dann schenken wir ihm eben einen Plattenspieler. Wenn er lieber Bach und Vivaldi hört als Lady Gaga und Jusitn Bieber, ist uns das auch recht, auch wenn wir ihn nie und nimmer davon abhalten würden, zu hören, was die anderen in seinem Alter hören wollen.

Wenn er aber sein „Barockhemd“ zur Schule tragen will, dann sagen wir nein. Nicht, weil wir ein Problem damit hätten, dass ihm der Stil aus vergangenen Zeiten besser gefällt – wir sind ja selber auch der Ansicht, dass Mode für Jungs zum Gähnen ist – sondern weil wir, im Gegensatz zu Karlsson, wissen, wie bösartig Schulkameraden sein können. Weil wir uns nur zu gut daran erinnern, wie schmerzhaft es war, am Rande zu stehen, bloss weil man noch nicht gelernt hatte, dass nicht alle reif genug sind, einen auch dann zu akzeptieren, wenn man sich selbst ist. Wir als Eltern haben diese unglaublich schwierige Aufgabe, ein Kind einerseits darin zu bestärken, zu sich selbst zu stehen und es andererseits davor zu schützen, in seiner ganzen Verletzlichkeit dem Spott anderer ausgesetzt zu sein. Wie schafft man die Gratwanderung, das Kind in all seinen Besonderheiten zu bejahen und es gleichzeitig davor zu warnen, dass zu sich selbst stehen zuweilen zu schmerzhaft sein kann, als dass sie eine Kinderseele es ertragen könnte.

Die gleiche Frage aber mit umgekehrten Vorzeichen treibt uns bei der Erziehung des FeuerwehrRitterRömerPiraten um. „Meiner“ und ich scheinen weit und breit die einzigen Eltern zu sein, die der Meinung sind, dass Star Wars und Nintendo DS nichts für Sechsjährige sind. Und so kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nach jedem Besuch bei seinen Kindergartenfreunden mit glänzenden Augen von all den tollen Sachen erzählt, mit denen er hat spielen dürfen. Wie gehen wir damit um? Lehnen wir alle Wünsche kategorisch ab und riskieren damit, dass unser Sohn sein Glück auswärts sucht? Geben wir ein kleines bisschen nach und lassen ihm einen Teil der Freude, in der Hoffnung, dass er von selber erkennt, dass das alles gar nicht so  toll ist? Versuchen wir, ihn für andere Dinge zu begeistern? Lassen wir all unsere Überzeugungen fahren, nur damit wir unseren Frieden haben? Gar nicht so einfach, hier die Balance zu finden zwischen dem Abwürgen jedes Kinderwunsches und dem Verrat an sämtlichen elterlichen Überzeugungen.

Ich vermute, „Meiner“ und ich stehen erst am Anfang eines langen Weges und offen gestanden fürchte ich mich ein wenig vor der Wegstrecke, die vor uns liegt. Wie wir sie überstehen werden? Ich weiss es nicht. Ich ahne aber bereits, dass weder die Kinder noch wir Eltern uns mit einfachen Argumenten wie „Wir sind nicht die anderen“ oder „Aber die anderen dürfen auch…“ zufrieden geben werden.

Wie viel Anderssein liegt drin?



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