Wie orientiert sind Sie denn eigentlich?

Wir Menschen leben sehr schnell und auch sehr multitaskingorientiert. Viele Dinge gleichzeitig erledigen, an viele Dinge denken müssen und immer mit dem Fuß auf dem Gaspedal des Lebens. Absolut gesellschaftlich anerkannt und gewertschätzt. Und je schneller wir werden, desto fokussierter werden wir auch in dem, was wir gerade tun. Ich vergleiche das immer damit, wenn wir auf der Autobahn unterwegs sind. Bei Tempo 200 wird unser Blickfeld sehr eng und wir konzentrieren uns auf das Fahren und darauf, wer in letzter Sekunde im Schneckentempo vor uns von rechts nach links wechseln könnte. Alles andere wird abgeschaltet, weggeblendet, weil in diesem Moment nicht notwendig und auch nicht sinnvoll. So ergeht es uns Menschen auch, wenn wir in hoher Geschwindigkeit versuchen, mehrere Dinge gleichzeitig oder schnell nacheinander abzuarbeiten. Wir schauen nach vorne, keinesfalls nach links und rechts.

Unsere Orientierung wurde in unserer Jugend vielfach beschämt

orientierungGanz anders ist es, wenn wir nur mit 100 Stundenkilometer über die Autobahn gondeln. Unser Blickfeld wird weiter, wir entspannen uns und bekommen auch mehr Dinge links und rechts mit. Wir haben also die Chance, mehr von unserer Umwelt zu entdecken. Und was hat das mit Orientierung zu tun? Viel – je mehr wir uns die Zeit nehmen, nach links und rechts zu schauen, uns also im Raum zu orientieren – desto mehr nehmen wir wahr und desto sicherer fühlen wir uns. Weil wir orientiert sind. Orientierung hat also auch etwas mit Sicherheit und Kontrolle zu tun.

Ich stelle es auch fest, dass sich die wenigsten Menschen, wenn sie neu in einen Raum kommen, sich die Zeit nehmen, sich in Ruhe einen Platz auszusuchen und sich erst einmal ausgiebig umzuschauen. Wo sie gelandet sind, was es alles zu entdecken gibt, ob sie gut sitzen oder ob sie zum wohlfühlen etwas brauchen. Denn – das kostet Zeit. Und ist – so einer der vielen Glaubenssätze unhöflich – weil die anderen Menschen im Raum dann auf einen warten müssen. Außerdem könnten dann ja auch die Vögel “im offenen Mund” ein Nest bauen, wenn man das nicht schnell erledigt hat.

Und ich behaupte einfach, dass wir in unserer Jugend für diese langsame Orientierung viel zu oft beschämt wurden – von unserer Umwelt, die sich auf unsere Kosten amüsierten, wenn wir uns Zeit ließen. Aber heute, heute sind wir erwachsen. Und könnten uns die Zeit nehmen, überall dort, wo wir hinkommen, auch anzukommen. Und erst einmal zu kucken, uns umzuschauen und zu orientieren. Und dann erst wieder den Fuß aufs Gaspedal setzen. Und vielleicht erlauben Sie es sich, immer mal wieder, von Zeit zu Zeit, sich an Ihre Orientierung zu erinnern und sich ein wenig umzuschauen. Und vielleicht bemerken Sie einen Unterschied.


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