Wie Leser Autoren quälen

Wie Leser Autoren quälen

Machen wir uns nichts vor. Autoren sind von ihren Lesern abhängig. Diese entscheiden darüber, ob die Autorin und der Autor glücklich sind oder sich mit dem Gedanken befassen, ihre kurze Karriere jäh zu beenden. Denn ein Buch ist für Leser geschrieben und ohne diese und deren Zuspruch fehlt ein Teil dieser Lebensgemeinschaft. Dies macht die Autorinnen und Autoren sensibel und lässt unbedachte Handlungen der Leserinnen und Leser zur Qual werden. Ich möchte heute für Aufklärung sorgen, um die Zahl der Verletzungen zukünftig zu verringern.

Qual 1: Das Schweigen


Gerade zu Beginn des Autorinnenlebens rekrutieren sich viele Leserinnen und Leser aus dem persönlichen Umfeld. Man trifft eine bekannte Person, erzählt unverfänglich von seinem neuen Werk und freut sich, dass das Gegenüber den Wunsch äußert, ein Exemplar zu erwerben. Ich erinnere mich, dass ich in diesen Anfangszeiten den Drang niederringen musste, gleich am Folgetag anzurufen und zu fragen, wie denn mein Buch gefallen hat. Aber im Regelfall kommt irgendwann der Moment, an dem man diesem Menschen wieder begegnet. Natürlich erwartet die leidenschaftliche Autorin eine Äußerung zum Buch. Doch oftmals kommt einfach gar nichts. Die Bekannte erzählt wie immer über die verschiedenen, als völlig unwichtig empfundenen Dinge ihres Lebens, als ob es den Buchkauf nie gegeben hätte, unwissend, welche Qualen sie damit bei der Autorin auslöst. Denn diese fragt sich nun, warum es keine Äußerung gegeben hat. Der harmloseste Grund ist noch, dass die Bekannte bisher noch keine Zeit hatte, das Werk zu lesen. Der schlimmere und von der zweifelnden Seele der Autorin als viel wahrscheinlicher angenommene Grund ist, dass der Bekannten das Buch überhaupt nicht gefallen hat und sie sich nicht traut, dies mitzuteilen. Ganz sicher ist aber, dass das Buch die Bekannte auf keinen Fall begeistert hat.
Die Wunde wird ewig bleiben und das Verhältnis zur Bekannten auf Dauer verändert sein. Heilung ist nur möglich, in dem die Bekannte sich doch irgendwann äußert und ihre Begeisterung kundtut. Aber nur dann.

Qual 2: Der Verkauf


Weil die Autorin sich nach dem Feedback der Leserinnen und Leser verzehrt, initiiert sie Leserunden und bittet Blogger um ihre Meinung. Damit diese glücklich sind und das Werk wohlwollend betrachten, schreckt die Autorin nicht davor zurück, Bücher freizügig zu verschenken. Sie nimmt die Kosten für das Buch und dessen Versand in Kauf und mehr noch. Sie packt das Lesezeichen dazu und schreibt eine persönliche Widmung ins Buch, damit sich die Empfängerin wirklich wohl fühlt.
Irgendwann viele Monate später, es hat im Optimalfall eine positive Rezension der Empfängerin gegeben, findet unsere Autorin im Web einen Eintrag, in dem ihr Buch gebraucht verkauft wird. »Ungelesen« steht im Text und als besonderer Hinweis: Mit persönlicher Widmung der Autorin. In diesem Moment bohrt sich der Schmerz direkt in das leidgeprüfte Herz der Autorin. Natürlich weiß der sachliche Verstand in ihr, dass es sich um ein Geschenk handelt und die Beschenkte damit tun und lassen darf, was immer sie möchte. Doch es kommen Erinnerungen hoch an die Lieblingstante Erna. Sie machte einst ein mit liebe hergestelltes und verpacktes Geschenk: der handgehäkelte Überzieher für die Klopapierrolle. Das Geschenk war abgrundtief hässlich, aber die Liebe tropfte aus jeder Häkelmasche. Also landete es in der tiefsten Ecke des Schrankes und wurde immer hervorgeholt, wenn Tante Erna einen Besuch angesagt hatte. Nie wäre man auf die Idee gekommen, dies im Internet zum Verkauf anzubieten mit dem Vermerk »Von Tante mit Liebe gehäkelt.«
Jedes mit persönlicher Widmung versehene Buch, das zum Verkauf angeboten wird, lässt die Autorin erahnen, welchen Schmerz der Verkauf des Klopapierüberziehers in Tante Erna ausgelöst hätte.

Qual 3: Die unrealistische Szene


Autoren lieben Leser, die in die Szenen eintauchen und mit den Figuren mitfiebern. Wenn ein solcher Leser oder eine Leserin vor einem steht und erzählt, wie sehr die eine oder andere Handlung der Figuren mitgerissen hat, dann ist dies pures Glück für Autor und Autorin. Doch manchmal machen Leser dieses Glücksgefühl mit einem gutgemeinten Hinweis zunichte. Mehr noch, sie kehren es ins Gegenteil um. Dann nämlich, wenn sie beiläufig sagen: »Aber die Szene, als die Protagonistin dem Mann hinterherläuft, der sich umdreht und sie nur beschimpft, statt sie zu küssen, war schon unrealistisch.«
Nun können die Leser nicht ahnen, dass genau diese Szene die einzige autobiographische Passage des Buches ist. Beim Schreiben dieses Abschnitts musste die Autorin mehrfach mit den Tränen kämpfen, weil ihr in diesem Moment alle ihre Leiden bewusst wurden. Es ist die realistischste Szene überhaupt. Realistischer wird die Autorin höchstwahrscheinlich nie wieder schreiben können. Nun steht sie stumm der Leserin oder dem Leser gegenüber, ringt mit sich, nickt nur gequält und muss wehrlos miterleben, wie die Leser zum Todesstoß ausholen, wenn sie sagen: »Aber die Szene, als die Protagonistin von Aliens entführt wird und dann mit ihnen auf dem Mond Cha-Cha-Cha tanzt, fand ich toll.«

Abschließend sei mir noch ein persönliches Wort an alle meine Leserinnen und Leser gestattet:
Ich liebe euch alle. Jede und jeden einzelnen. Und ihr wisst, wer wirklich liebt, verzeiht auch.


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