Wie der kleine Tramp zur roten Fahne kam

Es gibt da eine Szene in Chaplins Moderne Zeiten, die mir in den letzten Wochen immer wieder in den Sinn kam, als ich diesen Hype um diesen Chodorkowski ohne Worte beobachtete. Ich spielte sie mir im Kopf vor, bemühte später YouTube und befand: Ja, diese Szene kommt einer Parabel gleich.
Wie der kleine Tramp zur roten Fahne kamSie geht ungefähr so: Der kleine Tramp war mal wieder arbeitslos geworden und flanierte mit seinem Stöckchen die Straße entlang. Ein beladener Lastwagen biegt um die Ecke und fährt unmittelbar an ihm vorbei. Da die Last des Fahrzeugs über die Ladefläche hinausragt, ist diese mit einer roten Fahne gekennzeichnet. Die löst sich jedoch und fällt zu Boden - Charlie direkt vor die Füße. Der klaubt das Ding, das an einem Stock befestigt ist, vom Boden auf. Fahnenschwenkend läuft er hinter dem Lastwagen her. Will auf sich aufmerksam machen, die Fahne dem Besitzer zurückgeben. Einige Augenblicke später biegt ein Pulk von Demonstranten um die Ecke. Sie laufen diesem mit roten Tuch wedelnden Bannerträger nach. Charlie bemerkt nichts davon, er starrt immer noch dem Lastwagen nach. Wedelt noch. Kurz darauf erfasst die Polizei die Demonstranten. Sie hat in Charlie den Anführer einer kommunistischen Kundgebung identifiziert.

Diese Szene erscheint mir, je öfter ich mir sie ansehe, maßgeschneidert auf diesen Ex-Oligarchen, der wegen Steuerbetrug und Geldwäsche hinter Gittern saß. Aber nicht nur auf ihn. Ich glaube, viele Messiasse und Anführer, Erlösergestalten und Hoffnungsträger sind einfach nur zum richtigen Zeitpunkt an Ort und Stelle, um eine zufällig vor die Füße gefallene Flagge aufzuheben. Und dann stürmen sie los, schreien "Hallo, hallo, Sie haben was verloren!" und merken nicht, dass sie plötzlich eine Gefolgschaft in ihrem Rücken haben, die dieses Gewedel mit der Fahne als etwas interpretiert, was es gar nicht ist. Die Gefolgsleute haben ja nicht gesehen, wie der Bannerträger zu dem Utensil gekommen ist. Sie denken sich, er war immer schon da, hat nur auf Anhang gewartet. Sie sehen ja nur den einen Ausschnitt, der sich ihnen nach Abbiegen um die Ecke offenbart. Sie kennen den Typen, der ihnen voranläuft, nicht als trotteligen Finder einer Fahne, sondern als engagierten Tambourmajor für eine Sache, die sie sich einfach hinzudenken und von der dieser zufällige Typ an der Spitze des Pulks gar nichts weiß.
Woher soll ich wissen, welcher Schwertransporter an diesen Milliardär vorbeigefahren ist? Hat er die Fahne selbst aufgehoben oder hat ein Passant, der sie aufhob, sie ihm in die Hand gedrückt? Aber klar scheint mir, dass irgendein Laster eine Fahne verloren haben muss. Jungfrauen kommen sprichwörtlich zu Kindern, Heilsgestalten zu Fahnen.
Chaplin wollte mehr sagen als Seht her, die Fahne fiel dem Typen vor die Füße - das ist doch urkomisch! Ich glaube, auch er erblickte in solchen lustigen Zufällen eine Konstante, wie Heilande entstehen. Wahrscheinlich war noch jeder große Mann und jede große Frau nur durch einen Zufall an das Fähnchen gelangt, um es vorneweg zu schwenken. Plötzlich standen sie vor dem Lappen, hoben es auf, fragten nach wem es gehört und gerieten in eine Position, in der man Anhänger erhält. In der Chaplinade doppelt sich diese Heldentum durch Zufall sogar nochmals. Charlie sitzt also als Kommunistenführer im Gefängnis und gerät dort, wie auch immer - halten wir es kurz - in einen Kokainrausch, in dem er ungewollt einen Ausbruch seiner Mitinsassen vereitelt. Für diesen staatsbürgerlichen Akt hinter Knastmauern wird er vorzeitig entlassen.
Ich glaube, wir müssen die Geschichte der Menschheit als eine Akt begreifen, in der es oft zufällig Fahnen regnet, die zufällige Finder haben. Wenn ich recht überlege, kenne ich da noch eine Szene aus dem Kino, die nicht nur diese Zufälligkeit zeigt, sondern auch zu Chodorkowski passt. In Zemeckis' Forrest Gump nämlich. Forrest fängt aus Kummer und Frust zu laufen an, läuft quer durch die USA. Zeitungen berichten und plötzlich gilt er als Inkarnation des Kontemplativen, hat er eine Schar von Anhängern im Schlepptau, ja man könnte sagen: Mitläufer. Seine Absicht war das nie. Nach Monaten des Laufens bleibt er plötzlich stehen, dreht sich zu seinen Mitläufern um. Einer sagt: Er will uns etwas sagen. Und Gump sagt sinngemäß: Ich bin fertig, das wars. Er durchschreitet das Spalier seiner Anhänger und geht nach Hause.
Für mich ist das eine ganz ähnliche Szene wie die in Moderne Zeiten. Wenn auch nicht für jedermann und auf den ersten Blick. Chaplin hat ja auch nicht viel mit Sprache gearbeitet. Er mochte den Tonfilm ohnehin nicht so besonders, hielt ihn für einen Spleen, der bald wieder vom Markt verschwinden würde. Der stumme Chaplin war dann auch viel philosophischer als es der spätere, der vertonte. Jedenfalls, als Chodorkowski meinte, er würde sich politisch raushalten, auch auf juristische Schritte verzichten, da dachte ich spontan auch an Forrest Gump, wie er sich umdreht und sagt: Ich gehe heim. Nach Jahren im Gefängnis eine normale Aussage, finde ich.
Und die Mitläufer? Ach, die sind nur kurzzeitig enttäuscht. Bewahren sich ihren Messias im Herzen, bauschen "seine Lehre" weiter auf, verbrämen ihn zu einen guten Menschen, der besser als nur gut war und twittern und liken ihm den Arsch dermaßen voll, dass ihm das Lob oben wieder rauskommt. Und dann finden sie wieder einen, der zufällig eine Fahne gefunden hat, der Hallo, ihre Fahne! Hallo, ihre Fahne! Anhalten! schwenkt. Und wenn der Typ besonders gewieft ist, dann sagt er später, dass er die Fahne aus Überzeugung festgehalten, dass er sie erdacht und gebastelt habe, um Kopf einer notwendigen Bewegung zu werden. Dann sagt er nichts von Das wars, ich will heim!, sondern spricht von Vorsehung.
Das aber hat der ehemalige Oligarch nicht getan. Das macht ihn fast schon wieder sympathisch. Er hatte vermutlich einfach nur die Schnauze voll. So wie ich von denen, die ihn in den Himmel heben und nicht merken, dass sie nur die Mitläufer eines ehrlichen Finders sind, dessen Motiv lediglich war, das verlorene Gut dem Besitzer zurückzugeben.
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