Wenn einer eine Reise tut, dann kann er vorher schon was erleben

…insbesondere dann, wenn er in Bonn wohnt.

Unsere Reisevorbereitungen für den Sommer starteten dieses Jahr bereits im März. Da fiel uns nämlich auf, dass der Pass des Piratensteuermanns es gültigerweise nicht mehr über den Sommer schaffen würde.

Schon vor sechs Jahren fragten wir uns, welchen Sinn ein nach allen Regeln der biometrischen Kunst erstelltes Passfoto bei einem einmonatigen Baby haben soll. Da besagtes Baby nach spätestens drei Monaten völlig anders aussieht. Aber Gesetz ist Gesetz. Und vor irgendetwas müssen die Fotostudios ja auch leben.

Und jetzt wurde es uns richtig warm um’s Herz, als wir das Babyphoto im schon fast abgelaufenen Kinderreisepass betrachteten. Aber halten wir uns nicht auf mit Sentimentalitäten. Es galt, den Kinderreisepass verlängert zu bekommen.

Die Bonner kennen es (zu ihrem Leidwesen), den anderen sei es erläutert. Das Bonner Bürgeramt hat einen wunderbaren elektronischen Terminkalender, in dem für alle Bedürfnisse bequem vom heimischen Rechner aus Termine ausgemacht werden dürfen. Wenn einer frei ist. Versteht sich. Und da fing das Problem schon an. Im online-Menü den Punkt ‚Kinderreisepass verlängern‘ ausgewählt und erwartungsfroh der Terminmöglichkeiten geharrt:

12. August 2016.

Wow! Wohlgemerkt, die Anfrage machte ich im März. Wahrscheinlich dachten die im Bürgeramt, wer denn eine Kinderreisepass im März verlängert haben möchte, braucht den erst für den Weihnachtsurlaub (Helikopterskiing in den Rocky Mountains oder so). Naja, so schnell wollte ich nicht aufgeben und nahm mir also viel Zeit,

ganz viel Zeit,

wirklich ganz viel Zeit.

Und wählte die Servicenummer des Bürgeramtes. Schaltete auf Lautsprecher und legte den Hörer neben mich. Fassen wir mal die nächste halbe Stunde damit zusammen, dass meine Arbeitskollegen mich tagelang noch fragten, was für eine dämliche Melodie ich denn summen würde.

Dann hatte ich einen echten Mensch am anderen Ende der Leitung. Ich vermute mal, diese Person hatte gerade eine Fortbildung in einfühlender Telefonseelsorge macht, denn als ich ihr schilderte „Also März jetzt, Sommerurlaub, Augusttermin etwas zu spät“, kam die super ermutigende Antwort: „Sie haben Recht, das ist total krass. Aber so ist es.“ Sie können nun sicher nachvollziehen, dass meine Begeisterung ob dieser Antwort keine Grenzen mehr kannte. Der praktische Tipp kam auch noch: Nicht aufgeben.

Und da war was dran. Denn immer dann, wenn ein Online-Termin-Inhaber diesen zurückgibt, wird dieser Termin wieder freigeschaltet. Seitdem kann ich mir vorstellen, wie sich ein Online-Börsenhändler, ein Gamer, ein Zocker wirklich fühlt. Immer mit dem Finger auf der Maus, zum Zuschlagen bereit, nachdem man die entsprechende Website in der letzten halben Stunde gefühlt 365 mal aktualisiert hat. Nach einiger Zeit hat man aber den Dreh raus und ist stolzer Besitzer verschiedener Termine. Warum mehrere? Weil im Moment des Zuschlagens man nicht auch noch Zeit hat, wirklich zu schauen, ob man an diesem Termin auch kann. Ich schlage deswegen einen neuen Broterwerb vor: Bonner-Bürgeramts-Terminverkäufer. Mann, ich könnte reich werden!

Das mit dem Termin klappte auch mit vertretbarer Wartezeit. Allerdings hatte ich zu wenig Termine gebunkert, denn am relativ besten Termin konnte der Piratensteuermann leider nicht mit erscheinen. Der gütige Verwaltungsangestellte wies mich aber freundlich darauf hin, dass für das Abholen des Passes es terminfrei ausreichen würde, kurz vorbeizukommen. Leider war ich so naiv, dies für bare Münze zu nehmen.

Vergangenen Montag wollte ich dann den Pass abholen. Dialog am Empfangstresen.

Ich: Guten Tag, ich möchte einen fertigen Kinderreisepass abholen.

Tresen: Aber nicht heute, oder?

Ich: Doch, heute, Ihr Kollege sagt mir seinerzeit, dass….

Tresen: Hier haben Sie eine Abholnummer und bringen Sie zwei Stunden Zeit mit.

Ich…sagte nichts mehr.

Aus den zwei Stunden wurde dann nur eine, weil mir eine Dame ihre Abholnummer gab, da sie wiederum eine noch frühere Abholnummer bekam von einer anderen Person, die nicht mehr warten konnte, da bei ihr zuhause die Handwerker kommen würden, nachdem sie bereits über zwei Stunden gewartet hatte….

Zudem traf ich noch einen Kollegen mit Nachwuchs (leicht genervt, er ließ sich dann per Leserbrief über die volkswirtschaftlichen Kosten dieses Warteunsinns aus). Die ehemalige Tagesmutter des Piratensteuermanns kam dann auch noch, und es ward fast eine vergnügliche Stunde rheinischen Frohsinns.

Erwartbar war ebenfalls, dass in dem Moment, als die Abholnummer vor unserer Abholnummer auf dem Bildschirm aufleuchtete, der Piratensteuermann sagte, er müsse nun dringend auf’s Klo. Ich antwortete mit fester Stimme: „Nein!“ Das half dann auch noch für die entscheidenden nächsten 5 Minuten.

Den heiß begehrten Pass dann in den Händen wollten wir schleunigst auf Toilette im Bürgeramt. Wurden an ein anderes Gebäudeteil verwiesen. Am dortigen Empfangstresen, fernab sämtlicher bürgerämtlicher Pflichten, saßen gleich drei Damen in freundlichem Nichtstun und geselligem Plausch beisammen und wiesen uns entspannt den Weg zum stillen Örtchen.

Ich vermute mal, dass hat das Bürgeramt mit Absicht so gemacht. Wer einen Arbeitstag mit genervten Bonnern zu tun hat, darf zum Entspannen drei Tage an diesen anderen, kommunikativen Empfangstresen.

Im Übrigen, ich bin jetzt urlaubsreif. Haben Sie sich wahrscheinlich schon gedacht.


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