Weltwundertrekking

Von Kola813

Täglich strömen rund 2500 Besucher ins Urubambatal um sich von der Magie einer “Stadt in den Wolken” verzaubern zu lassen. Machu Picchu ist das wohl schönste der sieben neuen Weltwunder, das steht für mich schon vor dem Besuch dieser ehemaligen, heiligen Inkastätte fest. Wir schnüren unsere Wanderschuhe, besorgen uns eine Ration Nüsse und machen uns auf den Weg Richtung Kilometer 82…

Die im Zentrum des Andenhochlandes gelegene Stadt Cusco ist Ausgangspunkt für die Reise zum Machu Picchu. Überall sieht man Schilder mit der Aufschrift ‘Inka Trail’, ‘Salkantay-Trek’ oder ‘Jungle Trek’. All diese Touren führen über Pässe in den Anden und auf Trampelpfaden durch den Regenwald nach Aguas Calientes – Machu Picchu ist von hier nur noch ein Katzensprung entfernt. Was haben diese Touren außerdem gemeinsam? Sie sind wahrscheinlich schöne Wanderwege. Eine Esel-Pferd-Kreuzung schleppt einem die Rucksäcke, kleine peruanische Helfer bauen einem das Zelt auf und kochen was das Zeug hält um den Touristen bei Laune zu halten. All diese Vorzüge kann man genießen, wenn man tief genug ins Portmonee greift. Unter 200 Euro läuft da nix. Ich wäre nicht ich, wenn ich mich nicht schon im Vorfeld über einen Weg informiert hätte das auf eigene Faust zu machen, damit alle Zeit und Freiheiten der Welt zu genießen und als kleinen aber feinen Nebeneffekt das Konto zu schonen.

Kilometer 82

Für umgerechnet 2,50€ sitzen wir im Bus nach Ollantaytambo. Dem Ausgangspunkt unseres eigenen Machu Picchu- Abenteuers für Low-Budget-Reisende. Ollantaytambo hat nicht sonderlich Viel zu bieten. Ein kleines Dorf mitten in den Anden gelegen mit dem ein oder anderen schönen Restaurant, engen Gassen, einer Inkaruine am Rand des Dorfes und dem für Touristen notwendigen Bahnhof. Ollantaytambo ist Gateway zum Gateway. Im Zug geht es für unwissende, lauffaule oder reiche Touristen von Ollantaytambo nach Aguas Calientes, dort rein in den Bus und hoch zum Machu Picchu – übrigens ist der Zug die einzige Verbindung nach Aguas Calientes, eine befahrbare Straße gibt es nicht!


Mit einer Hand voll Einheimischen sitzen wir im Minibus ‘Veronica’. Auf die Frage, ob der Fahrer uns für ‘n Euro zu Kilometer 82 fahren kann, kriegen wir ein “Si, si” zu hören und stehen ‘ne halbe Stunde später am Start unserer 28-Kilometer-Wanderung.

Kilometer 82

Inka (T)rail

Die ersten Meter fühlen wir uns schon ein bisschen anders. Eigentlich machen wir etwas total Verbotenes. Immer wieder sehen wir Schilder mit der Bitte nicht auf den Schienen zu laufen oder durch Tunnel zu marschieren. Die ersten Kilometer laufen wir wie vom Blitz getroffen Richtung Kilometer 88 an dem ab 8:30 Informationen zu Folge ein Wärter stehen soll, der einen im schlimmsten Fall dazu auffordert umzudrehen und doch gefälligst mit der Bahn zu fahren. Kurz nach 8 sehe ich das Kilometerschild “88” und tatsächlich ein Wärterhäuschen. Meine Aufregung steigt. In großen Schritten versuchen wir so schnell wie möglich das Wärterhäuschen zu passieren. Plötzlich kommt ein Hund auf uns zu und ein Mann läuft hinter uns her. Der will doch sicher was von uns?! Quatsch, mit einem freundlichen Grinsen wünscht er uns einen schönen Tag – wir ihm auch. Adios Amigo! Das rettende Kilometer-89-Schild ist in Sicht und wir in Sicherheit. Zeit für ein paar Nüsse.

Kilometer 89. Sicherheit!

Endlich können wir unser Tempo reduzieren und uns den schönen Dingen zuwenden. Wir sind hier mitten in der Wildnis. Keine Autos, keine Menschenseele weit und breit. Nur wir, die Gleise, der rauschende Rio Urubamba und der ein oder andere wildgewordene Hund. In regelmäßigen Abständen hören wir das laute Hupen als Warnsignal der näher kommenden Züge. Anscheinend weiß mittlerweile jeder Lokführer im Urubamba-Tal, dass da zwei verrückte Touris auf den Gleisen laufen. Doch statt böser Blicke wird uns zugewunken und unser Todesmut mit einem Lächeln bestaunt. Die Bauarbeiter geben uns sogar immer wieder Hinweise wie weit es noch ist und wünschen uns eine schöne Reise.

Das schlimmste sind die Hunde.

Die Wanderung an sich ist wunderschön und wird auf Grund wechselnder Natur und dem gewissen Kick, wenn es mal wieder durch einen etwas längeren Tunnel geht, nie langweilig. Stapfen wir die ersten Kilometer noch durch die tiefen Schluchten des Torontoy Canyons befinden wir uns wenig später im Nebelwald und auf den letzten Kilometern im Regenwald. Immer wieder sehen wir kleine Inka-Ruinen, die uns daran erinnern wo wir uns eigentlich gerade befinden – auf den Spuren der Inkas!

Aguas Calientes

7 Stunden später und 28 Kilometer weiter erreichen wir das von Steilwänden aus Fels und Nebelwald umgebene Aguas Calientes. Müde und erschöpft checken wir ins Hostel ein, genehmigen uns eine ausgiebige Mahlzeit und tauschen mit anderen Reisenden unsere Erfahrungen aus. Erstaunlicherweise treffen wir niemanden, der auf die Idee kam, die umgerechnet 50€ für die Zugfahrt lieber in Unterkunft und Essen zu investieren.

Aguas Calientes hat mir auf Anhieb gefallen. Die Stadt sträubt sich nicht davor, sich auch von seiner hässlichen Seite zu präsentieren, obwohl hier tagtäglich tausende Besucher aus aller Welt Halt machen. Auf dem Markt sieht man das typische und alltägliche Leben der Peruaner. In den Nebenstraßen lungern die Straßenhunde, liegen die Müllsäcke und zwischen teuren Hotels und Restaurants findet man Lokalitäten mit den typischen Preisen für Set-Menüs sowie Ramschhändler die ihre Gemälde und Armbändchen an den Mann bringen wollen. Man merkt aber auch, dass die Stadt aus den Einnahmen von Zug und Weltwunder profitiert. Ein riesiger Sportplatz, frei zugänglich für Jedermann, Polizisten an jeder Ecke und schöne Brücken verleihen dem Städtchen eine gewisse Schönheit.

Pollo a la Brasa

Wir haben uns dazu entschieden, es etwas gemächlicher angehen zu lassen und einen Tag in Aguas Calientes zu relaxen. Da mein Schlafrhythmus seitdem ich in Südamerika etwas aus den Fugen geraten ist, habe ich mich an dem Tag an dem es eigentlich ‘Relaxen’ hieß, kurz nach Sonnenaufgang auf den Weg gemacht die umliegenden Wälder zu erkunden und habe eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Ich laufe entlang der Gleise, sehe einen Waldweg der an einem kleinen Holzhäuschen vorbei immer weiter nach oben führt. Ich genieße den Blick auf Aguas Calientes, auf den mit Wolken umringten Gipfel des Machu Picchu Mountains und laufe immer weiter nach oben. Ich überquere eine Art Brücke – wenn man zwei Baumstämmchen als Brücke bezeichnen will – und lande an einer Holzhütte mit der Aufschrift “careful” und sehe eine Leiter die ins Nichts zu führen scheint. Die ersten Streben der Leiter fehlen vollkommen. Der Morgennebel verhindert die Sicht. Ich weiß nicht wie lang diese brüchige Holzleiter zu sein scheint, ob die restlichen Stufen halten. Ich habe keinen Schluck Wasser dabei, geschweigedenn hatte ich Frühstück. Ich entscheide mich umzukehren und dieser Leiter ihre Magie zu lassen. Nur davon zu träumen was wohl am anderen Ende zu finden ist…



Die Stadt in den Wolken – im wahrsten Sinne des Wortes!

Der Wecker klingelt mich aus meinem schlaf. Es ist 4:30 Uhr, Brötchen und Marmelade stehen zum Frühstück bereit und das ganze Hostel ist erstaunlich fit und munter. Alle mit dem gleichen Ziel, so früh wie möglich am Eingangstor zum Machu Picchu zu stehen. Punkt 5 Uhr lasse ich den Wärter am Eingang zum Trampelpfad, welcher in die Wolkenstadt führt, mein Ticket abstempeln. Mit etwa 50 anderen Rucksacktouristen teile ich mir den schmalen Pfad der uns immer weiter nach oben führt. Immer wieder rauschen die Busse an uns vorbei. Die Chance auf einen der vorderen Plätze in der Schlange wird von Minute zu Minute kleiner. Punkt 6 Uhr stehe ich am Eingang, checke ein und betrete diesen magischen Ort. Es ist düster hier oben. Morgennebel verdeckt die Sicht auf die umliegenden Berge. Ich nutze die Gelegenheit der frühen Stunde und erkunde die Ruinenstadt. Die erste halbe Stunde sogar ganz für mich allein. Es ist ein wahnsinniges Gefühl durch die ehemaligen Wohnhäuser der Inkas zu laufen. Ich schalte meine Kamera ein und bin die nächsten 2 Stunden in einer anderen Welt. Immer mit der Hoffnung, der Morgennebel verzieht sich endlich und ich kriege den perfekten Blick auf Machu Picchu und das perfekte Foto. Außer ein paar Lamas im Nebel, einem einsamen Baum und ein paar Naja-Schnappschüssen gelingt mir an diesem Morgen nicht viel.

Lamas im Nebel.


Gegen 11 Uhr mache ich mich auf dem Weg zum Sungate. Etwa eine Stunde dauert der Aufstieg. Ich sehe nix außer Wolken. Mein Geduldsfaden ist kurz davor zu reißen. Ein Mal im Leben steht man hier oben und was sieht man? Nix außer Wolken! Das gibts doch nicht. Ich setze mich hin, genehmige mir mal wieder ein paar Nüsse und warte. Und warte. Und warte. Ich gebe auf und begebe mich gesenkten Hauptes wieder nach unten. Wie ein kleiner Junge, der nach minutenlangem Betteln das Spielzeug was er sich schon immer gewünscht hat doch nicht bekommen hat. Ich treffe Marcelo. Ein Argentinier mit dem gleichen Ziel wie ich. Eine gute Sicht, ein schönes Foto und diesen, wenigstens einen magischen Moment. Wir warten, und warten und warten. Es ist 13 Uhr und es scheint sich heute nicht mehr viel zu ändern. In der Zwischenzeit dachte sich unsere nimmersatte Trekkingexpertin Jennifer, einfach mal den 3082 Meter hohen Machu Picchu Mountain zu besteigen. Allerdings mit den gleichen Erfolgsaussichten. Eine Nebelwand die den eigentlich surrealen Ausblick von dort oben wirken lässt, als befände man sich auf nem Feldweg im Thüringer Wald. Schade!

Marcelo – Hobbyfotograf aus Argentinien.

Machu Picchu Mountain!

Doch dann! Marcelo, Kamera raus und aufgestanden! Die Wolken lichten sich. Wir sehen es! Machu Picchu zeigt sich. Zwar nicht von seiner schönsten Seite aber es zeigt sich. Die Götter haben uns erhört und schieben die Wolken für einen kurzen Augenblick zur Seite. Wahnsinn. Magisch. Schön. Dieser Ort macht seinen Namen alle Ehre. Stadt in den Wolken! Ein absolut atemberaubender Moment, wir schießen Fotos und freuen uns wie der kleine Junge, der sein Spielzeug am Ende doch noch bekommen hat.

Machu Picchu!