Weite Wälder, gelber Ginster, blaues Kreuz

Von Erichkimmich @Erich_Kimmich

Dienstag 2. Juni 2015. Von Propières bis nach Le Cergne.

Madame Diot hat genau beschrieben wie ich auf kürzestem Weg nach Propières zur markierten Strecke komme. Sie ist in dem orangefarbenen kleinen Unterkunftsverzeichnis eingetragen und sucht mir für den kommenden Abend daraus eine Unterkunft. In Le Cergne ruft sie sogleich an und reserviert für mich.Dieses Heftchen scheint mir ein wirklich unverzichtbarer Helfer zu sein, denn vielfach sind darin die einzigen Möglichkeiten aufgeführt, überhaupt irgendwie unter zu kommen. Man kann die jeweils neueste Ausgabe des kleinen Heftchens bei den französischen Jakobsfreunden bestellen.

  

Draußen scheint die Sonne am blauen Himmel und es ist bereits recht warm. Ich verabschiede mich von La Musardière („dem Genuss“). Ein Stück weit gehe ich den gestrigen Weg zurück, biege dann aber Richtung Propières ab. Schräg links kann die die gestrige Strecke erahnen und den mächtigen Mont St-Rigaud sehen.


Blick zurück auf die gestrige Etappe: Mont St-Rigaud

In Propières besuche ich das Hotel-Café. Es ist voller Menschen; die meisten sind unter beruflichen Aspekten hier. Ich genieße einen Café au lait auf der Terrasse (wo der feuchte Rucksack in der Sonne trocknen kann). Nun bin ich wieder auf dem offiziellen Camino, der parallel zur Durchgangsstraße führt. Noch einen Tipp habe ich bekommen: oben bleiben! Also nicht bis Azole hinab- und dann zum Col des Echarmeaux wieder aufsteigen. Ein bißchen Schummeln muss erlaubt sein… Vor den Häusern am Weg blühen Margeriten und alle Varianten des Mohns: in rosa, in rot und gelb, mit großen und mit kleinen Blüten.

  

Am Col des Echarmeaux (712 m) taucht der Weg in den Wald hinein. Zwischen den schattenspendenden Bäumen lässt es sich prima wandern. Beim Col des Aillets (715 m) überquere ich die Straße. Immer wieder ergeben sich herrliche Ausblicke hinunter in die Ebene. Es erinnert mich an den mittleren und südlichen Schwarzwald. Ein Stück später treffe ich auf die Straße, die als Grenze zwischen Rhône und Loire dient.

  

  

Immer wieder führt der Weg durch riesige Freiflächen. Hier hat man großflächig den Wald abgeholzt – das ist die Chance für den Ginster, der nun massenhaft seine gelben Blüten entfalten kann. Schon bald bin ich am Croix Bleue angekommen und nutze die im Schatten aufgestellten Bänke für eine Rast. Das blaue Kreuz, das auf dem Foto im Wanderführer mitten im Wald stand, steht nun frei vor einer großen ginsterbewachsenen Brachfläche. Hier müssen hunderte Festmeter Holz „geerntet“ worden sein. Schon naht mit Getöse eine riesige Staubwolke: Ein voll beladenes Langholzfahrzeug brettert mit hohem Tempo über den holprigen Sandweg an mir vorbei. Luft anhalten.
Die Strecke hier war übrigens vom 14. bis 17. Jahrhundert eine vielbenutzte Salzstraße.

Die zahlreichen Rodungen verschaffen dem Pilger immer wieder ausgezeichnete Blicke ins weite Land hinaus. Man glaubt, die Talebene der Loire erkennen zu können.

Am Col de la Bûche ist die Wegstrecke verlegt worden. Diverse Hohlwege führen mich steil abwärts nach Le Cergne. Ich soll noch vor 16:30 Uhr in der Unterkunft sein. Nachdem ich mich bei einem alten Herrn erkundigt habe, wo mein heutiges Quartier liegt, belohne ich mich für das flotte Tempo mit einem Panaché im Dorfgasthaus bei der Kirche. Noch etwa einen Kilometer, zum Schluss steil aufwärts und ich bin bei Philippe und Martine Danière angelangt, wo mich am Eingang ein kunstvoll gestalteter Jakobspilger begrüßt.

  

Das Zimmer ist sehr angenehm, vor allem die kühle Dusche ist ein echtes Erlebnis. So abgekühlt genieße ich im Lehnsessel unter der Birke den späten Nachmittag mit einem Blick auf das Dörfchen Le Cergne. Alles ist liebevoll hergerichtet – ein kleines Paradies. Unterhalb quaken Frösche in einem Teich. Im Schatten hängen in einem Kästchen Ziegenkäse in diversen Reifestadien zum Trocknen.

Philippe und Martine haben vier Kinder, die inzwischen alle ausgezogen sind. Drei Katzen genießen die Sonnenwärme auf der Terrasse.
An meiner Brille ist das kleine Haltefüßchen zur Nase hin abgefallen. Philippe klebt es mit einem Sekundenkleber talentiert wieder an.Wir essen gemeinsam auf der Terrasse zu Abend. Es gibt Auflauf, Käse, eigene Erdbeeren und zum Abschluss einen frisch geernteten Verveine-Tee. Wir unterhalten uns angeregt bis in die Dunkelheit.

23,1 km 3,3 km/h 6:47 891 hm 712 hm 263,4 km.

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