Wat soll dä Kwatsch?: Microgreens – eine kleine Versuchsreihe

Von Cookinblog

Ein zentraler Pfeiler des kapitalistischen Systems unserer Zeit ist der tief sitzende Zwang, in immer kürzeren Abständen eine immer fettere Sau durchs Dorf treiben zu müssen. Dieses Diktat basiert auf der tief sitzenden und – vermutlich begründeten – Angst, dass der Verbraucher seine völlig überforderte Aufmerksamkeit nur dann einem Thema zuwendet, wenn man es ihm mindestens als mittlere Revolution verkauft.

Für die Nahrungs- und Genussmittelindustrie heißt die aktuelle Sau: Gesundheit!

Plötzlich ist die Hälfte der Kartoffeln regional und das Bioregal exakt so groß wie das Regal mit den Nicht-Bio-Lebensmitteln. Erstaunlicherweise sind die vermeintlich gesunden Lebensmittel häufig gar nicht wesentlich kostspieliger als die herkömmlichen.

Ein Schuft, wer Böses dabei denkt!

Die Presse, die dasselbe Problem mit der Sau hat, greift den Trend auf und lässt Natürlichkeit, Regionalität und Gesundheit hochleben als wäre es das Natürlichste auf der Welt und schon immer da gewesen. Gijibeeren, Quinoa, Chiasamen,  Urgetreide – die Liste der Buzzwords ist lang.

Eine besonders beliebtes Thema in diesem Zusammenhang sind Microgreens.

Ich will keinen Hehl daraus machen: das Konzept kam mir von Anfang an ziemlich banane vor.

Aber neue Ideen verdienen eine faire Chance. Und so habe ich über den Sommer eine Auswahl an Microgreens gezogen und Freunden und Familie zur Verkostung serviert…

Worum gehts?

Unter dem Begriff Microgreens versteht man sehr junge Keimlinge von Pflanzen, die innerhalb weniger Tage nach Keimung verzehrt werden. Dabei kann es sich um fast alle Gemüse- und Kräuterarten handeln. Als besonders geeignet gelten z.B.:

Amaranth, Beete, Rettich, Kohl, incl. z.B. Grünkohl, Rotkohl, Senf, Endivie, Rucola, Erbsen, Spinat, Basilikum, incl. z.B. Thaibasilikum, Buschbasilikum und Weizengras.

Keine Microgreens sind nach dieser Definition:

– speziell klein gezüchtete Mikrogemüse und -Kräuter,
– Sprossen und
– Kressen.

Das Konzept der Microgreens basiert dabei auf der, bisher nicht abschließend bewiesenen, Annahme, dass junge Keimlinge über substantiell mehr Nährstoffe verfügen als ausgewachsene Pflanzen.

Sprich: man verspeist den jungen Erbsenkeimling in der Hoffnung, das der sinnbildlich kraftstrotzende Pflanzen-Jungspund möglichst viel seiner reichlich vorhandenen Vitalität in den Esser übertragen möge.

Für visuell veranlagte Köche findet sich zudem ein zweiter Vorteil: die kleinen Keimlinge sind optisch substantiell attraktiver als ihre ausgewachsenen Exemplare und – da schlägt das Blogger-Herz höher – auch deutlich fotogener.

So weit – so gut.

Schalte ich meinen gesunden Menschenverstand ein, kommt mir die These mit dem Nährwert nicht sehr schlüssig vor.

Wieso?

Zum Ersten ist es eine unfassbare Verschwendung, den Keimling einer Nutzpflanze zu verzehren, die im Laufe ihre Lebens einen x-fachen Ertrag einbringen würde (dass das gleiche Argument auch den Verzehr aller Samen und z.B. von Eiern verbieten würde, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.)

Zum Zweiten habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass der Geschmack ein guter Hinweis auf den Nährwert ist. Meint: wenn eine Pflanze gut schmeckt, ist sie vermutlich reif und eben auch nahrhaft. Wenn nicht, ist sie vermutlich nicht besonders nahrhaft – und häufig auch nicht besonders gut verdaulich.

Das Experiment

Nachdem ich den Nährwert von Microgreens nicht bestimmt kann, habe ich die Kategorien „Geschmack“ und „Optik“ zum zentralen Thema meines kleinen Experimentes gemacht:

Vorgehen: Ich habe insgesamt neun Pflanzen als Microgreens gezogen, nämlich:

Gemüseamaranth
Blutampfer
Erdbeerspinat
Senfspinat
Radies
Gelbe Beete
Rote Beete
Zuckerebse (Keimling)
Mibuna

Dagegen habe ich fünf Pflanzen gestellt, die klassischerweise roh verzehrt und als Dekoration eingesetzt werden – die Klassiker:

Borretsch (Blätter & Blüte)
Gartenkresse
Senfsprossen
Zuckererbse (Blüte)

Alle Pflanzen habe ich von möglichst vielen Personen probieren lassen.

Los gehts…

Zunächst die Microgreens

Gemüseamaranth

Optik: Nicht schlecht. Die rot-grüne Verfärbung hat etwas.
Geschmacklich: Herb, eher neutral.
Fazit: Kein Knüller. Insbesondere geschmacklich können die Amaranth-Keimlinge nicht überzeugen.

Blutampfer

Optik: Ganz niedlich, auch wenn sich die grüne Färbung mit den typischen roten Adern noch nicht eingestellt hat.
Geschmacklich: Gut. Feine Säure, nicht so rustikal wie die „ausgewachsenen“ Blätter.
Fazit: Schwierig. Geschmacklich gut, die Optik „älterer“ Blätter ist aber deutlich schöner.

Gelbe Beete

Optik: Ganz hübsch, kein Knüller.
Geschmacklich: Fad bis neutral. Das typische Aroma von Beete ist nur mit viel Phantasie zu erahnen. Geschmacklich bringen die Keimlinge auf dem Teller keinen Mehrtwert.
Fazit: Enttäuschend.

Rote Beete

Optik: Prima. Schöne Rotfärbung. Visuell sehr ansprechend.
Geschmack: Klasse. Sehr feines, frisches aber deutliches rote Beete-Aroma. Tolle Frische. Keinerlei Kellermief, den die reife Beete ja gerne verströmt.
Fazit: Sehr schön. Da gibt es nichts zu meckern.

Radies

Optik: Ganz hübsch, kein Knüller.
Geschmack: Ganz entfernt Radieschen-haft mit minimaler Schärfe.
Fazit: Kann man machen, muss man aber nicht.

Erbsen – Keimlinge

Optik:  Etwas pummelig. Geschmackssache.
Geschmack: Neutral, herb.
Fazit: Nicht toll. Lieber die jungen Triebe größerer Pflanzen verwenden.

Mibuna

Optik: Ganz nett.
Geschmacklich: Super! Ganz feine Senfnote. Deutlich eleganter als die Gartenkresse.
Fazit: Super. Ein echter Gewinn. 

Senfspinat & Erdbeerspinat

Erdbeerspinat

Senfspinat

Optik: OK. Nicht mehr, nicht weniger.
Geschmack: Neutral. Selbst mit viel Phantasie sind weder Spinat noch Erdbeere noch Senf schmeckbar.
Fazit: Überflüssig.

Die Klassiker

Borretsch – Blüte

Optik: Sehr hübsch.
Geschmack: Klasse. Sehr fein, sehr frisch, würziges Gurkenaroma. Gefällt allen Beteiligten sehr gut.
Fazit: Sehr schön. Ein echtes Highlight, zumal Borretsch ziemlich anspruchslos ist und viele Blüten entwickelt.

Borretsch – Junge Blätter

Optik: Mäßig hübsch.
Geschmack: Sehr ähnlich wie Blüte – aber intensiver. Klasse. Sehr fein, sehr frisch, würziges Gurkenaroma.
Fazit: Klasse. Optisch kein Kracher aber extrem fein uns intensiv im Geschmack. Eignet sich sich sehr gut für kleine, filigrane Happen. Ein echter Mehrwert.

Erbse – Blüte

Optik: Sehr schön. Große, weiße Blüte. Visuell ein Knüller.
Geschmack: Klasse. Sehr frisches, wunderbar klares Erbsenaroma.
Fazit: Super. Sieht top aus, schmeckt toll. Ein echter Mehrwert.

Gartenkresse

Optik: Mir persönlich gefallen die kleinen, kompakten Blättchen. Objektiv kommen sie aber gegen die Rote Beete nicht an.
Geschmacklich: Super. Ein Klassiker halt. Dezente, schöne Schärfe. Senftöne. Zurückhaltend dosiert ein echter Würzknüller.
Fazit: Super. Sollte man viel öfter verwenden.

 Senfsprossen

Optik: Sehr attraktiv. Auf dem Teller ein echter Hingucker.
Geschmacklich: Toll. Feine Schärfe, hintergründige Senfnote.
Fazit: Super!

Ergebnis

Um es kurz zu machen: das Konzept Microgreens überzeugt auf Basis dieses Versuches nicht. Lediglich die Rote Beete und Mibuna waren wirklich überzeugend, alle anderen Pflanzen waren mehr oder weniger neutral im Geschmack.

Die klassisch verwendeten Pflanzen dagegen funktionieren super: Borretsch, sowohl die jungen Blätter als auch die Blüten, Gartenkresse, Senfsprossen und Erbse sind optisch wie geschmacklich ein echter Gewinn.

Bleibt die Frage, warum die getesteten Microgreens, z.B. der Radies, in zahlreichen Beiträgen als lecker angepriesen werden.

Ich werde mich bei den nächsten Versuchen auf die klassischen Pflanzen konzentrieren, insbesondere Kressen und Blattsenf-Arten (Mibuna). Ich denke, dass dort einiges Potenzial schlummert…


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