Warum muss sich nicht nur der Kapitän der Costa Concordia unangenehme Fragen gefallen...

Richtig - diese Frage hatten wir schon vor zwei Jahren , als das Kreuzfahrtschiff vor der Insel Giglio infolge Costa-Concordiaeiner "unerwarteten Begegnung" leck schlug und schliesslich in seiner Tod bringenden Schräglage endete . Die Antworten kommen jetzt nach und nach aus dem Gerichtssaal in Grosseto , wo seit einigen Monaten über die strafrechtlichen Verantwortlichkeiten verhandelt wird. Dabei gerät die Theorie des leichtsinnigen und alleinschuldigen Schiffskapitäns Schettino, der die volle Wucht internationaler Medienhäme zu spüren bekam und die Glaubhaftigkeit eines ganzen Landes in Mitleidenschaft zog, immer mehr ins Wanken. Die Zeremonie des "Inchino" d.h. Annäherung an das Festland unter nächtlicher Vollbeleuchtung und Hupen der Bordsirene , war eine werbewirksame und von der Reedergesellschaft ausdrücklich genehmigte Praxis. Herausgestellt hat sich auch , dass der Kurs der Costa Concordia vom 13. Januar 2012 nahezu identisch mit der am 5. August 2009 und 14. August 2011 eingeschlagenen Route (bis auf 230 m vor der Küste ) war. Wohl nicht ohne Grund wurde sie seinerzeit von der Versicherungsgesellschaft Lloyd als "mancato incidente" (Beinahe-Unfall) eingestuft . Merkwürdig auch die Tatsache, dass eine Befragung der betreffenden Kapitäne im Zeugenstand vom Richter abgelehnt wurde. Brancheninsider berichten, dass im Verlauf der Jahre eine Art Wettbewerb unter den Costa-Kapitänen entstand unter dem Motto " wer wohl der mutigste unter uns ist". Zudem gab es bereits vor dem Unglück bei der Costa Concordia drei Bordhavarien, die nicht den zuständigen staatlichen Überwachungsorganen gemeldet wurden. Mindestens genauso beunruhigend sind die auf dem Schiff herrschenden organisatorischen Gegebenheiten: Angefangen von dem schlecht ausgebildeten, kaum der italienischen Sprache mächtigen Personal und dem defekten Alarmsystem Mistral bis hin zu funktionsuntüchtigen Sicherheitstoren und Notstromaggregaten . Doch am schwersten wiegt wohl der Umstand, dass der indonesische Steuermann das von Francesco Schettino (richtigerweise) auf Englisch gegebene Ausweichkommendo nicht rechtzeitig befolgt und schliesslich auch noch gegensätzlich interpretiert hat. Auch das von den Medien wochenlang genüsslich ausgeschlachtete Gespräch mit der Küstenwache , bunt untermalt mit einem typisch italienischen Schimpfwort und der Aufforderung an den Kapitän , wieder an Bord zu gehen , steht nicht in Einklang mit der jüngsten Tatsachenenthüllung. Danach war dieser von einem Vorgesetzten der Reedergesellschaft nachweislich dazu aufgefordert worden , das Schiff nicht wieder zu betreten und die Evakuierung einem eigens dazu berufenen Safety Manager zu überlassen.
Noch unklar ist, ob im Prozessverlauf weitere , für den ( übrigens nicht italienischen, sondern amerikanischen Luxusliner ) kompromettierende Einzelheiten zur Sprache kommen. Fünf Costa-Angehörige haben sich inzwischen mit der Justiz im Schnellverfahren aussergerichtlich auf Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren geeinigt. Der (materielle) Schaden für die schon kurz nach dem Unglück von Costa mit einer Geldzahlung ruhig gestellten Reisenden lässt sich wohl als abgegolten bezeichnen. Offen bleibt, wieweit der unter dem Stichwort "Imageverlust " ausgelöste Schaden für das international geschätzte Urlaubsland Italien reparierbar ist. Der Schaden für die Hinterbliebenen der 32 Toten hingegen ist wohl nie wieder gut zu machen. Menschenleben als Tribut an unsere sensations- und profitgewohnte Spassgesellschaft ? nix Evviva ....auch kein Bella Italia