Warum ich Rituale hasse

Von Vera Nentwich @veraswelt

Als ich letztens meine Leserinnen und Leser fragte, zu welchen Themen sie gerne etwas auf Veras Welt lesen wollten, (siehe "Ich mach mich nackisch") kam mehrfach der Wunsch, ich möge doch über meine Schreibrituale etwas sagen. Ich kenne die Frage nach Ritualen schon aus vielen Autoreninterviews. Viele Ratgeber geben auch den Tipp, sich ein Ritual zu schaffen. Aber mir bereitet dies Probleme. Ich tue mich schwer damit.

Ein Ritual (von lateinisch ritualis ‚den Ritus betreffend‘, rituell) ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder weltlicher Art sein (z. B. Gottesdienst, Begrüßung, Hochzeit, Begräbnis, Aufnahmefeier usw.).Wikipedia
Liest man die Definition zu Ritual auf Wikipedia, fällt einem direkt auf, dass ein Ritual etwas sehr Starres ist. Von Regeln ist dort die Rede und von hohem Symbolgehalt. Aber dies sind Begriffe, die für mich mit dem Schreiben nicht in Einklang zu bringen sind und die zu meinem Leben erst recht nicht passen.

Der Sinn eines Rituals


Ein Ritual hat den Sinn, durch festgelegte Handlungsweise einen gewissen Halt zu geben, die Konzentration auf das Wesentliche zu legen. Doch wie oft erlebt man, dass dadurch irgendwann das eigene Ziel in den Hintergrund gerät und das Ritual zum Selbstzweck wird. Man macht Dinge und weiß gar nicht, warum man dies tut. Man arbeitet die Regeln ab, ohne das eigentliche Ziel je zu erreichen. Ein Ritual empfinde ich als Korsett, weil es Vorgaben macht. Da ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin, engen mich derartige Korsetts ein.

Rituale muss man hinterfragen


Natürlich gibt es bei mir auch Dinge, die ich regelmäßig tue. Es gibt Umstände, unter denen ich am liebsten schreibe. Beispielsweise liebe ich es, am Wochenende in mein Lieblingsbistro zu gehen, mich an meinen Stammplatz zu setzen und dort zu schreiben.

Vielleicht eine Art Ritual:
Mein Samstagmorgen im Bistro Zicke

Doch es gibt Tage, an denen ich am Morgen aufwache, feststelle, dass ich spät dran bin und das Risiko besteht, dass mein Lieblingsbistro bereits gut gefüllt ist, bis ich dort bin, und mein Stammplatz besetzt sein könnte. Manchmal erwische mich dabei, dass ich dann beginne, mich zu beeilen. Ich gerate unter Druck, weil ich mein Ritual einhalten möchte.

Ich hasse Druck


Schreiben ist nicht mein Beruf, sondern mein Hobby und damit Teil meiner Freizeit. Ich hasse es generell, unter Druck gesetzt zu sein, aber besonders in meiner Freizeit. Dies ist auch der Grund, warum ich Rituale hasse, denn sie setzen mich irgendwann unter Druck. Wenn ich diesen Moment erreicht und vor allen Dingen auch erkannt habe, muss ich das Ritual aufbrechen. Das kann dann schon mal dazu führen, dass ich statt ins Büro nach Paris fahre. (siehe "Fünf Stunden bis Paris") Also werde ich an dem Morgen, an dem ich erst später aufgewacht bin, vielleicht an einem völlig neuen Ort schreiben. Es wird meinem Geist neue Impulse und der Geschichte, an der ich gerade arbeite, überraschende Wendungen geben. Am nächsten Wochenende fahre ich dann sicher wieder gerne und ganz freiwillig in mein Lieblingsbistro.

Ganz ohne Regeln geht es nicht


Doch es ist mir natürlich bewusst, dass es nie völlig ohne Regeln geht. Ich brauche die Regel, kontinuierlich zu schreiben, wenn ein neuer Roman fertig werden soll. Und ich muss mich auch so manchen Morgen zwingen, mich vor der Arbeit an den Computer zu setzen und meine 500 Wörter zu schreiben. Aber für mich darf es kein Ritual werden. Es muss stets mein Wunsch sein, dies zu tun. Es muss die Freude am Tun im Vordergrund stehen. Es ist wie beim Vorhaben, regelmäßig zu joggen. Ich brauche immer die Vorstellung von dem guten Gefühl, dass ich nach Absolvierung der Strecke habe. Würde jemand verlangen, dass ich jogge, würde ich keinen Schritt tun. Selbst wenn ich dies selbst von mir verlangte. In mir steckt eben doch eine kleine Revoluzzerin.
Wie hältst du es mit Ritualen? Hast du welche oder rebellierst du auch manchmal dagegen?