Warum ich gegen Religionsunterricht an staatlichen Schulen bin

von Jens Bertrams

WEIMAR. (fgw) Manche Atheisten und Humanisten fordern schon seit einer Weile, den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach abzuschaffen. Die Vertreter der Kirchen wehren sich notfalls mit einer einfachen Behauptung dagegen: “Das ist grundgesetzwidrig”. Außerdem empfinden sie den Lebenskundeunterricht offensichtlich als Bedrohung ihres Besitzstandes.

Warum ich gegen Religionsunterricht an staatlichen Schulen bin

Es war, wie so oft in letzter Zeit, eine Bemerkung auf Twitter, die mich auf das Thema aufmerksam machte. Der evangelische Pfarrer und Theologe Alexander Ebel schrieb als Zitat aus einer Pressemeldung: “Es ist nicht nachvollziehbar, worin der Mehrwert eines nichtreligiösen Lebenskundeunterrichts liegen könnte”. Mir fiel die Antwort von selbst auf die Zunge: In der Neutralität eines solchen Unterrichts. Naiv wie ich war habe ich den “Lebenskundeunterricht” zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Religionskundeunterricht verwechselt, aber zu Beginn der Debatte war das nicht so wichtig. Gleichzeitig las ich, dass der Papst sich gegen den Lebenskundeunterricht in Spanien wehrt, in dem über Homosexualität, Scheidung und Abtreibung offen gesprochen wird. Er behauptete, das Vermitteln dieses Wissens verstoße gegen die Religionsfreiheit.

Für mich war dies ein weiterer Beweis dafür, dass die Kirche mit Hilfe des Begriffs Religionsfreiheit versucht, Wissen zu unterdrücken und Menschen dumm zu halten. Nun weiß ich natürlich selbst, dass es zwischen Kirche und Kirche Unterschiede gibt. Trotzdem: Der Religionsunterricht ist das Zugeständnis des neutralen Staates an die Kirchen, Kinder in ihrem Sinne erziehen zu dürfen, frei nach dem Motto: “Get them while they’re young” (aus dem Musical “Evita”). Als ich mich in der folgenden Diskussion für die Einführung eines religionsneutralen Unterrichts aussprach, konterte Alexander Ebel, dies sei grundgesetzwidrig und verstoße gegen die Religionsfreiheit. Das war mir nicht eingängig, denn warum sollte das Grundgesetz eine bestimmte Religion bevorzugen? Warum sollte es überhaupt Religionsunterricht verpflichtend einführen, wo es doch den Staat zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet, und wo doch Staat und Kirche voneinander getrennt sind? Aber mein Gesprächspartner hatte recht, wie sich nach kurzer Recherche herausstellte, mit der ich mein Grundgesetzwissen wiedereinmal auffrischen durfte. (…)

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]


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