Warum die Stimme Gottes immer enttäuschend ist

Von Mozartzuvielenoten

Wenn Gott spricht, hat Er stets ein Hallgerät angeschlossen. Das wissen wir spätestens seit den Monumentalfilmen der 50er Jahre.

Gott spricht sehr bedächtig, mal höher, mal tiefer, ansonsten aber ist Seine Stimme ziemlich unspektakulär.

Der große, große Moment der Epiphanie Gottes gerät filmdramaturgisch regelmäßig zum Desaster. Warum Salomo oder Mose beim Hören dieser latent komischen Stimme zitternd auf die Erde fallen, bleibt uns unverständlich. In den 70er Jahren hat Carl Reiner darum die ironische Konsequenz gezogen und das Hallgerät ganz abgeschaltet – es bringt schließlich eh nichts.

Warum ist das so?

Die Regisseure sitzen offensichtlich dem Missverständnis auf, ein beeindruckendes Geschehnis müsse durch seine Materialität beeindruckend sein. Gottes Stimme müsse von Haus aus so überwältigend klingen, dass der Kinozuschauer ebenso zittere und zage wie der alttestamentliche Held auf der Leinwand.

Doch das ist völlig falsch.

Wirklich überwältigende Ereignisse sind in den seltensten Fällen allein durch ihre Materialität beeindruckend. Sie werden es durch ihr Umfeld.

Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur bei einem Film gegen Ende einschalten, mitten in die entscheidende Verfolgungsjagd. Man sieht nichts weiter als zwei Typen durch die Gegend laufen – so unspannend wie ein Cricketmatch. Erst wenn man den Film von Anfang an gesehen hat – wenn man die Handlung kennt, sich mit dem Helden identifiziert und den Schurken verachtet, dann wird die Verfolgungsjagd spannend. Ihre reine Materialität, Verlauf, Timing usw., kann die Spannung nur verstärken, nicht erzeugen.

Überwältigende Erlebnisse, die aus dem Nichts kommen, gibt es durchaus. Manchmal erleben wir im Traum solche epiphaniehaften Blitzlichter, die, ohne dass wir den Kontext verstünden, plötzlich dasind und uns gefangennehmen. Zwei Straßenlaternen, die sich gegeneinander neigen… und dieses Bild ist so unglaublich schön und voller Liebe, das wir vergehen könnten!! Die ganze Welt in zwei Straßenlaternen. Und niemand sagt uns, warum Straßenlaternen und warum Liebe, und wir fragen nicht, weil es uns eh klar ist, im Traum. Und darum können wir den Traum niemandem erzählen, weil die emotionale Intensität, die wir erlebt haben, rein gar nichts mit der Materialität des Gesehenen – zwei blöde Straßenlaternen – zu tun hat.

Nun ist mir Gott bisher weder im Traum noch in Wirklichkeit erschienen, doch wenn Er es mal vorhat, muss es wohl so ähnlich sein wie mit den Straßenlaternen. Es ist völlig egal, wie Seine Stimme klingt. Er könnte lispeln oder eine Fistelstimme haben, es würde überwältigend sein. Die Situation hat, ebenso wie die Traumwelt, ihre eigenen Gesetze. Mose und Salomo erfahren das. Sie stehen in dieser Situation. Der Kinozuschauer nicht. Darum muss die Kunst andere Wege gehen, um das Unglaubliche erfahrbar zu machen.

Cecil B. DeMille geht in Die Zehn Gebote (1956) bereits ansatzweise in diese Richtung. Der etwas bizarre göttliche Subbass wird mit einem pianissimo-Akkordteppich unterlegt – so ähnlich, wie es Bach in der Matthäus-Passion mit den Worten Jesu macht. DeMille vertraut also nicht allein auf die Materialität der Stimme, sondern schafft eine künstlerische Überhöhung in Form von Musik, die nur für uns da ist, während Mose sie nicht hören kann. Allerdings bleibt die musikalische Überhöhung synchron zur Epiphanie – sie beginnt und endet zeitgleich mit ihr.

Um die Unglaublichkeit des Ereignisses für den Zuschauer plausibel zu machen, müsste sie aber früher beginnen. Der Zuschauer, der nicht träumt und nicht vom Blitz getroffen wird, der nicht an die liebesspendende Kraft von Straßenlaternen glaubt, sondern sich eben noch ganz banal drüber geärgert hat, dass das Teil vor seiner Wohnung ihm so grell ins Zimmer leuchtet, dieser Zuschauer muss sanft und unmerklich in die Eigengesetzlichkeit der Traumwelt hineingeführt werden. Die Kunst muss einen dergestalten Strudel aufbauen, dass es für ihn – ebenso wie für Mose – ganz egal wäre, ob Gottes Stimme ein Bass oder ein Sopranino ist, weil er sich durch die ganze Vorbereitung in derselben unglaublichen Stimmung befindet wie Mose innerhalb eines Augenblicks durch die Erscheinung Gottes.

In gewisser Weise ist diese Vorbereitung natürlich Betrug. Die wahre Epiphanie, ob im Traum oder in der Realität, passiert unerwartet, unvorbereitet – sonst wäre sie keine Epiphanie. Doch die Kunst, die weder Gott noch Schlaf ist, hat keine andere Möglichkeit, als sie über die zeitliche Entwicklung herzustellen. Es gilt in diesem Fall wie generell: Das Außergewöhnliche in der Kunst kann niemals allein über das Material, sondern nur im Zusammenspiel mit der Form entstehen.

Das Hallgerät, lieber Cecil B. DeMille, kann also drinbleiben. Aber den Regler bitte gaanz langsam aufdrehen!!