Warum bin ich, wie ich bin?

Auf der Bühne findet sich nichts weiter als ein Sessel, mittig platziert, und daneben, am Boden, ein Verstärker und eine E-Gitarre. Drei Standmikrofone ergänzen die kärgliche Ausstattung. Mehr braucht Panaibra Gabriel Canda, gebürtig aus Mosambik, nicht, um „The Marrabenta Solos“ zu tanzen. Im Brut, auf Einladung der Wiener Festwochen. Und das immerhin an vier aufeinander folgenden Tagen. Eine Monsteranstrengung, denn Canda agiert alleine tanzend, begleitet von Jorge Domingos. Der schlanke, hochgewachsene Gitarrist erweckt mit seinem eingebeulten Strohhut und der dunklen Sonnenbrille Erinnerungen an Urlaubstage in heißen Gefilden. Seine Musik changiert zwischen Al di Meola–Klängen und einer Crossover-Melange afrikanischer Volkslieder bis hin zu Harry Belafonte Sequenzen. „Marrabenta“ nennt man diesen Musikstil. Virtuos und rhythmusbestimmend legt Domingos den auditiven Teppich zu Candas Tanzperformance, die sich dem Einfluss von politischen Systemen auf den menschlichen Körper widmet.

Panaibra Gabriel Canda lieferte mit „The Marrabenta Solos“ ein Lehrstück für die direkte Einflussnahme von Politik auf die Körperlichkeit der Menschen.

Panaibra Gabriel Canda lieferte mit „The Marrabenta Solos“ ein Lehrstück für die direkte Einflussnahme von Politik auf die Körperlichkeit der Menschen. (Foto: Bruno De Tollenaere)

Der Tänzer und Choreograph, der 1998 das Kulturzentrum und Produktionshaus CulturArte in Maputo gründete, mit dem er die lokale Tanzszene in Mosambik unterstützt, beginnt mit dem Rücken zum Publikum. In einer Art Aufzählung berichtet er über seine Abstammung väter- und mütterlicherseits, seine Geschwister und die Geschichte seines Landes. Eine Geschichte, die über 400 Jahre von portugiesischer Herrschaft bestimmt war, nach der Loslösung von Portugal vom Kommunismus heimgesucht wurde, um letztendlich in einer Demokratie zu enden, die mit der westlichen Vorstellung von Demokratie nicht viel gemein hat. Ganz langsam entwickelt er dabei ein Bewegungsstenogramm, welches all die unterschiedlichen Einflüsse wie Sprache, Kultur und Politik veranschaulicht. Die erhobene Faust der rechten Hand als Zeichen der kommunistischen Herrschaft, den ausgestreckten, nach unten deutenden linken Arm als Zeichen der demokratischen Gesinnung.

Neben vielen anderen sind es diese knappen Bewegungsmuster, die sich im Laufe der Vorstellung immer wieder in die Quere kommen. Ich bin ein Portugiese der Überseeprovinz, ein Kommunist und ein Demokrat – dieses Eingangsstatement wird von Canda gehörig hinterfragt. Was ist er denn nun eigentlich wirklich? Die Suche nach der eigenen Identität erfolgt bei ihm durch das Aufzeigen der jeweiligen ideologischen körperlichen Ausdrucksmittel. Als Tänzer, der den portugiesischen Fado mit zahlreichen Bewegungselementen aus dem klassischen Tanz vorführt, wirkt er nicht nur tänzerisch brillant, sondern vor allem lächerlich. Seine eingefrorene Miene und seine präzisen Tanzschritte sind eine wunderbare Karikatur jener Kolonialherrschaft, die sich bis heute in die Körper der Menschen von Mosambik eingebrannt haben.

Ein Stahlhelm, bestückt mit Patronenhülsen und einem Patronengurt als Kinnhalter, zwei Rasselschienen, die sich Canda vor die Unterschenkel schnallt und zwei schwarze Armstulpen – diese wenigen Requisiten werden im Laufe der Vorführung zu Metaphern der jeweiligen Machtsysteme. Wie sehr diese gegen den Individualismus, aber auch gegen tradierte Sozialgefüge auftraten, wird in jener Passage deutlich, in welcher der Tänzer alle Devisen rezitiert, die den Körper betreffen. Man muss den Stammeskörper auslöschen, den rituellen Körper, man muss den schwarzen Körper auslöschen – wobei er beginnt, heftig an seiner Haut zu rubbeln. Man muss den afrikanischen Körper auslöschen, man muss einen assimilierten Körper schaffen! Mit diesen Parolen wird klar, dass sich Körperlichkeit und politische Systeme bedingen – für einen Tänzer noch viel stärker als für alle anderen Menschen. Canda ist ein Seismograph, der unwillkürlich und gegen seinen Willen, all das körperlich aufgenommen hat, was sich an Geschichte in seinem Land ereignete.

Auch mit seinem Kostüm – einer dunkelgrauen Hose und einem dunkelgrauen Muscelshirt, das in einem kleinen Streifen bunte Afrikafolklore aufblitzen lässt, macht er deutlich, wie sehr der menschliche Körper in seinem Heimatland von westlichen Wertemaßstäben geprägt ist. Es ist kein Wunder, dass Canda gegen Ende seiner Tanzperformance in eine Rolle verfällt, die deutlich macht, dass er an dem Widerstreit all dieser unterschiedlichen Einflüsse nicht als bereicherter Mensch hervorgeht. Vielmehr wirkt er gebrochen, verwirrt, wenn er seinen Gitaristen in hündischer Haltung über die Bühne begleitet und sich ununterbrochen die Frage stellt: Ich bin? Ich bin? Ich bin??? Seine ureigene, letztlich für ihn gültige Antwort liefert er mit der allerletzten Choreographie, in welcher er sich schlichtweg nur als Knochen, Haut und Muskeln bezeichnet. Ohne jede Ideologie. Beginnend vom Jahr 2000 bis in unser jetziges Datum zählt er am Boden liegend jedes einzelne Jahr und zum Schluss jeden einzelnen Monat auf. Nicht stehend, auf zwei Beinen, sondern erschlafft am Boden liegend. Eine stärkere Symbolik für eine Situation, die für ihn auch im Moment keine großen Zukunftsperspektiven bereithält, hätte er nicht wählen können. Dabei macht er klar: Er ist nichts anderes als wir – ein Mensch aus Fleisch und Blut, wie wir es bezeichnen würden. Ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen und eigenen Ausdrucksmöglichkeiten, die nur dann genützt werden können, wenn das politische Umfeld dazu auch passt.

Panaibra Gabriel Canda lieferte mit „The Marrabenta Solos“ ein Lehrstück für die direkte Einflussnahme von Politik auf die Körperlichkeit der Menschen. Er lieferte einen Schnelldurchgang durch mehr als 400 Jahre Geschichte von Mosambik und er lieferte nicht zuletzt eine künstlerische Volte, in der es ihm gelang, tänzerische Ästhetik mit pädagogischen Zielen zu vereinen. Keine leichte Kost, dafür aber eine nachhaltige.

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