Warten auf Carmen

Von Guidorohm

Träume von Carmen.
Sie weint, umarmt den Sessel. Tränen nässen das Polster. Dort wird nichts wachsen. Nur Schimmel.
Damit das nicht passiert, lüftet Martin regelmäßig. Er steht am Fenster, atmet die frische Abendluft ein, die nach feuchter Erde schmeckt.
Er sieht zu Sabine hinüber, die sich ihren Rotzfäden hingibt. Die damit ein Netz aus Trauer spinnt.
„Sie wird nicht mehr kommen“, könnte er sagen.
Oder: „Sie ist dort draußen. Irgendwo.“
Er sagt nichts, schweigt sich in die Nacht hinaus. Seine Gedanken schweifen ab, über den Fluss, ins Unterholz hinein, denn dort fanden sie Paul, nicht aber Carmen. Sie fanden Paul mit einem Gesicht aus Blut und rohem Fleisch.
Nur Carmen fanden sie nicht. Nie.
Seitdem tanzt sie als Erinnerung über das Wasser.
Sabine hebt das glänzende Gesicht.
Sagt: „Sie könnte in Berlin sein.“
„Und was sollte sie dort tun?“, fragt Martin.
Sabine blickt sich hektisch um. Findet ihre Antwort.
„Sie könnte beim Fernsehen arbeiten“, sagt sie und putzt sich die Nase.
„Sie könnte alles tun“, sagt Martin.
Dann wieder ausgedehntes Schweigen.
Die Träume von Carmen.
Die Nachtgedanken, die sich selbst im Tage nicht verlieren wollen.
Martin schließt das Fenster.
Er sperrt die Vergangenheit aus.
Carmen muss bleiben, wo sie ist.
Er sehnt sich nach Ruhe, die, so befürchtet er, Carmen längst hat.
Sabine befeuchtet weiter die Rückenlehne. Sie taucht in ihr Unglück. Sie kostet von der salzige Lache.
„Komm ins Bett“, sagt Martin.
„Ich muss noch ihre Decke zurückschlagen.“
„Sie …“
„Nein!“, schreit Sabine auf.
Sie weiß, Carmen wird kommen. Irgendwann. Sie wird vor der Tür stehen. Lächeln. Sagen: Hier bin ich!
Sabine wird ihr keine Fragen stellen.
Da bist du ja endlich, wird sie sagen.
Carmen wird ein Kind haben.
Einen Mann.
Carmens Mann wird verschämt lächeln und murmeln: Kinder können schrecklich sein …
Und dann werden sie lachen.
Sabine lacht auf.
„Warum lachst du?“, fragt Martin.
„Weil sie mit ihrem Mann und dem Kind natürlich nicht in ihrem alten Kinderzimmer schlafen kann. Wir werden uns etwas überlegen müssen.“
„Worüber …?“
Martin schüttelt den Kopf. Sanft. Sieht erneut aus dem Fenster. Keine Sterne.
Sie wird heute Nacht frieren, denkt er. Und dann: Ich muss mit Sabine zu einem Arzt. Wir müssen beide zu einem Arzt.
Sabine lächelt ihn glücklich an. Murmelt: „Dieses Kind. Wie konnte sie uns das antun?“
„Und Paul?“
Sabines Lächeln fällt zu Boden.
„Ein Zufall!“, sagt sie mit harter Stimme. Und dann noch einmal: „Ein Zufall!“
Sabine taucht ihre Nase wieder in das aufgeweichte Polster. Martin würde ihr jetzt gerne die Haare nach hinten streichen. Das hat er früher oft getan. Jetzt nicht mehr. Jetzt sind sie zu einem gefrorenen Bild in der Nacht geworden: Eine Frau, die im Sessel sitzt und weint, und ein Mann am Fenster, der spürt, dass die Nacht dort draußen sie langsam verschlucken wird.
Er schließt die Augen. Dort ist Paul. Seine aufgerissenen Augen. Daneben Carmen. Sie wirkt wie eine Schlafende. Entspannt. Sie scheint zu lächeln.
„Es geht ihr gut“, sagt Martin.
„Woher weißt du das?“, flüstert Sabine.
„Ich weiß es. Lass uns zu Bett gehen.“
„Ich muss erst …“
„Ja“, sagt Martin. „Wir werden ihre Decke gemeinsam zurückschlagen.“
Er streckt seinen Arm aus. Bietet ihr seine geöffnete Handfläche. Sabine überlegt einen Augenblick. Dann greift sie zu.
„Sie wird bald kommen.“
„Ja“, sagt Martin. „Ja.“