Waldo oder Warum er nicht liefern muss

Waldo oder Warum er nicht liefern mussDie Optimisten hatten es nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten geschafft, auch noch eine positive Quintessenz aus dessen Wahlsieg zu filtern. Der Mann würde jetzt nämlich liefern müssen. Und spätestens da fällt er auf die Schnauze und die Amis würden begreifen, dass sie einem Schwindler aufgesessen sind. Diese Hoffnung könnte sich zerschlagen. Trump liefert ja. Nicht stichhaltig, nicht faktisch. Aber er lässt es so aussehen. Er twittert seinem Volk vor, dass er politisch was erreicht, die Sache im Griff hat. Trump hat die Niederungen des »Liefernmüssens« durch Höhenflüge in den Netzwerken ersetzt. Er ist ja auch kein Politiker, sondern ein Avatar. Deshalb fruchtet diese letzte Hoffnung nur bedingt.

Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho hat Jörg Haider mal ein politisches Avatar genannt. Das ist Jahre her. Ihm schwebte damit ganz sicher nicht das vor, was Charlie Brooker zu einem Drehbuch für eine Episode in der Serie »Black Mirror« verwurstete. »The Waldo Moment« hieß die dreiviertelstündige Folge, eine beißende Medienkritik, die zwar visionär wirkte, aber bei genauem Hinsehen offenbarte, dass das gar keine Visionen waren, die da persifliert wurden, sondern unser täglicher Medienbetrieb im Verbund mit dem sozialen Netzwerken.
Waldo ist ein Cartoon, ein gezeichneter, aber von einem Darsteller live animierter Bär, der in einer britischen TV-Comedy auftritt. Dort stänkert er gegen Gäste aus Politik und Showbusiness und bedient jenen Humor, den man unter der Gürtellinie ansiedeln müsste. Eines Tages kommen er und der Produzent der Comedy auf die Idee, Waldo als Kandidaten für die Parlamentswahl aufzustellen. Man wolle nicht gewinnen, nur Quote machen. Der Wahlkampf flacht umgehend ab, Waldo beleidigt, Sachthemen kommen bei ihm gar nicht zur Sprache, weil er alles zu einem einzigen Scherz degradiert. Den tatsächlich spießigen Aussagen des konservativen Kandidaten schenkt er in einer Talkshow zum Beispiel nur eine Reaktion: Er reckt ihm einen animierten erigierten Penis entgegen. Die Lacher hat er natürlich auf seiner Seite. Überhaupt mutiert Waldo zu einer Sympathiefigur der Politikverdrossenheit. Man interpretiert seinen Wahlkampf zum Widerstand gegen »die da oben« um.
Der CIA wertet die Ereignisse in Großbritannien hingegen auf andere Weise und erkennt in dem Avatar eine Chance für die Zukunft. Man kontaktiert den Darsteller und den Produzenten und ermutigt sie, Waldo zu einer Marke zu machen. Denn man habe mit dieser Aktion bewiesen, dass man ohne politische Inhalte dennoch Politik machen und Wähler aktivieren könne. Der Waldo-Darsteller kriegt die Krise, er zweifelt an der Aktion und steigt aus; Waldo - jetzt unter Steuerung des Produzenten selbst - wird dennoch fast ins Parlament gewählt, verspricht aber jedem 500 Pfund, der den Gewinner mit einem Schuh bewirft. Am Ende der Episode sieht man den ehemaligen Darsteller in einer Zukunft, in der er als Obdachloser in einer Straßenunterführung schläft. Polizisten, die wie Robocops aussehen, wecken ihn und treiben ihn an zu verschwinden. Er läuft in ein Geschäftsviertel, überall sind Waldos mit verschiedenen Flaggen und Sprachen zu sehen. In allen Ländern der Erde hat sich die Idee des Avatars durchgesetzt, der amerikanische Waldo lächelt über ein Newsbanner tickernd in die Straßenschluchten des nächtlichen Großbritanniens.
Die Politik wurde in diesem Stück zu Entertainment, grober Scherz und Geltungsbedürfnis lösten Inhalte und Sachlichkeit ab. Waldo erinnert an eine andere Figur mit fünf Buchstaben: An Trump. Letzterer ist nun kein Cartoon. Einen Darsteller, der den Mann live animiert, den könnte man sich aber hin und wieder schon vorstellen. Insofern ist Trump vielleicht nur die Vorstufe zu einer politischen Kultur, die sich hinter Avataren verbirgt und so die schon heute bedrohliche Inhaltsleere der Politik aufhebt, indem sie die Fülle nicht etwa retten will, sondern gleich als nicht rettungswürdig kategorisiert.
Denn Zoten und die Show sich inhaltslos zoffender Politavatare bieten sicher mehr Entertainment. Insbesondere simplere Unterhaltung auch für diejenigen, die Politik für kompliziert oder langweilig ansehen. Im Grunde ist das verbales Gladiatorentum. Wie die Kämpfer der Antike gehen in der avatarisierten Politik Figuren völlig grundlos aufeinander los. Wie das aussehen kann, haben wir bei Clinton vs. Trump erleben können. Und das mag nur der Anfang gewesen sein. Die Lehre, die aus dieser neuen Mode gezogen werden kann, die lautet ja: Der noch inhaltslosere, noch lautere, noch derber austeilende Kandidat gewinnt. Wieso sollte man also künftig nicht immer so Wahlkämpfe gestalten?
Und wenn der Sieger aus diesem Szenario nicht liefert, dann erledigt er sich von selbst? Es fällt einem schwer darauf zu hoffen, dass das Ausbleiben einer etwaigen »Lieferung« zu neuen Einsichten führen könnte, wenn man das mal so durchdenkt, wie es der Autor der Episode getan hat. Waldo jedenfalls schien nie das Problem des Lieferns gehabt zu haben auf seinem Weg zur globalen Marke. Wie auch, in einer Welt, in der man Menschen nicht mehr in den politischen Gremien regiert, sondern sie über Netzwerke mobilisiert, da spielen Kleinigkeiten wie das Erfüllen von Wahlversprechen gar keine Rolle mehr. Welche Wahlversprechen denn überhaupt? Und von einer Politik, die sich dem idealistischen Motiv verschrieben hätte, die Lebenssituation der Menschen zu verbessern, brauchen wir an der Stelle überhaupt nicht zu quatschen: Das ist nicht das Business von Avataren.
Ich erinnere mich, als die NPD in einige Landtage einzog, da schnauften einige durch, sie sagten, in vier Jahren sei der Spuk vorbei, die müssen sich jetzt beweisen, Politik machen und etwas abliefern. Daran würde es aber scheitern, mit deutschnationaler Larmoyanz könne man im Parlament nicht bestehen. Die Einschätzung trag mehr oder minder auch zu, nach vier Jahren hatte man eingesehen, dass diese Leute nicht taugten. Sie waren politisch gescheitert. Diese Logik greift beim neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten aber nicht. Denn Trump ist kein Politiker. Manche sehen das ja durchaus als Chance an im Hinblick darauf, was Politiker so getrieben haben in den letzten Jahrzehnten.
Grundsätzlich ist das aber nicht so einfach, ist das problematisch. Denn jemand, der sich nicht als Politiker definiert, bei dem gelten die Maßstäbe der politischen Bewertung nur bedingt. Er ist viel mehr Entertainer und sein Plenum heißt Twitter, sein Oval Office steht in den blauben Bauten von Facebook. Dort kann man viel behaupten und posten. Speziell in Zeiten, da man Fakten wie die Geschwüre einer Krankheit betrachtet, die gemeinhin Wahrheit heißt. Bei Twitter und Facebook wird Trump jedenfalls liefern. Was auch immer, er wird Content haben und den Content so aufbereiten, dass er seine Massen mobilisiert.

Ein Avatar, mit dem das Entertainment sich in den politischen Körper kapselt, kann politisch insofern gar nicht scheitern. Content ist alles. Hübsche Bilder, schmackige Kommentare, Bashing gegen Feindbilder, sich bestens unterhalten fühlen: Das Weiße Haus ist ein Quatsch Comedy Club. Und genau das wird geliefert - wie bestellt.

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