Waldbrand: Warum wüten so oft Feuer in Portugal?

Mitten in den Sommerferien 2017 haben zwei Waldbrand-Fälle die Algarve aufgeschreckt. Die Rauchentwicklung im hügeligen Hinterland war am Montag, 24. Juli, in vielen Gebieten der West-Algarve wahrnehmbar. Allerdings konnten die Feuerwehren die überschaubar großen Brände bei São Brás de Alportel und bei Silves offenbar schnell unter Kontrolle bekommen. In Sertã, Castelo Branco und Gavião im Landesinneren jedoch kämpften am Montag immer noch mehr als 700 Feuerwehrleute mit 230 Löschfahrzeugen und acht Helikoptern sowie einem Canadair-Flugzeug gegen neu aufgeflammte Feuer.

Warum gibt es in Portugal so häufig Waldbrände? Nimmt deren Zahl und Schwere zu? Und warum entwickeln sich diese gelegentlich so verheerend wie jüngst im Kreis Pedrógão Grande, wo mindestens 64 Menschen das Leben verloren?

Prof. João Guerreiro, ehemaliger Rektor der Universität der Algarve, leitet einen Fachausschuss, der die jüngste Katastrophe im Auftrag der Regierung bis Herbst untersuchen soll. Hier bereits eine Zusammenfassung von vorliegenden Erkenntnissen. Interessant in diesem Zusammenhang ist sicher auch unser Bericht über die Waldbrand-Situation im September 2016.

Waldbrand-Faktor 1: Eukalyptus und Pinien

Rund ein Viertel des portugiesischen Waldes und ein Zehntel der Staatsfläche besteht aus Eukalyptusbäumen. Sie wachsen schnell und versprechen flotten Profit. Zusammen mit den weit verbreiteten Pinien sind sie reich an Harz und sehr leicht brennbar. Zudem stehen sie weit auseinander, sind sehr licht. Das lässt den Boden schnell austrocknen und beschleunigt die Erosion, wie Geobotaniker betonen.

Laut Umweltorganisation Quercus produzieren die Baumschulen in Portugal rund 30 Millionen zertifizierte Eukalyptus-Bäume pro Jahr. Sie verkaufen nach Quercus-Informationen aber für den allgemeinen Markt und private Eigentümer selbst dann, wenn keine Genehmigung vom zuständigen Institut für Naturschutz und Forstwirtschaft (ICNF) für eine Aufforstung mit Eukalyptus vorliegt.

Waldbrand-Faktor 2: Monokulturen

Eukalyptus wird für Zellulose-Gewinnung und Papierherstellung benötigt. Das sind für Portugal wichtige Devisenbringer. Auch Pinien werden zu Papier und Holz verarbeitet. Zudem kann man mit Pinienkernen Geld verdienen. Zur leichteren Ernte werden die Pinien speziell getrimmt. So aber spenden sie weniger Schatten und die Brandgefahr steigt.

Hinzu kommt: Es gibt viele Monokulturen. Die sind immer schlecht. Viel besser wäre es, wenn zwischen Eukalyptus und Pinien mehr Eichen stünden.

Ein Mischwald ist resistenter gegen Feuer, Stürme und selbst gegen Schädlinge. Die meisten Insekten befallen nämlich nur eine spezielle Baumart.

Waldbrand-Faktor 3: Unterholz

Früher hielten Nutztiere die Vegetation niedrig, heute sprießt in den von Menschen weitgehend verlassenen Regionen das Unterholz. Das führt nicht selten zu verheerenden Waldbränden. Das Risiko liegt in Portugal noch deutlich höher als in vergleichbaren Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland.

Waldbrand-Faktor 4: EU-Förderung

Die EU hat in der Vergangenheit die Aufforstung in den Mittelmeerländern gefördert. Mehr Bäume sind natürlich zunächst einmal etwas Gutes. Aber die Prämien wurden oft gezahlt, ohne genau zu prüfen, was tatsächlich angepflanzt wird. Jetzt sind die Eukalyptus- und Pinien-Bäume da und breiten sich aus.

Waldbrand-Faktor 5: Trägheit der Politik

Die jetzige sozialistische Regierung kündigte zwar Maßnahmen zur Eindämmung des Eukalyptus an, setzte sie aber noch nicht um. Auch frühere Politiker wie Ministerpräsident José Manuel Barroso 2003, Innenminister Rui Pereira 2010 und Ministerpräsident Pedro Passos Coelho 2013 glänzten nicht mit der Durchsetzung angekündigter notwendiger Veränderungen.

Portugal wirkt noch immer ziemlich überfordert mit der Bekämpfung der Waldbrand-Gefährdung und dem Katastrophen-Schutz. Sogar fehlende Hydranten und ein überlasteter Wetterdienst haben wohl zum Ausmaß der jüngsten Naturkatastrophe beigetragen. Stark wechselnde Winde begünstigten ferner, dass sich das Feuer rasend schnell in alle Richtungen ausbreitete, die Stromversorgung und das Telefon-Festnetz unterbrach sowie Mobilfunk-Übertragungsmasten außer Gefecht setzte.

Vor wenigen Tagen machten jedoch die Algarve-Städte Aljezur, Lagos und Vila do Bispo mit einem gemeinsamen Verteidigungsplan gegen Waldbrände auf sich aufmerksam. Das Institut für Naturschutz und Forstwirtschaft (ICNF) genehmigte diesen abgestimmte Plan für die Führung und Unterstützung örtlicher Teams, die sich im Schutz der Wälder engagieren.

Waldbrand-Faktor 6: Private Besitzer

In portugiesischen Medien verweisen Experten mittlerweile auf grundlegende Brandschutz-Probleme. Umgerechnet auf die Gesamtfläche des Landes habe das Land innerhalb der Europäischen Union alljährlich die größten Verluste durch Waldbrände zu verzeichnen, heißt es. Ein großer Teil der Wälder sei in Privatbesitz. Die Eigentümer kümmerten sich oft nicht um die Vorschrift, Zufahrtswege für die Feuerwehr freizuhalten.

Waldbrand-Bekämpfung: Mehr Kiefern?

In Portugal macht die Kiefer zunehmend dem Eukalyptus Konkurrenz. Sie kann, anders als dieser, erst nach 40 Jahren geschlagen werden, ist aber ebenfalls wichtig für die Harzgewinnung. Diese mausert sich in Portugal - nach rund 50-jähriger Unterbrechung durch billige asiatische Importe - zu einer immer wichtigeren Einnahmequelle der Forstwirtschaft. Kiefernharz, das weiße Pech, wird nach der Reinigung zum Beispiel zu Terpentin und Kolophonium weiterverarbeitet. Das sind zwei Stoffe, die für die Herstellung von Farben, Kosmetika, Medikamenten, Autoreifen und Kaugummi wichtig sind.

Wie die Umweltorganisation Quercus errechnet hat, würden Maßnahmen zur besseren Verhütung von Waldbränden in Portugal insgessamt nur 165 Millionen Euro im Jahr kosten. Hingegen liege die Schadenshöhe für die portugiesische Wirtschaft jedes Jahr bei geschätzt rund einer Milliarde Euro, so Quercus. Daher sei es zwingend nötig, mehr in Prävention und in Umstellung der Waldbewirtschaftung zu investieren. Es gelte vor allem, mehr einheimische Baumarten zu bevorzugen.

Waldbrand-Entwicklung im Vergleich

Was die Zahl der Waldbrände anbetrifft, geht es Portugal wie anderen Ländern. 2015 wüteten ungewöhnlich große Flächenbrände in Alaska und in Indonesien. 2016 kämpften Kanada, Kalifornien und Spanien genauso mit den Flammen, wie auch Frankreich und Portugal. In diesem Jahr wurden große Brände außer aus Portugal auch aus Italien, Kroatien und Montenegro gemeldet.

Wissenschaftler der „Union of Concerned Scientists" (UCS) gehen tatsächlich davon aus, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl der Flächenbrände erhöht hat. Wie die UCS feststellte, traten z.B. in den westlichen Bundesstaaten der USA große Vegetationsbrände in den siebziger und achtziger Jahren fast fünf Mal häufiger auf. Die Brände zerstörten über sechs Mal mehr Land als je zuvor und dauerten fast fünf Mal länger als vor den siebziger Jahren. Zudem verlängerten sich die Zeiträume hohen Flächenbrand-Risikos in den vergangenen 40 Jahren überall.

In den USA brach das Jahr 2015 hat mit einer verbrannten Fläche von mehr als vier Millionen Hektar alle Rekorde. Die Größe der Fläche entspricht dem Gebiet der Niederlande bzw. der Schweiz. Im Sommer 2016 hielt eine ganze Welle von Waldbränden auch die Portugiesen in Atem, z.B. auf der Insel Madeira und an der Algarve. Rund 350 einzelne Feuer wurden gezählt.

Waldbrand-Ausmaße schlimmer als früher

Flächenbrände betreffen immer mehr Gebiete auf der ganzen Welt. Sogar in Sibirien und an anderen Orten der Welt, wo es normalerweise keine Großbrände gibt, traten solche auf. Laut Prognosen der UCS könnten künftige Flächenbrände bis zu sechs Mal zerstörerischer werden als bisher.

Hauptgrund für die steigende Zahl an Flächenbränden ist laut Forschern, dass der Klimawandel mit seinen wärmeren und trockeneren Sommern die Länge der Flächenbrand-Saison, die Größe der betroffenen Gebiete und die Zahl der Feuer erhöht hat. Auslöser sind zwar oft Menschen. Es kann sich aber, wie jetzt nordöstlich von Lissabon, auch um natürliche Ursachen wie Blitzschläge handeln.

Waldbrand-Gefahr durch Klimawandel erhöht

Die weltweit ansteigenden Temperaturen führen zu stärker Verdunstung und trocknen das Land aus. Zudem findet die Schneeschmelze früher statt, so dass die Böden länger trocken bleiben und somit anfälliger für Brände werden. Auch der vom Klimawandel begünstigte Schädlingsbefall setzt den Wäldern zu: Längere Sommer ermöglichen den Insekten mehr Brutzyklen und schnellere Fortpflanzung. Die Feuer breiteten sich in geschwächten Wäldern zudem schneller aus und gerieten häufiger außer Kontrolle als früher, so Wissenschaftler.

Das größte Problem sehen einige Wissenschaftler darin, dass Waldbrände höhere CO2-Emissionen zur Folge haben. Denn Bäume nehmen Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und speichern es. Je mehr Bäume also verbrennen, desto schwieriger ist es, den Klimawandel künftig zu bekämpfen. Hier gibt es so etwas wie einen Rückkopplungseffekt: Waldbrände sorgen für zunehmende Emissionen, diese tragen zur Erderwärmung bei, und das führt wiederum zu mehr Feuern.


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