"Vor der Morgenröte" [D, F, Ö 2016]


Thomas Bernhard verglich das Schreiben mit dem Komponieren eines Musikstücks. Ein Musikstück, das um seine Vergänglichkeit weiß, sobald die Note, das Wort, der Satz, dessen Klang gehört, gelesen wurde. Schreiben als Utopie, die Idealvorstellung – vom Triumph des Erblühenden (der inneren Schrankenlosigkeit) konträr zum Lärmenden (des Weltgeschehens). So ein Musikstück ist "Vor der Morgenröte", obwohl Stefan Zweig (Josef Hader) darin die schmerzliche Erfahrung machen muss, wie das Utopische zum Leichenberg gekarrt wird. Er, der reservierte Pazifist, unbestreitbarer Chronist sprachlicher Affekte, merkt, dass in Zeiten des Krieges das Wort umso wichtiger eine Tat, die Tat, ist, auch wenn er zunächst das Wort nicht in den Dienst der Politik stellen will. In vier Fragmenten schildert Maria Schrader einen Überschuss an Sinn, der an seine natürliche Begrenzung gelangt: Von Entbehrung und gar existenziellem Mangelleiden sprechen nicht die umspannenden Ereignisse um Stefan Zweig, sondern in Stefan Zweig selber, seine Narben, zerbrochene Furchen, sein triefend feuchtes Gesicht eines Exilanten, der flieht, jederzeit, fernab von Heimat und doch nach dieser suchend. Dieses Porträt, das das Sterben zurückreflektiert, erarbeitet die Feinheiten verfehlter Träume auf eine Art und Weise, die sprachlos macht, weil es die Sprache konsequent in die Nichtübersetzung übersetzt – in etwas Leichtes, schwer zu Greifendes, Diskretes, Stilles.
7 | 10