Von Ungeheuern, die des Freundes Maske trugen

Von Vincent Deeg
DIE FARBE ROT IST NICHT NUR SCHON IMMER EINE FARBE DER LIEBE GEWESEN. SIE WAR AUCH SCHON IMMER DIE FARBE DES HASSES, DER UNTERDRÜCKUNG UND DER UNMENSCHLICHKEIT.
Man konnte nicht gerade sagen, dass in dem kleinen Mecklenburgischen und nicht weit von Rostock entfernten Ort Namens Lasewitz das bunte Leben tobte. Es war eher ein stilles und bescheidenes Städtchen, in dem man in der Woche auf den umliegenden Feldern oder in den Viehställen der dortigen LPG arbeitete, sich zum Feierabend mit Freunden und Kollegen im Dorfkrug traf, um bei ein paar Gläsern Bier den anstrengenden Tag zu beenden und in dem man sich an den Wochenenden in seinem kleinen Garten, vor oder hinter dem Haus von der arbeitsreichen Woche erholte oder sich damit beschäftigte, sich um die eigenen Ernte oder um das eigenen Vieh zu kümmern.
Nein. Das konnte man tatsächlich nicht als aufregend bezeichnen. Doch das störte in Lasewitz niemanden. Auch die Jugend nicht, die, um an den Wochenenden ein wenig Spaß zu haben, Kilometer weit bis zum nächst gelegenen Ort liefen, um in dessen Disco, in der Regel handelte es sich dabei um ein Gasthaus, das genug Platz zur Verfügung hatte, um an diesen besagten Wochenenden den einen oder anderen Discoabend für die Jugend der umliegenden Orte zu veranstalten.
So war es auch an diesem Samstag, dem 13.Juni 1987. Der Tag, an dessen frühen Abend sich die gerade erst siebzehn Jahre alt gewordenen Katrin, natürlich erst, nachdem sie das Versprechen abgegeben hatte, spätestens um 23:00Uhr wieder zu Haus zu sein, von ihren Eltern verabschiedete, um sich mit ihren etwa gleich alten Freundinnen Anja und Michaela zutreffen, die sie schon seit Beginn der Schulzeit kannte und mit denen sie, wie schon viele Male zuvor, zum nächsten, etwa sechs Kilometer entfernten Ort laufen wollte, in dem an diesem Abend Disco war.
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„Lasst uns doch mal etwas schneller gehen.“ Trieb Katrin ihre Freundinnen immer wieder an, während sie die asphaltierte, kaum befahrene und von hohen und dicken Bäumen gesäumte Landstraße entlang liefen. Eine Eile, die nicht etwa daher rührte, dass sie so schnell wie möglich in die Disco wollte. Sondern, dass Katrin bei ihrem letzten Besuch einen jungen Mann kennen gelernt hatte, den sie, vermutend, dass er an diesem Abend auch da sein würde, unbedingt wieder sehen wollte. Doch dafür schienen sowohl Anja, als auch Michaela nur wenig, bis gar kein Verständnis zu haben. Denn statt Katrin den kleinen Gefallen zutun und ihr Tempo etwas zu erhöhen, wurden die beiden, während sie ihre bis über die Ohren verleibte Freundin immer wieder lachend aufzogen, nur noch langsamer.
„Du wirst schon noch früh genug zu Deinem Märchenprinzen kommen.“ Scherzte Anja, während sie Michaela grinsend mit dem Ellenbogen anstieß. „Genau.“ Gab die lachend zurück. „Der hat bestimmt auch nichts anderes mehr im Kopf, als Dich zu sehen.“ Katrin wäre sicher auf die kleine Spitze der beiden Mädchen angesprungen, wäre da nicht der Wagen gewesen, ein russischer Militärkleintransporter, der aus derselben Richtung, in schneller Fahrt heran fuhr, aus der sie gerade gekommen waren.
Ein russisches Militärfahrzeug. Das war für die drei jungen Mädchen schon lange nichts Besonderes mehr. Gab es doch ganz in der Nähe einen russischen Stützpunkt, dessen dunkelgrüne Fahrzeuge man immer wieder mal auf den Straßen der Umgebung sehen konnte. Fahrzeuge, wie das, was immer näher kam und für das die drei, um nicht von ihm erfasst zu werden, an den äußersten Rand der Straße traten.
„Na, die haben es aber eilig.“ Rief Katrin. Als der Wagen mit dröhnendem Motor an ihnen vorbei fuhr. „Ja. Die haben bestimmt auch einen Freund, der auf sie wartet.“ Antwortete Michael, darauf wartend, dass sich Anja an ihrer neuen Neckerei beteiligt, laut lachend. Doch die dachte gar nicht daran, dies zu tun. Stattdessen deutete sie auf den gerade an ihnen vorbei gefahrenen Wagen, der etwa hundert Meter weiter zum Stehen gekommen war, inzwischen gewendet hatte und nun auf sie zu kam. „Was haben die denn vor?“ Rief sie ihren Freundinnen zu, während sie weiter das Fahrzeug, das sie nun fast erreicht hatte weiter beobachtetet. „Vielleicht haben die was vergessen und müssen noch mal zurück.“ Gab Katrin schulterzuckend zurück. „Das kann sein.“ Warf Anja mit ein. „Vielleicht haben die was vergessen.“
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Hatten die Insassen dieses Fahrzeuges tatsächlich etwas vergessen? Hatten sie deshalb gestoppt und wieder kehrtgemacht? Diese Frage sollten die drei Mädchen nur ein paar Augenblicke später beantwortet bekommen. Nämlich, als der Wagen langsamer wurde, neben ihnen anhielt, der Soldat, der auf dem Beifahrersitz saß, ein hoher Offizier, wie die Dekoration seiner Uniform vermuten ließ, das Fenster herunter kurbelte und die Mädchen mit gebrochenem Deutsch und einem freundlichen Lächeln auf seinen Lippen begrüßte.
„Hallo, schöne Frauen. Wo wollen hin?“ Rief er lachend, während die beiden anderen, zwei einfache Soldaten die Mädchen von ihren Plätzen aus musterten. „Wir wollen in den nächsten Ort.“ Antwortete Katrin frei heraus und im Gegensatz zu ihren Freundinnen sehr viel weniger argwöhnisch. „Nu, dann Du und andere Frauen einsteigen. Wir nehmen mit Euch in nächste Ort.“
Ein Angebot, das in Anbetracht des noch recht langen Weges mehr als verlockend klang. Das sie aber zumindest, was Anja und Michaela betraf, die genau wie ihre Freundin Katrin wussten, dass man gerade als junges Mädchen auf keinen Fall zu fremden Menschen in den Wagen einsteigen darf, freundlich aber bestimmt ablehnten.
„Nein, Danke.“ Gab Anja ebenfalls lächelnd zurück. „Wir gehen lieber zu Fuss.“ Doch das sah Katrin ganz anders. Natürlich. Auch ihre Eltern hatten sie mehr als nur einmal davor gewarnt, in ein fremdes Auto zu steigen. Doch hier handelte es sich doch um russische Soldaten. Um die überall gefeierten Freunde und Brüder, die Deutschland von den Nazis befreit hatten. Menschen aus der Sowjetunion. Einem Land, das die DDR erst möglich gemacht und von dem man etwas, wie zum Beispiel das Siegen lernen konnte. So stand es zumindest auf den roten Bannern und Plakaten, die überall in den Städten und Dörfern herum hingen. Warum sollte man also vor diesen Soldaten, die sicher nur nett sein wollten Angst haben.
"Warum sollen wir denn laufen, wenn wir den ganzen Weg fahren können?“ Widersprach sie Anja verständnislos. „Das sind doch russische Soldaten. Unsere Freunde. Die werden uns schon nichts tun.“ „Egal. Wir gehen auf jeden Fall zu Fuss.“ Gab Anja leise zischend und mit herunter gezogenen Augenbrauen, so, als wolle sie ihrer Freundin ein geheimes Zeichen geben zurück. Doch Katrin dachte gar nicht daran, einfach so klein bei zu geben. War dies doch die Gelegenheit, schneller ans Ziel zu gelangen, als sonst. Dorthin, wo sie den Jungen, dessen Bild in ihrem Kopf für so manch eine schlaflose Nacht gesorgt hatte, endlich wieder sehen wollte.
„Na gut.“ Rief Katrin, einen Fuss schon in der bereits geöffneten Schiebetür des Wagens, ihren Freundinnen entgegen. „Ihr könnt ja zu Fuss gehen. Ich fahre mit den Soldaten mit. Wir sehen uns nachher in der Disco.“ Einen Augenblick später, noch bevor die sichtlich geschockten Mädchen etwas erwidern, noch bevor sie ihre, vor lauter Liebe blind zu sein scheinende Freundin von ihrem Vorhaben abbringen konnten, schloss sich auch schon die Tür des dunkelgrüne Militärfahrzeuges, welches mit laut dröhnendem Motor und quietschenden Reifen eilig davon fuhr.
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„Wir sehen uns nachher in der Disco.“ Hatte Katrin noch gesagt, bevor das Mädchen zu diesen Freunden, diesen Brüdern in den Transporter stieg und mit ihnen davon fuhr. Ein Versprechen, das sie, genau, wie das, spätestens um 23:00Uhr wieder zu Haus zu sein, nicht einhalten konnte.
Das lag nicht etwa an dem Wodka, den man ihr aus Freundschaft, wie der Offizier immer wieder sagte, in großen Mengen zutrinken gab. Sondern daran, dass diese Freunde, diese Brüder, wie Katrin diese Männer vor ihrem Einsteigen genannt hatte, nicht wirklich welche waren. Es waren einfach nur Tiere, die, kaum, dass sie zwei Kilometer gefahren waren, in einen, auf einer Lichtung endenden Waldweg einbogen. Dort, wo die Soldaten, so, wie es im Jahre 1945 schon ihre Väter bei abertausenden deutschen Frauen getan hatten, über das Mädchen, das noch keinen Alkohol vertrug und daher schon sehr bald betrunken war, herfielen, um es mehrere Stunden lang zu vergewaltigen und mit brennenden Zigaretten zu misshandeln.
Fünf unendlich lange Stunden sollte es dauern, bis diese Untiere von ihrem geschändeten Opfer abließen und es, nach dem sie dem Mädchen auch noch die Kleidung, die Jeans aus dem Westen, die Jacke und die Sportschuhe mit selber Herkunft geraubt hatten, laut lachend aus dem Wagen warfen.
Fünf Stunden, denen noch zwei weitere folgen sollten, bis ein Autofahrer das verstörte und mit nur einem dünnen T-Shirt bekleidete Mädchen auf der nächtlichen Landstraße fand. Es war dieselbe Landstraße, auf der Katrin mit ihren Freundinnen zur Disco gehen wollte und auf der sie in diesen Horrorwagen eingestiegen war.
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Ein Fall, der natürlich, nachdem ein herbei gerufener Notarzt die Vergewaltigung und die Misshandlungen des Mädchens eindeutig feststellen konnte, von der damals zuständigen Kriminalpolizei zur Anzeige aufgenommen wurde. Jedoch, ohne weitere Auswirkungen für die Täter, deren Identität, ja sogar Existenz verschleiert wurde. Und nicht nur das. Denn es dauerte nur wenige Stunden, bis sich sowohl bei Katrin, als auch bei ihren Freundinnen die Staatssicherheit blicken ließ, um nicht nur die Mädchen, sondern auch deren Familien einzuschüchtern und unter Androhung von Verhaftung und langen Gefängnisstrafen dazu zu bewegen, ihre Aussagen zu wieder rufen und dazu, über das Geschehene für immer zu schweigen.
Ein unfassbares und verachtenswerte Verhalten? Ohne Zweifel. Doch lange nicht das einzige. Denn weder Katrin, noch ihre Freundinnen oder deren Familien sollten nach alledem zur Ruhe kommen. Und damit ist nicht etwa nur die Bespitzelung durch die Männer der Staatssicherheit gemeint, die von nun an zu jeder Tages und Nachtzeit herrschte. Nein. Es war auch der Terror, den man immer wieder über diese Menschen brachte. Terror, in Form eines russischen Militärfahrzeuges, das über Stunden vor den Haus stand, Soldaten, die sich auf offener Straße vor den Mädchen aufbauten und eindeutige Gesten machten, sie tätlich belästigten und als Huren bezeichneten und ein Offizier, der und das völlig ungehindert vor Katrins Haus auf und ab lief und sich, wenn es außer ihr niemand sah, grinsend in den Schritt griff.
Katrin und ihre Familie hielten diesem Druck damals nicht lange stand. Sie verkauften das Haus und zogen in die etwas anonymere Stadt Rostock. Dort, wo Katrin noch immer lebt und wo die bis heute ungesühnten Wunden ihrer gequälten Seele zwar verheilt aber noch lange nicht vergessen sind.
Und was wurde aus den drei russischen Soldaten? Was wurde aus den Tätern? Darüber lässt sich heute nur noch spekulieren. Vermutlich haben sie im Rahmen des Abzuges der russischen Streitkräfte aus Deutschland das Land verlassen und leben nun, noch immer unbehelligt von jeder Justiz irgendwo, in irgendeiner russischen Stadt.
Für ihre Töchtern, die sie vielleicht haben, bleibt zu hoffen, dass die Jeanshose, die Jacke und die Sportschuhe, die ihre Väter einem siebzehn jährigen Mädchen raubten, das sie im Anschluss brutal vergewaltigten und misshandelten, nicht zu groß oder zu klein waren und dass sie niemals in ihrem Leben solchen Ungeheuern ausgeliefert sind, so, wie es Katrin damals war.
Diese Geschichte beruht auf eine wahre Begebenheit. Sie wurde mir von Anja erzählt. Alle hier beschriebenen Namen wurden geändert.