Von Sonne bis Sinnflut: Das Melt! 2011

Von Sonne bis Sinnflut: Das Melt! 2011Wenn 20.000 überdurchschnittlich stilbewusste Musikliebhaber für eine Dauer von knapp drei Tagen auf jeglichen Alltagskomfort verzichten und stattdessen die Provinz der ehemaligen DDR invadieren, dann kann das nur eines heißen: Die Stadt aus Eisen, Ferropolis, wird zum Schauplatz des Melt!-Festivals.

Auch wir von Stereopol verzichteten für das Wochenende auf die geräumige Berliner Wohnung und den beinahe lebensnotwendigen Kaffeekonsum, um diesen Luxus durch drei Quadratmeter Campingfläche und zahlreiche Tetrapacks Wein zu ersetzen. Aber was tut man nicht alles angesichts des beeindruckenden Line-Ups von über 150 Bands und Acts aller Stilrichtungen? Und so packten auch wir unsere sieben Sachen und machten uns bereits am Donnerstag auf den Weg nach Gräfenhainichen, um der Opening-Party ‘Audiolith Pferdemarkt’ beizuwohnen. Diese lockte im Vorfeld mit der höchstoffizielle Erstbefeierung von Metropolis, und zwar “gelegt in die Hände der Audolith-Crew: Saalschutz, Egotronic, Bratze, Frittenbude und den DJs des Hamburger Kultlabels.”[1]

Wie gut, dass die Sause für uns am Freitag erst um 19 Uhr fortgesetzt werden sollte, nämlich mit Is Tropical. Die ohnehin schon subtropisch anmutenden Temperaturen im Intro-Zelt kletterten weiter, als die Londoner das Publikum eine Stunde lang in gewohnter Manier zum Tanzen brachten. Den durch diesen Auftritt verursachten Flüssigkeitsverlust konnten wir durch ausgiebigen Bierkonsum kompensieren, bevor es uns zur Gemini Stage zog, wo wir eine halbe Stunde lang zu den Klängen der Koletzkis rhythmisch umherstolperten, um anschließend vor der Mainstage unter anderem den inoffiziellen Indie-Sommerhit ‘Young Blood’ von The Naked And Famous ekstatisch mitzugröhlen. Noch kurz bei Fritz Kalkbrenner vorbeigehuscht und schon fanden wir uns bei den Drums wieder, die zwar vor verhältnismäßig kleinem Publikum spielten, dafür aber umso souveräner dabei wirkten.

Von Sonne bis Sinnflut: Das Melt! 2011

Den Rest des Freitags verbrachten wir damit, von Bühne zu Bühne zu tänzeln, um wenigstens ein Paar Klänge der vielen vortrefflichen Acts zu erhaschen, die leider alle mehr oder weniger zeitgleich spielten: So konnten wir wenigstens je ein oder zwei Songs von Noah And The Whale, Cut Copy, Gold Panda, Iron And Wine, Robyn und Miss Kittin lauschen, bevor wir das fulminante Finale um Paul Kalkbrenner und anschließend Boys Noize betanzten, bei dem gewohnt solide elektronische Klänge in die sternenklare Nacht gepumpt wurden.

Am Samstag Morgen weckte uns der dissonante (und vermutlich biergetränkte) Gröhlchor unserer Zeltnachbarn, die sich an der Strecke zwischen Campinggelände und Sanitäranlagen aufgereiht hatten, um diese Strecke zur ‘Slow-Mo-Zone’ zu erklären. So wurde jeder, der passieren wollte – egal, ob Fußgänger oder Autofahrer – lauthals aufgefordert, sich in der Slow-Mo-Zone in Zeitlupe zu bewegen. Da die Hitze drückte und noch einige Zeit bis zum ersten Act blieb, beschlossen wir, zunächst den See aufzusuchen, welcher das Festivalgelände umgibt. Diesen – zugegeben nicht sonderlich einfallsreichen Plan – schienen auch gefühlte 75 Prozent der übrigen Festivalbesucher gehabt zu haben, denn am See steppte der Bär. Dennoch gelang es uns, etwas Energie zu tanken, um die nächste schwierige Aufgabe zu meistern, die daraus bestand, zwei Must-Sees unter einen Hut zu bringen, die leider wiederum zeitgleich spielten: Patrick Wolf und John Roberts. Wolf, der rotgefärbte Schönling, der wiederum durch das Braunfärben seines Reisepasses mit Sojasauce beinahe verhindert gewesen wäre, bezauberte mit seinem exzellenten Dreampop und einer passionierten Bühnenshow. Zwei Bühnen weiter verschwand dagegen John Roberts beinahe hinter seinem Mac und seinem überdimensional wirkenden Mischpult, was allerdings seiner Show nicht im Geringsten schadete: Seine ungewöhnlichen Deep-House-Klänge zauberte er dennoch in die Ohren des sich in der Sonne wiegenden Publikums.

Wieder zurück vor der Mainstage fieberten nicht nur wir dem ersten Festivalauftritt der Band Beady Eye auf deutschem Boden entgegen. Das Gespann, das quasi aus der alten Oasis-Formation (minus Noel Gallagher) besteht, musste sich an dem geschichtsträchtigen Oasis-Auftritt auf dem Melt! vor zwei Jahren messen. Außer dem klar erkennbaren harten Kern der Oasis-Fans in den ersten Reihen schien die Show allerdings kaum jemanden von den Socken zu reissen. Das Konzept von Beady Eye sei also: Man nehme Oasis und entferne den Songwriter. So klingt das auch.

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Auch im unmittelbaren Anschluss blieb die Main Stage in britischer Hand: Den Streets gelang es dagegen aber, ein wesentlich größeres Publikum anzulocken. Beinahe beiläufig erwähnte Mike Skinner im Laufe des Auftritts, dass es sich um die letzte Performance auf einer deutschen Festivalbühne handle und rief damit schmerzlich in Erinnerung, dass The Streets in Kürze abdanken. Ansonsten schmierte er dem Publikum aber mit lausbübischem Charme Honig ums Maul und veranstaltete ganz nebenbei noch eine Art Heirats- oder eher Beischlafsmarkt für seinen seit Kurzem partnerlosen Bassisten.

Den Rest des Samstags verbrachten wir mit beinlastigem Indie-Tanz bei den Editors und krachigem Endzeit-Elektrokrach bei Digitalism und den Crsytal Castles. Um einer Überdosierung dieses Elektrokrachs entgegenzuwirken, verschlug es und zwischenzeitig noch ins Intro-Zelt, in dem die Spaßvögel der Rapcombo K.I.Z. halbnackt der schwitzig-klebrigen Masse ordentlich einheizten und dabei fröhlich mit dem Publikum herumalberten. Wer sonst würde seine Fans dazu auffordern, doch bitte alle Plastikbecher auf die Band zu werfen? Der so entstandene Anblick hunderter Pappbecher, die synchron auf die Bühne zusegelten, war in seiner grotesken Schönheit fast noch beeindruckender als das Meer aus Feuerzeugen (und dem ein oder anderen leuchtenden Smartphone-Display) bei der Standard-Schlussnummer “Neuruppin”. So endete für uns der Samstag.

Am Sonntag setzte ein zunächst mäßiger, doch hartnäckiger Regen ein, der sich im Laufe des Tages zu einer Art Sintflut wandelte. Eigentlich die optimalen Bedingungen, sich dicht vor die (glücklicherweise überdachte) Gemini Stage zu drängen, um dem wunderschönen melancholischen Sound des Junip-Frontman José González zu lauschen. Doch an den Regenponchos führte letztendlich kein Weg vorbei: Wie Thees Uhlmann, seines Zeichens Frontmann der legendären Hamburger Musikkapelle Tomte und an diesem Wochenende privat auf dem Melt! unterwegs, feststellte: Es hatte sich eingeregnet. Dass dies jedoch kaum jemanden zu stören schien, merkte man auf und um den Sleepless Floor herum. Dort legte beispielsweise auch Tobi Neumann auf – derjenige DJ, der bei dem ein oder anderen bekannten Hit seine Finger im Spiel hatte und auch als reiner Solo-Act ein höchst beeindruckendes Set lieferte.

Nach dem kurzen Besuch des Sleepless Floors zog es uns zurück zur Mainstage, auf der um 20 Uhr eigentlich Plan B spielen sollten. Da dieser Auftritt aufgrund von Gesundheitsproblemen ausfallen musste, bekam die Menge stattdessen Frittenbude als Ersatz geboten – und dankte dafür mit großer Präsenz. Unzählige Menschen in unförmigen Plastikponchos zappelten enthusiastisch im Regen umher. Mit “Mindestens in 1000 Jahren”, der verträumten Visionärshymne von einer besseren Welt, beendet die Truppe ihren Auftritt – und sorgte damit nicht nur für Gänsehaut der ganz besonderen Art, sondern auch für frenetischen Jubel beim Publikum. Direkt im Anschluss bot die Mainstage ein weiteres Highlight: Die  Briten von den White Lies sangen stürmische Lieder von der Aussichtslosigkeit des Lebens, das Publikum tanzte und tropfte im Rhythmus dazu.

Von Sonne bis Sinnflut: Das Melt! 2011

Derweil – eine Bühne weiter – hatten Bodi Bill, die Helden des Berliner Sinnbus-Labels eine etwas trockenere, doch keinesfalls weniger begeisterte Menge um sich geschart. Da wurde gekonnt elektronisch und zugleich gitarrenlastig musiziert – ganz stark! Leider blieb wieder einmal nur wenig Zeit, denn es lockte erneut der schlammige Sandboden vor der Sleepless Stage, von der die wahrscheinlich aufregendste Entdeckung der jüngeren Musikgeschichte – nämlich die drei Herren von Brandt Brauer Frick – ihren absolut ungewöhnlichen und doch extrem tanzbaren elektronischen Sound herabschallen ließ. So sehr sich das bunte Plastikpublikum sich auch von den üblichen stilbedachten Clubs abheben mochte, in denen Brandt Bauer Frick sonst auftreten: Ein Blick in die klatschnassen Gesichter der Anwesenden reichte, um das selige Lächeln beim Tanz im Regen als Qualitätssiegel der Extraklasse zu werten. Für uns war es vielleicht sogar der schönste Moment des gesamten Festivals: Menschen, denen der Regen alle oberflächliche Eitelkeit weggewaschen hatte und deren Aufmerksamkeit nun einzig und allein der Musik galt.

Ähnlicher Anblick auch vor der Big Wheel Stage: Die Musik von Ostgut Ton bewegte die Meute auf eine Art, die sich mühelos mit der Atmosphäre auf den Tanzfläche legendärer Berliner Clubs messen könnte.

Den letzten Act auf der Mainstage legte man dann aber doch lieber in erfahrene Rockerhände: Pulp, die 1978 von dem damals 15-jährigen Jarvis Cocker gegründete Kultband, feierte hier die eigene Reunion. Der Regen und die vorangeschrittene Stunde hatten bereits einige Festivalbesucher in die Flucht geschlagen, als die erste Klänge der Briten über das Gelände schallten.

Und so endete für uns ein außergewöhnliches Festivalwochenende: Von Donnerstag bis Sonntag tanzten wir zu elektronischer Musik, nickten im Takt bei den Rap-Acts mit und tobten ausgelassen zum Gitarrengeschrammel der Rockfraktion. Wir tanzten in der Hitze der Sonne und wischten uns am nächsten Tag die vom Regen durchnässten Haare aus der Stirn. Doch egal, was wir und anhörten oder wie gut es das Wetter es mit uns meinte, eines blieb stets unverändert: Dieses unbeschreiblich einzigartige Glücksgefühl, welches nur ein ebenso unbeschreiblich einzigartiges Festival auszulösen vermag.

Liebes Melt!-Festival: Das ist Kunst. Mindestens in 1000 Jahren.

http://www.meltfestival.de

Alle Fotos © Stephan Flad

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