Von Pondicherry nach Kerala: Thanjavur

Von Walter

Viele Reisende nehmen kurzerhand das Flugzeug, um von der Westküste Südindiens an die Ostküste nach Kerala zu gelangen. Der Flug von Chennai nach Kochi dauert höchstens eine Stunde. Ich hatte das grosse Glück, dieselbe Strecke in einem Auto und mit eigenem Fahrer zurückzulegen. Es wurde eine zehntägige, höchst faszinierende Reise, die mir ganz unterschiedliche Seiten des südlichen Indien offenbarte – auch die dunklen.

Thanjavur ist keine grosse Stadt. Trotzdem enthält sie alles, was indische Städte so anstrengend macht: chaotischer und überaus lärmender Verkehr, Menschenmengen in geballter Form – wenn ich das etwas salopp so ausdrücken darf – und eine Infrastruktur, die man im Vergleich zu Schweizer Verhältnissen als ziemlich heruntergekommen bezeichnen muss. Doch von indischen Städten geht, zumindest für mich, auch eine grosse Faszination aus: In dieser täglich von neuem improvisierten Lebenswelt, in dieser Zumutung von Stadt pulsiert auch das Leben in höchst intensiver Form, so dass man im Vergleich dazu europäische Städte, insbesondere die nördlicher gelegenen, als geradezu steril, entvölkert und uniformiert bezeichnen muss – von der ursprünglichen Bevölkerung aufgegeben und den Multis als Marktplatz überlassen, so dass sich zumindest die Innenstädte weltweit immer mehr gleichen.
(Noch) nicht so in manchen indischen Städten. Die Strassen sind von kleinen und kleinsten Buden gesäumt, wo man so ziemlich alles für den täglichen Bedarf findet: von den Früchten bis zu den Pneus, von den Blechtellern, wie sie in den meisten einfachen indischen Haushalten üblich sind, bis zu Blumengebinden für religiöse, aber auch ganz weltliche Zwecke. (Die Frauen schmücken damit ihr Haar.) Hinzu kommen fliegende Händler mit ihren Handkarren oder Fahrrädern, die zuweilen in abenteuerlicher Art beladen sind. Hinzu kommen auch Bettler, Mönche und Menschen, die verwahrlost und scheinbar orientierungslos durch den Menschenstrom treiben, dann Kühe, Ziegen, Hunde, Ochsenkarren, Krähengeschrei, das Brüllen der Motoren, das allgegenwärtige Hupen in allen Klangfarben … Die Aufzählung könnte unendlich weitergeführt werden und enthielte doch nur einen Bruchteil der Wirklichkeit eines einzigen Augenblickes in einer indischen Stadt. Eine Zumutung! Eine Überforderung sondergleichen – und doch Ausdruck von unbändigem Leben.

Tausend Jahre alter Tempel

Durch dieses Chaos liess ich mich – «zu Fuss» – treiben, begleitet von meinem Fahrer, um zum Brihadishvara-Tempel zu gelangen. Der Tempel aus der Chola-Zeit unterscheidet sich von allen anderen grossen südindischen Tempeln deutlich darin, dass er nicht bemalt ist – und durch sein stattliches Alter von etwa tausend Jahren.


Für den Bau wurden Granitblöcke verwendet, die aus etwa fünfzig Kilometern Entfernung herbeigeschafft wurden. Die Blöcke wurden weitestgehen ohne Zement aufeinandergefügt. Die oberste Spitze des Hauptbaus – die religiös von höchster Bedeutung ist – besteht aus zwei Granitblöcken von je vierzig Tonnen. Um die Stufenpyramide zu bauen und die schweren Schlussteine zu setzen, wurden angeblich Rampen von mehreren Kilometern Länge verwendet.


Die hätte ich gut gebrauchen können, hatte ich mir doch in den Kopf gesetzt, ins Innere des Tempels, also ins Innere des Hauptbaus – Vimana genannt – zu gelangen. Ich stellte mir vor, dass ich dort dem besonderen Treiben ausführlich und in aller Ruhe beiwohnen konnte. Doch einmal mehr stand zwischen Vorhaben und dessen Verwirklichung eine halsbrecherische Treppe. Nach einigen Anläufen gelang es mir, vier Männer (inkl. meinem Fahrer) dazu zu motivieren, mich hinaufzutragen. Ich rechnete fest damit, dass sie mich auch wieder hinunter tragen würden …
Zu meiner grossen Enttäuschung war im Innern ein freies Verweilen nicht möglich. Vielmehr wurden die BesucherInnen durch ein enges Gatter geführt, wo sie sich Schritt für Schritt und sehr langsam auf den Altar zubewegten – zubewegen mussten, denn ein anderer Weg war gar nicht möglich. So gelangte auch ich vor den Lingam, dem zentralen Heiligtum, Shiva gewidmet und ihn darstellend – und erhielt prompt einen Sondersegen. Der Priester holte – gegen ein kleines Entgeld – mit einem Kupfertablett, das an einer Seite brannte, ein paar Blüten, die in grosser Zahl girlandenartig am Lingam hingen, steckte sie zusammen mit gweihten Früchten und Kreidepulver in einen Plastiksack und händigte mir diesen aus, nachdem er mich mit ebensolchem Pulver gesegnet hatte, indem er es mir auf sie Stirne strich. Kein Wunder, habe ich den Abstieg über eine weitere halbrecherische Treppe unbeschadet überstanden.


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