Von Knechten und Mägden

Sie dürfen im Bauerntheater nicht fehlen, der meist tumbe Knecht und die verführerische, oft gewitzte Magd. In der heutigen Zeit, so scheint es, ist diese Spezies dagegen ausgestorben. Der Traktor hat die Arbeit des Knechtes übernommen, die Waschmaschine und Youporn die Rolle der Magd. Aber der Eindruck trügt, es gibt auf deutschen Bauernhöfen mehr ständige, familienfremde Arbeitskräfte als gemeinhin angenommen, auch wenn sie nicht mehr Knecht oder Magd heißen.

Insgesamt sind bundesweit rund 201.000 sogenannte ständige Arbeitskräfte registriert, davon sind mehr als 123.000 in Vollzeit beschäftigt. Der größte Teil der Arbeitskräfte sind freilich nach wie vor Familienangehörige, nämlich rund 506.000, von denen aber nur 181.000 vollbeschäftigt sind. Weitere 314.000 sind Saisonarbeitskräfte. Rechnet man diese in Arbeitskräfte-Einheiten um, steigt der Anteil der "Knechte und Mägde" sogar noch. Denn dabei werden die Saison und Teilzeitarbeitskräfte auf Vollzeitarbeitskräfte mit einer 40-Stunden-Woche umgerechnet. Allerdings berücksichtigt die Statistik nicht, dass viele selbständige Landwirte mehr als 40 Stunden arbeiten, der Anteil der Familienangehören an der Arbeitsleistung wird also womöglich unterschätzt. Eine Arbeitskraft mit 60 Stunden zählt aber auch nur als eine Arbeitskräfte-Einheit.

Allerdings sind die regionalen Unterschiede hier sehr groß, vor allem zwischen Ost- und Westdeutschland. Denn während auf der einen Seite mit Subventionen versucht wurde, das Höfesterben wenigstens zu verlangsamen und damit den Trend zu großen Einheiten abzuschwächen, wurde auf der anderen Seite die Landwirtschaft bewusst kollektiviert. Große Höfe aber brauchen auch mehr externes Personal, bei kleinen leisten die Familienangehörigen die gesamte Arbeit.

Mehr als ein Drittel der ständigen, nicht zur Familie gehörenden Arbeitskräfte arbeitet auf Höfen mit mehr als 200 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche, nämlich rund 75.000 der 201.000 Knechte und Mägde. Von den 506.000 Familienarbeitskräften arbeiten nur rund 12.000 auf derart großen Höfen. Am zweithöchsten ist der Anteil der nicht zur Familie gehörenden Arbeitskräfte übrigens bei den ganz kleinen Betrieben mit weniger als fünf Hektar Land, vermutlich weil dort oft arbeitsintensive Sonderkulturen angebaut werden.

Hinzu kommen aber auch ältere Strukturen, beispielsweise die großen Rittergüter östlich der Elbe oder auch in Schleswig-Holstein. Außerdem spielt die Erbfolge eine Rolle. Nördlich der Linie Aachen-Bonn-Marburg-Erfurt erbte nur der älteste Sohn ein Gut. Teilweise wurden die adeligen Großgrundbesitzer sogar privilegiert, von Umverteilung keine Spur. Im Gegenteil, während ein Kleinbauer bei Überschuldung sein Land verlieren konnte, war das Familienfideikommiss eines Adeligen vom Gesetz vor Pfändungen geschützt. Im Süden dagegen wurden, vermutlich vor allem als Folge des römischen Einflusses, die Höfe unter den männlichen Nachfahren aufgeteilt. Einzige Ausnahme ist Altbaiern, wo das nördliche Erbrecht gilt.

Deshalb ist es auch erstaunlich, dass ausgerechnet in Bayern der Anteil der Familienarbeitskräfte besonders hoch ist - und damit derjenige der Saisonarbeitskräfte und vor allem der Knechte und Mägde besonders niedrig. Nun mag jemand einwenden, dass Bayern eben ein ländliches Gebiet sei, in dem es wenige Alternativarbeitsplätze gibt. Aber erstens ist das Land mittlerweile ziemlich wirtschaftsstark und zweitens haben wir ja erst vor kurzem festgestellt, dass Bayern zwar leicht unterdurchschnittlich dicht besiedelt ist, aber insgesamt nicht so ländlich ist wie viele Bayern denken.

Vor allem der niedrige Anteil der Saisonarbeitskräfte überrascht mich, immerhin gibt es vor allem in Franken viele Sonderkulturen wie Spargel, Wein oder Gemüse. Und gerade dort kommen besonders viele Saisonarbeitskräfte zum Einsatz. Allerdings war ausgerechnet in Franken Realteilung üblich. Wirklich erklären, warum der Anteil der Familienarbeitskräfte in Bayern so hoch ist, kann ich aber auch nicht. Vielleicht liegt es an der Kleinräumigkeit der Landschaft, denn abgesehen von einigen Gegenden im Voralpenland dominieren Mittelgebirge das Bundesland, die weniger Platz für riesige Felder lassen (Hochgebirge gibt es in Bayern entgegen dem landläufigen Bayernbild übrigens kaum, nur ein schmaler Streifen an den Alpen gehört zu Bayern, dann beginnt schon Österreich).

Besonders viele angestellte, dauerhafte Arbeitskräfte gibt es in Thüringen. Das mag auf den ersten Blick überraschen, denn auch wenn Thüringen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR liegt, haben dort Großbetriebe weniger Tradition als in Brandenburg, Mecklenburg oder Vorpommern. Allerdings liegt dort - und in Sachsen-Anhalt - der Anteil der Familienarbeitskräfte sogar noch niedriger als in Thüringen. Dass es trotzdem weniger Knechte und Mägde gibt, liegt am höheren Anteil an Saisonarbeitskräften.

Saisonarbeitskräfte gibt es vor allem in Rheinland-Pfalz (51 Prozent) besonders häufig. Grund dafür dürfte der Weinbau sein, weshalb auf Platz zwei auch Baden-Württemberg (44 Prozent) folgt. Den dritthöchsten Anteil hat übrigens Brandenburg (40 Prozent). Woran das liegt weiß ich leider nicht. Ein Blick auf die Art der angebauten Pflanzen gibt jedenfalls auch keine Auskunft.

Es gibt also noch immer landwirtschaftliche Angestellte, auch wenn deren Alltag vermutlich wenig mit dem von Knecht Alfred und Magd Lina bei Michel von Lönneberga zu tun haben dürfte. Und als Knecht oder Magd dürften die meisten vermutlich auch nicht gerne bezeichnet werden, eher schon als landwirtschaftliche Facharbeitskraft. Das Berufenet der Bundesagentur für Arbeit jedenfalls kennt Knechte und Mägde nicht mehr, sondern nur noch den Beruf "Helfer/in - Landwirtschaft".


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