Vom Vermissen

Von Molly Logan @Frau_Logan

Es gibt Menschen, die man noch viele Jahre nach ihrem Tod schmerzhaft vermisst. Dieser Schmerz wird seltener, ganz langsam mit der Zeit, und wenn man Glück hat, schleift die Zeit seinen Stachel, so dass nur noch ein dumpfer Schmerz übrig bleibt. Und manchmal verblasst der Mensch, den man so sehr vermisst, zu einer Erinnerung; es kommt der Tag, an dem man den Klang einer Stimme und das Leuchten eines Lächelns vergessen hat und so sehr man sich auch bemüht: es kommt nicht mehr zurück.

Es gibt Menschen, die man vermisst, weil man über Wege und Länder und Grenzen von ihnen getrennt ist. Man vermisst, obwohl diese Menschen noch da sind: Via Telefon und EMail, SMS und WhatsApp, via Skype oder Twitter oder sonst etwas. Doch man merkt schnell, das nichts davon auch nur ansatzsweise die körperliche Präsenz eines Menschen ersetzt, die Wärme seiner Umarmung oder die Magie eines zusammen erlebten Augenblicks. All diese technischen Dinge sind nur Hilfsmittel zur Überbrückung der Zeit, bis man einander endlich wieder von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und sich in die Arme nehmen kann.

Und es gibt Menschen, die man vermisst, obwohl sie noch da sind, und das nicht mal in weiter Ferne. Die aber dennoch weiter weg sind, als würden sie mitten in der Sahara stehen, in den Minen von Moria oder in King`s Cross in einen Zug einsteigen. Menschen, die hinter Grenzen aus gesagten und ungesagten Wörtern verschwunden sind, hinter Wällen aus bitteren Gefühlen die so hoch sind, dass wohl nur ein Gott sie überwinden kann. Menschen, die voneinander getrennt sind, obwohl es zwischen ihnen Freundschaft oder Liebe. Gefühl, die am Boden sind, die dann verschüttet und verborgen wurden und dort unten langsam, ganz langsam verfallen.

Wir vermissen die Toten, aber finden sie im Leben wieder, auch in uns, wenn wir es schaffen, unsere Augen wieder für die schönen Erinnerungen zu öffnen.

Wir vermissen die Fernen, aber dieses Vermissen ist Sehnsucht, die eines Tages erfüllt werden kann, wir leben voller Hoffnung.

Wir vermissen die Abgewandten, und können ihnen nicht hinterherlaufen, weil sie mit ihren Worten und Taten eine Mauer errichten haben, die wir nicht überwinden können, die uns von den Gefühlen abschneidet, die uns sonst immer geholfen haben, Mauern zu überwinden.

Wir vermissen und vermissen und vermissen tut weh und manchmal kann man nichts anderes tun, als jemanden zu vermissen.


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