Vom Storch gebissen

Vom Storch gebissen Gleich am Morgen, da der Brexit den Untergang des Abendlandes einläutete und uns die Berichterstatter nahelegten, lieber gleich für einen finalen und somit erlösenden Asteroideneinschlag zu beten, holte man die Gesichter deutscher Pro-Brexit-Stimmen an die Mikrofone. Auch die »heute-Nachrichten« kündigten Reaktionen deutscher Brexit-Befürworter per Einspieler an und plötzlich stierte einen Frau von Storch an, die irgendwas von erfreulichen Entwicklungen palaverte. In diesem Augeblick war klar, dass der Brexit den Untergang des Abendlandes, wie wir es kennen, verursacht hatte. Nicht wegen seiner selbst willen, nicht weil er von den Briten beschlossen wurde, nein, weil er dazu führte, die mediale Präsenz der Storch in eine mediale Existenz zu überführen. Der Brexit ist nicht nur der Ausgang Britanniens aus der EU, sondern vor allem der Ausgang der Qualitätsmedien aus ihrer eigenen Restqualität.
Einen Austritt aus einer Wirtschaftsunion, den kann man überleben. Umso leichter, wenn man eh nie so hundertprozentiges Mitglied eines solchen Bundes war, immer so mit einem Bein in der Sezession herumstocherte. Tragisch sind weniger die ökonomischen Folgen, die kann man, sofern gewollt, auffangen und abmildern. Ökonomie ist ja kein Naturgesetz, nichts Unabwendbares. Rahmenbedingungen kann man modellieren. Wirtschaftsräume sind immer auch künstliche Modelle. Man kann sie steuern, sofern der politische Wille hierzu existiert. Es ist ja auch nicht so, dass mit dem Austritt die europäische Idee zunichte gemacht wurde. Diese Idee darbt doch schon lange - und das ohne, dass jemand per Austritt der Idee den Garaus gemacht hätte. Zwischen Austerität und Renationalisierung ist dieser Brexit nichts, was auf irgendeine Weise eine neue Erkenntnis gebracht hätte. Tragisch ist viel mehr nur, wie man sich dazu entschloss, welche Weltanschauung einen solchen Austritt verursachte und zu guter Letzt, welche Figuren jetzt plötzlich zu Vertretern einer Gegenposition werden.

Befremdliche und eigenbrötlerische Gestalten, deren einziger sozialer Reflex eine Sozialphobie sein mag, die sie auf Kosten der Staatskasse therapieren. Leute wie Frau von Storch, die paranoid und am Rande der Debilität unversehens in eine Art von Austrittsexpertentum gehievt werden. Die besagte Frau machte im Laufe des letzten Jahres von sich reden, weil sie der Kanzlerin eine Flucht nach Südamerika unterstellte oder aber die Abschaffung der deutschen Nationalmannschaft. So einer, nett formuliert, groteske Person, erteilt man just an dem Tag das Wort, an dem laut Einschätzung der Qualitätsmedien sich das Abendland abgeschafft hatte. Diese Einschätzung konnte man erst teilen, als man der Storch diese Möglichkeit einräumte. Einen Austritt der Briten kann man abfedern, Norwegen ist auch nicht in der EU und Norweger sind nicht dafür bekannt, in großer Zahl am Hungertuch zu nagen. Aber den Eintritt solch absurder Staturen in den Pool derer, die man hierzulande nicht mehr nur in den Medien präsent hat, sondern eine gewisse Form medialer Existenz genehmigt, weil man sie mehr oder weniger als Kapazitäten hinstellt, wenn auch ungewollt, einen solchen Eintritt kann man kaum abdämpfen.
Vom Storch gebissen zu werden, das meint sprichwörtlich nichts anderes, als schwanger zu sein. Und schwanger gehen wir sicher in diesem Lande. Schwanger mit einem Sinn für Ausgeburten, denen wir nicht dann das Wort erteilen sollten, wenn es ernst wird. Am Ende glauben sie nämlich noch selbst, dass sie wichtig wären. Nehmen sich noch ernster, wie es viel zu viele eh schon tun. Immer dann, wenn man von Storch ans Mikro holt, macht man diese Paranoikerin zu einer Stimme, die man hören sollte. Wer sie sich aber mal anhören sollte, so könnte man vermuten, das wäre ein einfühlsamer Dr. Psych.