Vom Stillen

Von Knitterfee

Ich wusste immer, dass ich stillen wollte, und ich wusste immer, dass ich stillen kann. Nur, dass es harte Arbeit sein würde, das hatte ich nicht erwartet. Eine Triggerwarnung, die ich nicht genau benennen kann. Geburtstrauma, Wochenstationstrauma, Gewalt durch Pflegepersonal? Irgendwie sowas.

Zur Weltstillwoche habe ich jetzt beschlossen, meine Stillgeschichte bis zum heutigen Tag mit Euch zu teilen.

Vor der Geburt

Bereits vor der Geburt beschäftigte ich mich mit dem ausstreichen von Milch. Ganze 5 Milliliter Kolostrum konnte ich einfrieren, denn ich hatte fürchterliche Angst. Wenn ich zurückblicke, vermutlich zu Recht. Aber dazu später. Meine Hebamme hatte mir bereits Infos der La Leche Liga mitgebracht. Trotzdem fiel mir das Milch ausstreichen per Hand unfassbar schwer, so dass ich mir mit einer Handpumpe half, und ich bin wirklich froh, diese im Haus zu haben.

Die Wochenstation

Der blanke Horror waren die Tage auf der Wochenstation des Albertinen-Krankenhauses sowieso. Aber auch, nein, gerade in Bezug auf das Stillen versagte das System auf ganzer Linie. Mein Kind und ich, wir waren zum Glück ein gutes Team. Er trank sofort noch im Kreißsaal nach dem Kaiserschnitt, so wie ich das in Gedanken schon tausend Mal mit ihm geübt hatte. Ich brauchte das Kolostrum im Tiefkühler also nicht, um uns eine Zwangs-Zufütterung zu ersparen.

Ich war erleichtert, doch ein Krankenhaus, selbst wenn es sich das Label „Stillfreundlich“ irgendwo hintackert, ist keine Umgebung, um eine Stillbeziehung wachsen zu lassen. Am ersten Tag nach der Geburt glich die Tür zu meinem Zimmer einer Drehtür, Menschen kamen einfach herein und fassten mich an, mein Kind an, fügten mir Schmerzen zu. Ich schrie laut und heulte, und sogleich kam die nächste Schwester der Schicht und fragte mich, wie es mit dem Stillen lief.

Das Stillen lief… nicht. Denn das Baby konnte wunderbar andocken, schlief aber nach einer Minute an meiner Brust ein. Der ständige Druck und die Aufforderung, das Kind alle 3 Stunden zu wecken um es anzulegen, machten mir Angst und Stress. Ich schilderte der Dame das Problem, und fragte, ob es eine Möglichkeit gebe, eine Stillberaterin zu sprechen. Stolz tippte sie auf Ihr Schildchen und sagte: „ICH bin Stillberaterin. Und ich kenne mich auch mit DEPRESSIONEN aus!“. Aha. Ja, machen Sie es sich ruhig leicht, schieben Sie mein Heulen auf Depressionen und die alten Narben auf meinen Armen.

Dass Ihre Kollegin mir wenige Stunden zuvor beim Vorlagenwechsel eine Vorlage derart grob und unvorsichtig in die Netzhose gestopft hatte, dass der Katheter mir höllische Schmerzen an meiner Blase verursachte, war sicher nicht der Grund für meinen Schmerz. Es hatte sicher auch rein psychologische Ursachen, dass mir noch in der vierten Woche des Wochenbetts die Harnröhre schmerzte.

Die „Stillberaterin“ klatschte mir also, wie bereits 2 Kolleginnen zuvor, mein Kind an die Brust, das gemütlich anfing zu nuckeln, guckte selbstzufrieden und eine Ärztin kam herein. Ich hatte gehofft, nun Hilfe zu bekommen, doch nein, Frau Stillberaterin wurde in ein anderes Zimmer abgerufen und nun saßen wir da.

Mein Mann, mein Kind, meine kopfschüttelnde Mutter. Meine Mutter, die mich gänzlich ohne Beratung einfach so gestillt hatte. Die mich immer ermutigt hatte, wenn andere versuchten, meinen Glauben an meine Stillfähigkeit zu schwächen.

Mein Kind schlief an meiner Brust ein. Man sagte mir, ich solle das Protokoll ausfüllen. Ich kam kaum zum essen, hatte starke Schmerzen und jeder Gang zur Toilette war ein Akt. Ich wollte mein Kind kennenlernen, es anstarren und beobachten, wie es sich stündlich veränderte. Ich wollte am Kopf meines Kindes riechen und mit ihm kuscheln, ich wollte schlafen, ich wollte alles, nur sicher nicht dieses Protokoll führen.

Es erschien am zweiten Tag nach der Geburt Abends, nachdem wir in ein anderes Zimmer verlegt worden waren und nun offenbar die Zuständigkeit gewechselt hatte, ein Engel namens Sarah. Sie hörte mir zu, sprach liebevoll mein Kind an, und half mir mit Tricks wie „Füße kitzeln und Backe streicheln“, mein Kind für einige Minuten an der Brust wach zu halten, so dass es mehr trinken konnte. Sie nahm sich die Zeit, neben uns zu stehen und uns selbst seine erste mit Mekonium verklebte Windel zu wechseln. Etwas, das selbstverständlich sein sollte, aber nicht ist, und etwas, für das ich ihr auf immer und ewig dankbar sein werde.

Milcheinschuss

Die Stillhäufigkeit in 24h beträgt 8-12x, d.h. falls Ihr Baby in den ersten Tagen noch nicht regelmäßig zum Stillen wach wird, ist es immer günstig, das Baby zu wecken. So können Sie zusätzlich die Milchbildung positiv beeinflussen.

Die Angst, eine Mutter könne nicht genug Milch bilden, woher kommt Sie? Beim Nachtreffen mit unserem Geburtsvorbereitungskurs stellte sich heraus, dass ALLE 10! Babies gestillt wurden. Wir freuten uns alle und ich habe Gänsehaut, jetzt wo ich das schreibe. Zu wenig Milch, das Problem schilderte jedoch keine der anderen Mütter. Jedoch hatten 3 weitere Mütter, insgesamt also 40% des Kurses, Probleme mit zu viel Milch und starkem Milchspendereflex. Meine Hebamme berichtete mir das gleiche.

Für mich war das häufige Anlegen, wie mir im Krankenhaus „nahegelegt“ wurde, die falsche Richtung, aber für individuelle Beratung war keine Luft.

Als am zweiten Tag nach der Geburt die Milch einschoss, tropften meine Brüste, schmerzten und ich wollte sie kühlen. Auf der Station waren keine Kühlpacks erhältlich. Dafür kam jeden Tag jemand vorbei und brachte mir Malzbier. Dank Amazon warteten jedoch am Tag, der auch der Tag unserer Entlassung war, Kühlpacks für meine Brüste im Paketshop auf uns.

Wochenbett

Das Baby ist an einem Dienstag Abend geboren, für mich begann das Wochenbett am Freitag Abend, als ich mit Kind und Mann in unser eigenes Bett kriechen konnte.

Am Tag darauf kam auch unsere Hebamme, und wir arbeiteten. An Positionen, denn der Milchspendereflex war wirklich stressig für mein armes, kleines Baby. Sein Kopf war kleiner als meine Brust, wir veranstalteten regelrechte Milchbäder im Bett. Es war anstrengend. Ich war stolz. Ich weinte. Besonders nachts. Immer wieder wollte ich aufgeben, immer wieder kam meine Hebamme und motivierte mich. Mein Mann saß neben mir und half mir mit einem zweiten Paar Augen, die Position zu optimieren. Ich stillte bergauf, ich stillte seitlich, Football, ich stillte alles. Ich war so stolz über jedes Stillen, dass ich mein Handy mit Still-Selfies füllte.

Trotzdem war das Stillen anstrengend, für ihn und für mich. Mal lief es besser, mal schlechter, aber es fühlte sich trotzdem wie Arbeit an.

Vor lauter Gestille wusste ich irgendwann nicht mehr, wann, wieviel, und welche Seite. Plötzlich, nach mehreren Wochen hatte ich das Bedürfnis, eine Art Protokoll zu führen. Geholfen hat mir dabei die App von Medela (im App Store nach „MyMedela“ suchen), auch wenn es sicherlich zig andere tolle Apps gibt, die genau so gut funktionieren.

Im Land von Milch und Milch und Milch und…

Der Milchfluss versiegt nie, nicht im Hause Knitter. Irgendwann fing ich an, nach Absprache mit meiner Hebamme Salbeitee zu trinken. Meine Hebamme brachte mir noch Globulis mit, die ich dann jeden Morgen nahm. Ich glaube nicht an Homöopathie, insbesondere wenn sie in der Form von Zuckerkugeln daherkommt. Mit der Zeit wurde es jedoch besser, ob es nun an den 3 Tassen Salbeitee lag, die ich trank, oder den Globulis, oder beidem… eigentlich ist es mir egal, auch wenn ich Kräutertee weitaus mehr Wirkung zutraue als Zuckerkugeln.

Nach 11 Wochen – jetzt.

Ich habe irgendwann keine Lust mehr gehabt, ständig mein Handy zum Stillen benutzen zu müssen. Der Tag, an dem ich das mit dem Tracken endlich drangab, war der, an dem ich mit meiner Mutter und dem Baby in der Trage zu Friseur ging und stillte (in seinem Haarwasch-Stuhl, der war bequem). Der Tag, an dem wir beim Inder saßen und ich stillte (niedrige breite Bänke, Schneidersitz-Stillen ist mein Favorit).

Meinen letzten nächtlichen Zusammenbruch, weil alles so anstrengend war, hatte ich in der Nacht, bevor ich meine zweite Periode nach der Geburt bekam. PMS und Stillen während das Baby einen Schub hat – finde ich etwas unfair, aber nunja, so ist es eben. Manchmal schläft das Baby sehr lang, dann gehe ich runter und pumpe ab, weiterhin mit der Handpumpe. Während seiner Schübe findet das Baby die linke Brust doof, also stillen wir dann hauptsächlich an der rechten Brust.

Ich finde es ätzend, dass es kaum bezahlbare Stillkleider in meiner Größe gibt, die mir gefallen. Ich finde, dass Stillen oft übermäßig romantisiert oder übermäßig problematisiert wird. Für mich ist es die beste und auch praktischste Art, mein Baby zu ernähren, und manchmal finde ich es schön. Überwiegend empfinde ich es immer noch als Arbeit, insbesondere weil das Kind zwar nicht mehr an der Brust einschläft, aber gerne beim Stillen sowohl den Rücken gekrault als auch die Brust mit der anderen Hand serviert haben möchte, und ich nebenher also nicht mal auf meinem Handy rumdaddeln kann.

Ich würde mir gern Still-BHs für die Nacht kaufen, denn meine normalen Still-Bhs sind mir dafür zu eng und zu schwitzig, aber ohne Stilleinlagen muss ich 3 mal pro Nacht das T-Shirt wechseln. Ich trinke immer noch Abends eine Tasse Salbeitee, die Globulis lasse ich sein.

Stillen funktioniert nur, wenn man will. Es gibt Momente, in denen will ich nicht, in denen will ich meinen Körper nicht hergeben, bin zu gestresst, nervös, angestrengt. Dann funktioniert es auch nicht. Unterstützung und Motivation zu erhalten, sind dann unerlässlich.

Das Baby grunzt oft, wenn es die Brust sucht, wir nennen es Lactosaurus Rex.

Stillhelfer

Neben meiner Hebamme und meinem Mann und meiner Mutter als Stillhelfern und Motivatoren gab es folgende Dinge, die ich beim Stillen als hilfreich empfand bzw. immer noch nutze:

Die Kühlpacks brauche ich fast nicht mehr, aber zwischenzeitlich waren sie eine echt große Hilfe.

Die Handpumpe benutze ich wie gesagt nachts ab und an mal, damit morgens die Brüste nicht explodieren und das Kind in Ruhe trinken kann. Milchauffangschalen, denn wenn ich links stille, schießt die Milch rechts gern mal mit raus. 20 Milliliter oder mehr halten auch die besten Stilleinlagen kaum auf.

Still-BHs ohne Bügel, Dreierpack, passt. Stilleinlagen von der Windelmanufaktur und Heilwolle als trockene Alternative zur Lanolinsalbe (die auch wirklich super ist, ich mag die von Lansinoh), aber sie macht keine Fettflecken in Shirts wie die Salbe. Heilwolle kann man auch für wunde Babypopos verwenden und 50 Gramm sind sehr ergiebig.

Ab und zu nutze ich auch Stilleinlagen zum wegwerfen, da finde ich die von Lansinoh ebenfalls am besten. Schnuller erwähnte ich bereits in meinem letzten Artikel, auch die helfen einfach, damit Bert so viel nuckeln kann wie er braucht, ohne dabei ständig in Milch zu ertrinken.

Die Zukunft

Ich habe keinen festen Plan, wie lange ich stillen will. Ich finde es derzeit nicht schön genug, um eine besonders lange Stillzeit anzustreben, das von der WHO empfohlene Jahr würde ich jedoch schon gerne machen. Da wir ohnehin nicht mit B(r)eikost nach Plan anfangen werden, gehe ich davon aus dass ich mindestens ein halbes Jahr voll Stillen werde.

#normalizebreastfeeding but #fedisbest

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