Vom richtigen Streiten (Predigt zu Röm 14, 17-19)

Erstellt am 27. September 2016 von Stscherer

© Alexander Klaus / pixelio.de

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen!

Ja, liebe Gemeinde, dieser Kanzelgruss stammt aus dem Römerbrief, denn mit diesen Worten grüßt der Apostel Paulus die ihm unbekannte Gemeinde in Rom am Anfang des Römerbriefs. Frieden spricht er ihr zu, einen Frieden, auf den die römische Gemeinde dringend angewiesen war. Denn friedlich ging es in ihr nicht zu, obwohl sie noch in ihren ersten, bescheidenen Anfängen steckte.

Und so ernüchternd es ist: Interessenkonflikte, heftige Auseinandersetzungen, Streit unter den Christen sind so alt wie die Kirchengeschichte selbst. Auseinandersetzungen gibt es unter den Christen aller Zeiten, weil sie ihren Glauben und das, was sie vom Evangelium verstanden haben, so wichtig nehmen. Streit gibt es aber leider auch, weil einzelne Christen zuweilen nur sich selbst und ihren Erfahrungshorizont wichtig nehmen, denn leider ist ist das Ernst-Nehmen des Glaubens und das Sich-selbst-wichtig-Nehmen eng miteinander verknüpft. Und so ist es dann oft kaum möglich, die nötigen Auseinandersetzungen vom unnötigen Streit zu trennen.

In Rom hat man damals unter anderem über das Essen und Trinken gestritten.

„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“

Der Streit kommt uns ja gerade im Jahre 2016 allzu bekannt vor: die eine Gruppe in der römischen Gemeinde erklärte: „Als Christ muss man Vegetarier sein.“

Die Argumentation war allerdings eine andere als diejenige, die heute den derzeit heftig geführten Streit um Fleischverzehr oder nicht beherrscht: Damals stammte das Fleisch, das in Rom zum Verkauf angeboten wird, in aller Regel von Opfertieren aus dem heidnischen Götterkult. An diesem heidnischen Götterkult dürfen sich Christen unter keinen Umständen beteiligen, meinte die eineGruppe, auch nicht dadurch, dass sie das dort anfallende, später auf dem Markt günstig angebotene Fleisch kaufen und essen. Auch der Wein spielte bei Götzenopfern eine Rolle. Deshalb sollten Christen auch keinen Wein trinken.

Wenn Christen dieser Überzeugung von anderen Personen eingeladen wurden, kamen sie oft in Gewissenskonflikte. Wurde Fleisch aufgetischt und Wein angeboten, dann fühlten sie sich in ihrem Gewissen bedrängt. Noch mehr aber fühlten sie sich in die Ecke geschoben, wenn andere Christen spotteten: „Ihr Gemüsechristen – was macht ihr euch für Probleme. Unser Heil hängt doch nicht von dem ab, was wir essen oder trinken. Christus ist für uns gestorben. Mehr braucht es nicht zu unserem Heil. Christen können alles essen und trinken! Ihr habt die Freiheit, die Christus uns geschenkt hat, überhaupt noch nicht verstanden! Eigentlich seid ihr noch gar keine richtigen Christen.“

Paulus hat es in Rom also mit zwei Gruppen zu tun, die beide eine fatale Neigung zur Selbstgerechtigkeit haben. „Wir haben’s verstanden. Unser Verhalten entspricht dem Reich Gottes. Wir leben entschieden und authentisch.“ So reden beide. Und den letzten Satz führen heute doch auch die vielen Heilsbringer in Staat, Gesellschaft und Kirche ständig auf den Lippen.

Aber diese Selbstgerechtigkeit hat mit dem Reich Gottes nichts zu tun. Wer meint, zB. an bestimmten Speisevorschriften – nehmen wir den kleingeistigen Streit um Wein oder Saft beim Abendmahl –ließe sich zeigen, was christliche Identität ausmacht, der hat die Freiheit des Evangeliums noch nicht verstanden.

Und übersetzen wir den Begriff Speisevorschriften mal auf andere Bereich: es irrt nämlich auch der, der meint, christliche Freiheit orientiere sich an einem abstrakten Freiheitsgedanken und nicht an den Bedürfnissen meiner schwächeren Schwester oder meines schwächeren Bruders im Glauben – oder eines anderen Mitmenschens.

Paulus kritisiert beide Seiten nur vordergründig bzgl. der Speisevorschriften, tatsächlich kritisiert er sie in ihrer Absolutheit und ermutigt beide als mündige Christen, bei allen Auseinandersetzungen den Frieden im Blick zu haben. „Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“ Paulus appelliert, ohne als Richter eine Entscheidung im konkreten Fall zu treffen, an beide Seiten, das Gemeinsame, das Verbindende in den Mittelpunkt zu stellen: „Denn das Reich Gottes ist… Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“

Was Gerechtigkeit meint, hatte Paulus vorher schon geschrieben: Gerechtigkeit im Glauben können wir uns nicht erarbeiten, wir müssen um sie nicht kämpfen oder streiten. Wir bekommen sie geschenkt. Ohne Vorleistung spricht Gott uns in der Taufe zu, dass er uns liebt, uns ein gnädiger Gott sein will. Und Gott bleibt seinem in der Taufe mit uns geschlossenen Bund treu, wenn er uns auf unserem Lebensweg, in unserem Sterben und durch den Tod hindurch begleitet. Als Gemeinde stärkt er uns in allen Anfechtungen und rettet uns aus Gefahr. Immer bleibt Gott mit uns in Verbindung, handelt und wirkt so, dass er die Gemeinschaft mit uns stärkt.

Es ist also eine Grunderfahrung, dass Gott Gerechtigkeit schafft. Und aus dieser Grunderfahrung heraus können auch wir Menschen Gerechtigkeit leben. Wir müssen nur mit Gott Gemeinschaft halten, Gottes Gebote halten und seinem Wort Vertrauen schenken. Und es muss im Verhalten zwischen uns Menschen Gerechtigkeit herrschen; deswegen spricht sich Paulus gegen unsolidarisches, nur auf die eigene Einsicht bauendes Handeln aus, Deswegen verlangt er, dass wir Christen so in der Gemeinschaft leben, dass das Handeln des Einzelnen bestimmt wird durch die Bedürfnisse der Mitmenschen und das, was der Stärkung der Gemeinschaft dient.

Mit dem Frieden, einem weiteren Kennzeichen des Reiches Gottes, verhält es sich ebenso. Der Friede, den Gott selbst zwischen sich und uns Menschen durch Jesu Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen gestiftet hat, dieser Friede soll unsere Beziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen prägen. Friede ist mehr, als wenn die Waffen schweigen und kein Krieg herrscht. Frieden meint die das Leben fördernde Ordnung der Welt im politischen, rechtlichen, kultischen und sozialen Kontext. Die vielen Aspekte des Friedens umfassen dabei unter anderem persönliches Wohlergehen, Glück, Ruhe und Sicherheit, und so kommt der Frieden dem sehr nahe, was wir Segen nennen.

Gerechtigkeit und Friede in diesem umfassenden Sinn, und eben nicht Recht-behalten-Wollen, ist es, was nach Paulus die Grundpfeiler des Reiches Gottes sind und das hervorruft, was das Reich Gottes auf Gefühlsebene kennzeichnet: die Freude im Heiligen Geist. Wir alle sind ja auf die Hilfe des Heiligen Geistes angewiesen. Er ist uns näher, als wir uns selber nahe sein können. Er wirkt in uns, dass wir überhaupt über das Reich Gottes, über Gerechtigkeit und Frieden nachdenken und sprechen können. Und er bewirkt in uns Freude, ein Lebensgefühl, das auch, wenn der oft oberflächliche Spaß ein Ende hat, noch anhalten kann, ein Lebensgefühl, das sich in allem von Gott gehalten und getragen weiß.

„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“ Was bedeutet das heute konkret? Die Auseinandersetzungen, die uns gegenwärtig in unserem Glaubensleben und in der Theologie, in der Kirche und in der Diakonie umtreiben, haben bis heute nicht zuletzt mit dem Blick auf die ungelöste Abendmahlsgemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten und auf die ungerechte Verteilung von Nahrung und Wasser in unserer Welt mit Essen und Trinken zu tun. Aber auch viele andere innerkirchliche Auseinandersetzungen haben das Potential, den Unfrieden in der Kirche zu fördern, die Erbauung der Gemeinde zu verhindern. Wir erleben das ja derzeit in unseren Gemeinden ja sozusagen am eigenen Leib und vor Ort.

Aber auch an anderen Orten in der Kirche gibt es solche Streitigkeiten: Zum Beispiel die quälende Auseinandersetzung um die Frage nach der Trauung von schwulen und lesbischen Paaren, die immer wieder an den verschiedensten Orten neu aufflammt. Oder die diakoniepolitische Frage über den weiteren Weg der ambulanten Pflege, die durch die neuen, politisch gewollten und gesetzlich fixierten Rahmenbedingungen im Bereich der Altenhilfe befeuert werden.

Wir müssen diese Fragen und Interessenkonflikte besprechen, aber wie können wir dass, damit die Diskussion und das am Ende erzielte Ergebnis zum Frieden und zur Erbauung unserer Kirche und unserer Diakonie dienen?

Der Apostel Paulus gibt uns dazu einen wichtigen Ansatz im Predigttext, denn er tritt nicht als Richtinstanz auf und entscheidet den Streit um die angemessene Form des Essens und Trinkens in Rom nicht. Bei aller theologischen und persönlichen Freiheit, die Paulus selbst in diesen Fragen hat, will er nicht die Sicht des anders Fühlenden und Denkenden aus dem Blick verlieren. Deshalb leitet er die beiden streitenden Gruppen als mündige Christen an, beim Ringen um die Entscheidung nicht die wesentlichen Kennzeichen des Reiches Gottes zu vergessen, nicht Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist zu vergessen. Und dabei vertraut Paulus darauf, dass das Bemühen um das Reich Gottes für uns Christen immer Aufgabe und Gabe Gottes zugleich sind. Denn Gott selbst kommt uns entgegen! Deshalb bitten wir auch nachher wieder gemeinsam: „Dein Reich komme.“ Und deshalb formuliert Paulus im Brief an die Römer auch die Gebetsbitte, die auch uns mit einschließt: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes“. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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