Vom krummen Stern

Von Lyrikzeitung

Von  Ole Schwabe

Vgl. hier

Er schrieb einen Roman über seine Jugend in Demmin und unzählige Texte über Sexualität, Suff, Sinnsuche, Spielsucht und Depression. Manche nennen ihn den “Charles Bukowski” Vorpommerns, wegen seiner Liebe zu den vermeintlichen Randzonen. Jürgen Landt, Jahrgang 1957, Schriftsteller.

Ein Wohngebiet im Süden von Greifswald, hübsch und einheitlich renovierte Wohnblöcke. Jürgen Landt empfängt mit Zigarette an der Wohnungstür, mittelgroß mit breiten Schultern, einer hohen Stirn und zum Zopf gebundenen, grauen Haaren. Die Begrüßung ist herzlich, er bietet Kaffe an, “Trink aber nur türkisch.” Heißes Wasser, schwarzes Pulver, zwei gehäufte Teelöffel Kaffeweißer, ein Schuss Sahne, selbstgemalte Bilder an der Wohnzimmerwand, sie tragen Titel wie “Grüß den krummen Stern von mir” oder “Ein Mann versucht zu beten”. Ein volles Bücherregal, “Das sind nicht meine. Früher hab ich viel gelesen, heute gar nicht mehr so.”

Inmitten all des Papiers der “Werner Holt” von Dieter Noll, ein Entwicklungsroman in zwei Teilen, “Roman einer Jugend” und “Roman einer Heimkehr”, ehemalige Pflichtlektüre in der Polytechnischen Oberschule.

Landt hat auch einen Entwicklungsroman geschrieben, “Der Sonnenküsser”, über seine Jugend in Demmin. Es wurde keine Pflichtleküre, gut 1000 Exemplare des in der Edition M erschienenen Werks wurden seit 2007 verkauft.

Werner Holt heißt hier Peter Sorgenich, erlebt statt des zweiten Weltkriegs die vorpommersche Provinz und findet statt des Glaubens an den sozialistischen Aufbau den Weg ins Zuchthaus Alt-Strelitz, 16 Jahre ist er da alt, und verurteilt wegen Rowdytums. Es ist auch die Geschichte des Autors Landt: “Mensch, eigentlich wollt ich nur meine Ruhe haben in diesem Staat. Aber das ging nicht.”

Über vierzig Jahre ist das her, die penetrante Mutter mit ihren Scheinsuiziden, das Geloben bei den Thälmann-Pionieren, die Gängelung und Fremdbestimmung, die aufgestaute Wut.

Damals folgten weitere Haftzeiten und Ausreiseanträge, Silvester 1983 dann überraschend die Ausbürgerung, da ist er 26 Jahre alt, Vater einer kleinen Tochter und steht samt Reiseschreibmaschine “Erika” und einigen Klamotten plötzlich auf der Reeperbahn in Hamburg.

“Gut war das zwar alles nicht”, erzählt er nachdenklich, “aber gut drauf sei er wenigstens gewesen, als junger Bengel.” Zumindest im Vergleich zu heute. Vor ungefähr vier Jahren brach die Depression in voller Intensität aus, seitdem folgten unzählige Theraphiestunden, Klinikaufenthalte und zuletzt die Elektrokrampftherapie, eine Behandlungsmethode, bei der mit Hilfe von elektrischen Impulsen epileptische Anfälle simuliert werden.

“Ich wollt da nicht mehr rein. Das war wie wenn jemand ein Vieh am Strick zur Schlachtung reinzieht. Die fürchterlichen Erregungszustände im Anschluss waren mit das Schlimmste, was ich jemals erlebt hab.”

Ein Kämpfer sei er, wie er sagt, immer gewesen, aber ohne Feind von außen sei auch das schwierig geworden.

“Er nimmt mich als Leser und als Mensch immer wieder mit.”, bekennt sein Verleger Erik Münnich, “er beeindruckt mich und seine Krankheit belastet mich.”

An der Wand ein weiteres Bild, “Die Welt geht durch uns durch.”  In dunklem Gelb und Rot rücken Fratzen Symbolen auf den Pelz und machen aus der kleinen Leinwand im DIN A 3-Format ein überfülltes Welttableau.

Und was in dieser Durchdringung existiert, das schreibt Jürgen Landt auf, formuliert die Antriebsschübe inmitten der Depression. Im Juni 2012 erschien “alles ist noch zu begreifen” im Greifswalder freiraum-verlag, 118 Seiten, die von Rändern inmitten der Gesellschaft erzählen. Die alten und neuen Texte kommen mal verschlüsselt, mal nackt daher, eine bedrückende Bereicherung sind sie alle.

Und was ist da nun dran, am Vergleich mit dem US-Amerikaner Bukowski, dem trinkenden, weltberühmten Raubein mit den Außenseiter-Geschichten?

“Ich sag immer: ich habe kein Vorbild, aber wenn das für euch nicht anders geht: ich schreib nur das auf, was Bukowski vergessen hat.”