Vom Atelier ins Gefängnis

02 Dezember 2010 Vom Atelier ins Gefängnis

Pierrick Sorin 22h13 (c) Brigitte Enguérand


Pierrick Sorin und Claire Diterzi im Le-Maillon in Straßburg

Im November wartete das Le-Maillon in Straßburg mit zwei sehr klug hintereinander gesetzten Inszenierungen auf. Zu sehen war einerseits Pierrick Sorin mit seiner Aufführung „22h13“ und andererseits Claire Diterzi mit ihrem Abend „Rosa la Rouge“, welcher der bekannten Kommunistin und Pazifistin Rosa Luxemburg gewidmet war.
So unterschiedlich beide Aufführungen von ihrem Inhalt her auch waren, so viele Schnittmengen hatten sie andererseits auch wieder vorzuweisen. Beide Künstler arbeiten genreübergreifend.

Pierrick Sorin, der von der bildenden Kunst her kommt, bereits zahlreiche internationale Auszeichnungen erhielt und unter anderen im Centre Pompidou, der London Tate Gallery oder dem Guggenheim in New York ausstellte, mutiert auf der Bühne zum Schauspieler und präsentiert dem Publikum im Zeitraffer einen Tag im Künstleratelier. Dort bedient er zwar einen ganz Sack voll Klischees, tut dies aber immer mit so viel Humor, dass diese leichte Kost nicht unverdaulich wird. „Schuld“ daran ist sein spielerischer Umgang mit den Medien. Großartig, wie er einen Film von sich auf eine große Leinwand projiziert, um davor im selben Outfit sein Alter-ego zu spielen. Einfach schön sein bewegtes Hologramm, in welchem er als kleines Männchen auf einer Schallplatte läuft. Witzig die Situation, in welcher er von zwei Versicherungsvertretern vollgetextet wird und währenddessen in seinen künstlerischen Träumen eine riesige Fontäne bastelt, die er vor den Louvre stellt. Dass sie in Wirklichkeit nur aus einem hohlen Baguette und einem Schlauch mit Milch gefertigt ist, der sporadisch diese ausspuckt, reißt das Publikum zu Lachstürmen hin. Wie überhaupt all jene Bezüge, die den Künstler als ein Wesen erscheinen lassen, dessen Gedanken entweder um seine eigene Unzulänglichkeit oder um seine Libido kreisen. Gott sei Dank gibt es Freud, auf den man sich ausreden kann! Sorins Künstleralltag, zumindest in der Bühnenversion, besteht aus Zwangshandlungen, wie Aufräumen, aus der krampfhaften Suche nach Inspiration und dem Negieren sämtlicher Anrufer, die ihn dazu auffordern auszustellen, ein Vorwort zu schreiben oder bei der Nachbarin Nachschau zu halten, weil diese kein Lebenszeichen von sich gibt. Es ist nicht der Plot, der das Publikum fasziniert, sondern vielmehr seine Art, die Bühne optisch zu bespielen. Es ist ein verschiebbares Aquarium, in welchem er selbst wieder in Form eines Hologramms tanzt, eine Glasscheibe, auf die er bunt eingefärbte Lebensmittelfarbe spuckt und das Verrinnen der Farbe großflächig auf die Bühnenleinwand projiziert, ein Film, in dem er sich als Dreimannband aufgezeichnet hat und vor dem er den Sänger mimt und, und, und. Was in Komödien früher pointiert geschriebene Gags waren ersetzt Sorin durch persiflierte, künstlerische Aktionen und wunderbare Querverweise in die Kunstgeschichte, sowie Seitenhiebe auf das aktuelle Kunstbusiness. Darin liegt seine große Stärke. Wer dies als unterhaltsame Kost konsumiert, kommt voll auf seine Kosten. Wer weiteren Tiefgang erwartet, weil „ein richtiger Künstler ernst sein muss“ sollte tatsächlich in eines der zuvor genannten Museen gehen. Aber Achtung: Auch dort hat schon seit Längerem mit einigen Künstlern der Spaß Einzug gehalten.

Vom Atelier ins Gefängnis

Claire Diterzi / Rosa La Rouge (c) Michal Batory


Ganz anders, und dennoch vergleichbar stand eine Woche später Rosa la Rouge auf dem Programm des Le-Maillon. Claire Diterzi vermischte bei diesem Auftritt mit ihrer Band das Theater, ein Popkonzert, Videoeinspielungen, Multimediadiashows und Hollywoodfilmszenen völlig ungeniert. Sie zitierte aus Briefen, die Rosa Luxemburg an Bekannte und Freunde aus dem Gefängnis schrieb und wählte dazu stets Stellen, die zuversichtlich klingen und das Kämpferherz dieser ungewöhnlichen Frau betonten. Kaum war jedoch eine besinnliche Stelle abgearbeitet, mutierte Diterzi flugs zur Hard-Rockerin oder Chansonsängerin. Ihre gesungenen Revolutionsparolen ließ sie filmisch mit einer Szenerie von hochhausbestückten Banlieus begleiten. Ein starker Moment, in welchem ihr die Verschränkung zum Hier und Jetzt mit Luxemburgs Ideen vom Aufstand gegen die Mächtigen gut gelang. Diterzi und Marcial di Fonzo Bo, der für die Regie sorgte, präsentierten ein so breit gefächertes, künstlerisches Kaleidoskop auf der Bühne, dass, beinahe wie im Zirkus, eine Sensation die nächste ablöste. In ihrem schwarzen Spinnenoberteil, der weit geschnittenen Greta-Garbo Hose und den hohen, roten Pumps erinnerte Diterzi jedoch optisch in nichts an die streitbare Luxemburg. Selbst dort, wo sie Luxemburgs Texte zitierte, blieb sie doch ganz sie selbst. Eine Bandleaderin, die grenzüberschreitend als Akteurin auf der Bühne agiert, um mehr als nur Lieder zu transportieren. In Dada-Manier intonierte sie ein Nonsens-Vogellied, ließ sich von einem Alphorn begleiten und agierte sogar kurz als volkstümliche Schunkelsängerin. Die Verschränkung zu Luxemburgs Schweizaufenthalt lag auf der Hand. Auch ihr Traum von einer intakten, familiären Welt wurde thematisiert. Dazu gab es eine wunderbare Heile-Familie-Persiflage, in welcher Diterzi ein von ihr bewegtes Puppenhaus mit Filmaufnahmen eines Ehepaares fütterte und diese wie lebende Puppen in die Zimmer platzierte. Auf eine der drei Leinwände projiziert, fesselte diese heitere Videoperformance ganz die Aufmerksamkeit des Publikums um jedoch bald darauf von einer Filmszene aus dem Hollywoodmelodram Spartacus abgewechselt zu werden. Auch mit Spartacus wählte Diterzi einen Direktverweis auf Luxemburg, war dies doch der Name jener kommunistischen Bewegung, der die Pazifistin in Deutschland angehört hatte. Bei Diterzi darf jedoch auch in diesem Zusammenhang gelacht werden, wenn der tapfere Sklave Kirk Douglas sich mit seiner Liebsten Jeanne Simmons im Gras wälzt und laute, eingespielte Schmatztöne die Kussszene untermalen. Das Lachen hielt jedoch nicht lange an, die Show neigte sich ihrem vorhersehbaren Ende zu. Begleitet von einem traurigen Chanson wurde abermals ein Film eingespielt, auf dem Diterzi liegend, wie tot, am Boden vor einer Ziegelmauer zu sehen war. Das Bild konnte sich solange ins Gedächtnis einprägen, bis ihr Körper ganz vom fallenden Schnee bedeckt war. Trocken erschienen dazu auf einer Gegenleinwand die Daten der Ermordungen von Luxemburg und ihren Mitstreitern Karl Liebknecht und Leo Jogiches. Wie das Licht einer kleinen Mahnkerze leuchtete zum Schluss der rote Apfel auf dem Mac, den ein DJ im hinteren Bühnenteil bediente.

Sowohl in „22h13“ von Sorin als auch in „Rosa la Rouge“ von Diterzi fand sich derselbe Ansatz, eine Bühne als multimedialen Präsentierteller zu nutzen. Darauf spielten beide neben dem Live-Geschehen auch elektronisch konservierte, optische Informationen ein, die nur mit einer aufwendigen Technik zu bewerkstelligen ist. Was früher einmal der Schnürlboden war, erledigen heute Computer, Kabel, Mischpulte und Leinwände. Aber nicht nur deshalb ist es interessant die beiden Abende gegenüberzustellen. Auffallend war nämlich, dass sich die tradierten Geschlechterrollen völlig verkehrten. Sorin, als männlicher Künstler, agiert zurückgezogen, selbst reflektierend, die Gesellschaft völlig außen vor lassend in seinem Atelier. Igelt sich dort ein, kapselt sich ab und macht sich so seine Gedanken, mehr über sein eigenes Dasein als über das der anderen. Diterzi hingegen exerziert genau das Gegenteil. Als Frontfrau ihrer Band und die Ideen Rosa Luxemburgs auf ihre Fahnen geheftet, ruft sie, zumindest unterschwellig, zum gesellschaftlichen Aufstand auf. Was bei ihr fehlt, ist der Entwurf zum Kommenden, zum Neuen, das nach einer Revolution entstehen soll. Damit spiegelt sie jedoch nur jenen Zeitgeist wieder, der erkannt hat, dass Veränderungen kommen müssen, wohin diese führen werden, jedoch noch nicht.

Zwei Abende, die förmlich dazu aufriefen, sich Gedanken zu Privatheit und Öffentlichkeit zu machen – und beide Pole auf ihre eigene Art völlig legitimierten


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