Vierzehn für einen Abend – ein Lesungsbericht

Vierzehn für einen Abend – ein Lesungsbericht Du stehst vor der Tür. Du schaust dich um.
Eine Tür mitten in Berlin, düster, darüber ein kleines rotes Schild, darauf ein Buchstabe. Z wie Z-Bar. Darunter ein Blatt, mit Klebestreifen auf einen Aufsteller geklebt. Buchpremiere, heute Abend.
Außer dir ist noch keiner da. Du bist zu früh, es ist noch nicht mal halb acht, du hast noch eine halbe Stunde Zeit. Läufst noch mal um den Block, gehst dann aber doch rein, weil du keine Lust mehr zum Laufen hast.
Drinnen gibt es so wenig Licht wie vor der Tür, in Grün diesmal. An der Wand ein Projektorbild mit Zebras, hinter der Bar ein Fernseher und Ameisenrauschen. Du gönnst dir eine Cola, dann gehst du. Nach hinten.
»Ist noch keiner da«, sagt einer, den du für einen Mitarbeiter hältst, als du an ihm vorbeiläufst. Setzt dich trotzdem hin. Zweite Reihe, alte Klappsitze. Gemütlich, denkst du. Wie im Kino. Vorne das Buchcover auf der Leinwand, darauf groß »Tamara Bach« und »Vierzehn«. Ein Tisch mit Stuhl und Lampe und einer Flasche Wasser. Zur Linken das Buch und eine Sonnenblumenvase. Im Hintergrund hörst du Gemurmel. Eine Unterhaltung, vielleicht die Autorin, immerhin geht es um Bücher und Lesen und Schreiben. Was ein Autor so macht, denkst du. Machst ein Foto von der Leinwand, das du online mit allen teilst, die nicht hier sind.
Dann geht es los, der Raum füllt sich, Klappsitze quietschen, Gemurmel, Gespräche und du mittendrin lehnst dich zurück, weil du schon sitzt, deinen Platz schon gefunden hast.
Irgendwo läuft Musik. Du brauchst eine Weile, bis du kapierst, dass die nicht zum Programm gehört. Alle anderen auch. Irgendjemand entschuldigt sich, schaltet ein Handy aus, Lachen. Das Eis ist gebrochen. Auch du lachst, bist aber froh, dass es nicht dein Handy war. Irgendjemandem ist das jetzt peinlich.
Die Lektorin steht vorne, sagt was von Titel als Lebensgefühl und keine überflüssigen Worte und erste öffentliche Lesung aus dem Buch, dann wird es ruhig und du wartest darauf, dass das Licht ausgeht und Werbung mit zu lautem Ton abgespielt wird wie im Kino. Aber das sagst du nicht, denkst du nur. Passiert auch nicht. Tamara Bach vorne räuspert sich, sagt zwei Sätze zum Buch. Sagt, dass die erste Idee aus einem Namen und einer Zahl bestand. Beh und vierzehn. Sagt, dass sie nach einer Woche alles über Beh wusste. Gruselig, denkst du, und stellst dir vor, jemand würde alles über dich wissen. In einer Woche. Du möchtest keine Romanfigur sein.
Die Autorin schlägt ihr Buch auf. Am Rand bunte Post-it-Zettel und Büroklammern. Könnte deins sein. Den Text kennst du. Du hast das Buch gelesen, schließlich bist du vorbereitet. Du weißt sogar, wie es unter dem Schutzumschlag aussieht, dass es darunter nicht nur langweilig grün ist, dass es da was zu entdecken gibt. Tamara Bach liest. Erste Seite. Das weißt du, weil es um Elefanten geht. Du fragst dich, was Elefanten mit allem zu tun haben, und denkst an die Zebras draußen an der Wand. Zebrastreifen auf Mauersteinen. Aber weiter kommst du nicht, inzwischen geht es ums Aufstehen, um Mütter und Töchter und Busfahrten. Angenehme Stimme, denkst du. Sympathisch.
Du sitzt wieder in der Schule. Erster Tag nach den Sommerferien. Sieben Stunden, Mathe, Deutsch, Englisch, Kunst, Ethik. Dazwischen Mittagspausen. Dazwischen das wahre Leben. Neunte Klasse, das ist Jahre her.
»Geht's noch?«, fragt Tamara Bach in deine Gedanken. Nippt an ihrem Wasserglas. Mitten im Kunstunterricht. Hat gerade deine Lieblingsszene gelesen, die mit den Mülltonnen. Von den anderen im Raum nur gemurmeltes Ja und Hmm. Geht also noch. Sind vielleicht auch in Gedanken. An ihre neunte Klasse. Ihr eigenes Vierzehn.
Die Autorin liest weiter, quer durch das Buch. Am Ende ist eine Stunde vergangen. Hast du gar nicht gemerkt. Hat sich nach weniger angefühlt. Das war in der Schule anders.
Du gehst aus dem Raum. Die anderen stehen für das Buch an, das du schon längst gelesen hast. Du setzt dich an die Bar und bestellst noch eine Cola, weil du noch keine Lust hast, nach Hause zu gehen. Du schaust nach den Zebras, aber die sind nicht mehr da. Kurz ärgerst du dich, weil du das Buch vor der Sonnenblumenvase nicht fotografiert hast, aber als du zurückgehst, hat jemand das Buch gegen eine Bierflasche ausgetauscht. Das Motiv macht sich nicht so gut auf deinem Blog. Dafür denkst du an Beh, die im Buch verlassene Orte fotografiert. Die ihre Freundinnen nicht mehr versteht. Die neue Bekanntschaften macht und ein neues Schuljahr wie ein neues Leben anfängt. Für einen Abend warst du wieder vierzehn, warst du Beh.
Aber du bist froh, dass es nur für einen Abend war. Eine Stunde. Dass du das Alter hinter dir hast.
Du schmunzelst.
Dann trinkst du aus und gehst nach Hause.

Wenn euch der Schreibstil hier nicht abgeschreckt oder sogar gefallen hat, solltet ihr auch einen Blick auf »Vierzehn« von Tamara Bach werfen! Zu finden bei Carlsen.

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