Vergangenes und Zukünftiges

Bryana Fritz & Christoffer Forbes Schieche „Sixteen Candles“

Bryana Fritz & Christoffer Forbes Schieche präsentierten ihre Arbeit „Sixteen Candles“. Eine höchst ästhetische, in der die Langsamkeit und die Bedachtnahme auf jeden einzelnen Schritt gefeiert wurde. Die aus Chicago stammende Fritz, die auch in Europa Tanz studierte, und der Stockholmer Forbes Schieche, der seine Partnerin bei P.A.R.T.S. in Brüssel kennenlernte, nahmen dabei reichlich Rückgriffe auf den frühen US-amerikanischen Modern Dance. Ausstaffiert mit silbernen Body-Suits und zwei großen, weich fließenden Tüchern durchmaßen sie in vielen Varianten step by step die Bühne. Dabei verwendeten sie auf höchst kreative Weise den fließenden Stoff.

Bryana Fritz & Christoffer Forbes Schieche_Sixteen Candles (c) Myriam Raccah Bryana Fritz & Christoffer Forbes Schieche_Sixteen Candles (c) Myriam Raccah

Mit geometrischen Wandprojektionen, selbst intonierten Songs und rezitierten Gedichten schufen sie ein Gesamtkunstwerk, das den Anschein erweckte, neue Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes zu erproben. Neu aber mit der Idee, die man von Tanz noch im 19. Jahrhundert hatte. Über lange Strecken hinweg wurde keine Musik eingespielt, erst als sich Fritz mit einem Solo zeigte, waren die Klänge einer Hammondorgel zu hören. Die Revolution im Tanz drückte sich vor hundert Jahren auch dadurch aus, dass die Menschen erstmals seit der Antike zum Teil beinahe oder auch ganz nackt auf die Bühne kamen. Forbes Schieche nahm den Rückgriff auf diese Idee auf und erschien in einem roten, weiten, jedoch durchsichtigen Umhang, den er zuweilen auch bis über den Bauchnabel hochzog.

Trotz aller historischer Bezüge verwendete die junge Tänzerin einen sehr zeitgenössischen Text. „Sleeping next to a computer“ ist ein Gedicht, bei dem jede neue Zeile kürzer als die vorangegangene ist und sich im Schriftbild dadurch ein auf die Spitze gestelltes Dreieck zeigt. Ein feiner Hinweis, dass sich auch die Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf völlig neues Terrain wagte. Das Heute und das Gestern, das Vergangene und das Jetzige lässt sich häufig nicht fein säuberlich voneinander trennen. In „Sixteen Candles“ wurde dies sinnlich erfahrbar.

Thiago Granato „Treasured in the Dark“

Auch Thiago Granato, brasilianischer Choreograf und Performer, setzte in „Treasured in the Dark“ zum Teil auf Bewegungsmaterial, das nicht nur aus seinem kreativen Output stammt. Genauso wie Fritz und Forbes Schieche verwendete er eine sehr dunkle, nur partiell erhellte Bühne.

Eine humorige und zugleich deftige Anfangsszene erheitere das Publikum von der ersten Sekunde an. Darin präsentierte er sein nacktes Gesäß, dem Publikum zugewandt, als einen Stellvertreter für eine Sängerin, die im Playback hörbar, ein Liebeslied intonierte. Nach diesem witzigen Einstand mit schwarzer Federboa folgte eine lange, extrem komplexe Choreografie. Der Rhythmus dazu stammte von einem Loop, dessen Klangherkunft (Gérald Kurdian) nur schwer auszumachen war. Ein Klatschen und Scheppern, ein Klirren und eine Art Knistern eines schweren Stoffes ergaben ein abstraktes Sound-Surrounding, das dennoch Bezüge zu animalisch und menschlich erzeugten Schallquellen lieferte. Der 1986 verstorbene Hijikata Tatsumi sowie der 1994 verstorbene Brasilianer Lennie Dale waren, so konnte man es aus den Credits des Programmheftes lesen, eingeladen, während einer Scéance choreografisches Material beizusteuern. Und tatsächlich hatte man im Verlaufe der Vorführung mehrfach das Gefühl, dass Granato hier mit der Idee von Geisterwesen arbeitete. Die Aneinanderreihung völlig unterschiedlicher Szenen, das Auftauchen und Verschwinden seines Körpers aber auch von Objekten, die beständige Veränderung seiner Körperlichkeit hinterließ den Eindruck, dass hier mehrere Personen an der Choreografie beteiligt waren.

Thiago Granato_Treasured in the Dark (c) Bertrand Delous Thiago Granato_Treasured in the Dark (c) Bertrand Delous

Die Posen eines Showgirls oder jene des Fauns, aus einer „l´après-midi d´un faune-Vorstellung“, der Ritt auf einem Pferd oder das Anvisieren eines Ziels mit einer Pistole sind nur einige Eindrücke von einer sich ständig wechselnden Bewegungsszenerie. Der alles bestimmende Rhythmus trieb den Tänzer unablässig an, bis dieser wie ein Zombie oder einst Quasimodo gebückt über die Bühne tanzte und schließlich sein Ohr an den Boden hielt. Die sich nun verändernde Klangkulisse wechselte zu einem neuen Loop, in dem sich eine herabschreitende Tonfolge beständig wiederholte.

Mit dieser neuen Klangkulisse veränderte sich auch das Bewegungsrepertoire, das mit der Präsentation von verschiedenen, zum Teil sehr absurden Gegenständen kombiniert wurde. Dunkelgraue, runde, ballähnliche Skulpturen, eine schwarze Ananas, ein langer, dürrer Ast mit Verzweigungen all das erhielt ein Eigenleben, zog Granato zum Teil mit sich, beeinflusste seine Bewegungen, um schließlich wieder im Nichts zu verschwinden.

Thiago Granato_Treasured in the Dark (c) Bertrand DelousThiago Granato_Treasured in the Dark (c) Bertrand Delous

In seiner letzten Sequenz arbeitete der Künstler abermals mit dem Phänomen von vielfach interpretierbaren Soundschnipseln. Vermeinte man zu Beginn das Meer rauschen zu hören, bemerkte man nach einiger Zeit, dass Thiago Granato eine lange Fahne aus einem metallenen Gebinde schwenkte. Von ihr stammte das Geräusch, mit ihr arbeitete er bis zum Ende, um dabei manches Mal spärlich beleuchtet beobachtet werden zu können und dann wieder im völligen Dunkel zu versinken.

Granato bot in seiner Produktion ein intensives Spiel mit Illusionen, ein In-die-Irre-Führen durch Klangreize, ein Evozieren von eigenen Kopfkinosequenzen. Dafür verwendete er ein dichtes Bezugsprogramm, das sich Außenstehenden jedoch zum Großteil nur auf der Gefühlsebene mitteilte. Seine beiden Geister, Hijikata Tatsumi, einer der Butoh-Tanz-Begründer und der brasilianische Tänzer und Choreograf Lennie Dale haben dabei wohl kräftig mitgemischt.

Weitere Veranstaltungen aus der Serie (8:tension) hier auf der Homepage von Impulstanz.


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