Verdrehte Welt: Embryonenoffensive stößt bei Kirchen auf Kritik

Man mag es provozierend nennen, man mag auch nicht sofort den Sinn dahinter verstehen – und doch ist selten eine Aktion so bildlich wie diese: Die „Embryonenoffensive“ im Saarland hat vor kurzem ein Projekt gestartet, mit welchem sie im Bundesland rund 300 000 Embryonenmodelle verteilt.

Mit der ausdruckstarken Offensive wollen die Initiatoren auf den Umgang der Gesellschaft mit dem Thema „Abtreibung“ aufmerksam machen. Die Modelle, welche Embryonen im Laufe des dritten Schwangerschaftsmonats zeigen, werden in der Bevölkerung unter die Bürger gebracht – und erregen schon nach wenigen Tagen großes Aufsehen.

Es scheint nahezu wie eine verdrehte Welt: Während sich die saarländische Familienministerin dankbar für die Aktion zeigt, sind die Kirchen skeptisch bis ablehnend. Man hätte das Geld besser in soziale und gesellschaftliche Projekt investieren sollen, heißt es von einigen Pressestellen in den Bistümern und Landeskirchen.

Und genau damit umgehen die Kirchen wieder einmal geschickt ein Problem, welches in der Argumentation um das Thema „Abtreibung“ so völlig verständnislos macht, wenn man gerade die Aufgabe und Position des Lebensschutzes gerade den christlichen Kirchen zugute halten möchte: Soziale Zwecke wie beratende Unterstützung für die betroffenen Frauen, mit denen diesen die Ohnmacht in deren Konfliktsituation genommen werden soll und die Entscheidung, den richtigen Weg zu gehen, erleichtert wird, sind sicher Möglichkeiten, wie Frauen nochmals das Bewusstsein um eine Abtreibung und die vielen Angebote zur Hilfe nach der Geburt auch in schwierigen Lebensumständen dargelegt werden sollen.

Eine wesentliche Frage, weshalb Frauen heute jedoch überhaupt erst in eine leichtfertige Überlegung kommen, eine Schwangerschaft zu beenden, ist erst zweitrangig das Wissen darum, mit einem Baby eventuell wirtschaftlich, sozial und psychisch persönlich überfordert zu sein. Oftmals sind es auch gar nicht mehr diese – zugegebenermaßen legitimen und bedenkenswerten – Gründe, die tatsächlich den Zweifel über eine Fortsetzung der Schwangerschaft so groß werden lassen. Es ist das sichere Wissen, dass Abtreibung in Deutschland recht einfach möglich ist. Sobald dieses Wissen besteht, werden triftige Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch oftmals gar nicht mehr als nötig angesehen. Eine Abtreibung ist nach Beratung möglich – und damit kann auch ein unüberdachter Umgang mit Geschlechtsverkehr, wechselnden Partnern und mangelnder Vorsicht bei sexuellen Praktiken seine Bestätigung finden. Denn: im Zweifelsfall kann der „Fehler“ ja rückgängig gemacht werden.

Dass mit einem Schwangerschaftsabbruch erhebliche Gewissenskonflikte, Schuldgefühle bis hin zu dauerhafter psychischer Labilität einhergehen können, kommt in denen von den Kirchen so angepriesenen sozialen Hilfestellungen wie den zahlreichen Beratungsstellen oftmals viel zu kurz. Der Wert eines Kindes – und damit auch der Wert einer Schwangerschaft – reduziert sich in einer Gesellschaft aus „Spaß“ auf nahezu null. Das zeigen auch die vielen Umfragen unter Frauen, die Beruf und Karriere einen größeren Stellenwert zubilligen, als dem Geschenk eines Kindes.

Und genau diesem elementaren Defizit, welches noch weit vorrangiger ist, als das Eintreten in den Konflikt und den Entscheidungsprozess um eine Abtreibung, ist die wirkliche Information und das Wissen um das, was im Körper einer Frau in einer Schwangerschaft überhaupt vor sich geht. Man muss feststellen, dass der Biologieunterricht in Deutschland an vielen Stellen versagt hat, wenn jungen Frauen nicht klar ist, was sie da in einem dritten Schwangerschaftsmonat, in dem bei uns eine Abtreibung noch immer möglich ist, wirklich „entfernen lassen“.

Ja, die Embryonenoffensive ist eine sehr direkte, vielleicht auch harte Form, Menschen bewusst zu machen, was Abtreibung bedeutet. Sie spricht nicht lange um den moralisch-ethischen Prozess herum, den Frauen mit Beratung und anderen sozialen Angeboten durchlaufen. Sondern sie zeigt mit einem einzigen Modell, dass das, was abgetrieben wird, bereits sehr viel Ähnlichkeit mit einem Kind hat. Die Modellembryonen machen bewusst, was im Bauch einer Frau liegt, wenn im dritten Monat abgetrieben wird. Vielen Frauen ist sicher nicht klar, dass sie solch ein Geschöpf „loswerden“, wenn sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden – und bestimmt wollen viele Frauen dies auch nicht wissen, erinnern sich bewusst nicht an die Bilder aus dem Schulunterricht, die den Fortlauf einer Schwangerschaft zeigen. Sehr theoretisch wird in Gesprächen um die Entscheidung des Schwangerschaftsabbruches gesprochen, doch handfest, ja, zum Anfassen ist das nicht, was dort diskutiert wird.

Und hier setzt die Embryonenoffensive an: Nein, kein Schuldgedanke soll Frauen eingeredet werden, aber doch das Wissen und Bewusstsein um die Wahrheit. Schönreden, das mag nicht nur im Bereich Abtreibung heute eine Lieblingsbeschäftigung der Kirchen sein. Dass sie damit aber auch den Frauen, die sie berät und die sie seelsorgerlich unterstützt, etwas vormacht, verschleiert und unehrlich ist, das sollten sich die christlichen Vertreter, die die Embryonenoffensive anprangern, vor Augen führen.

Dennis Riehle, 1. Vorsitzender Christliche Lebensberatung e.V. (www.christliche-lebensberatung.de)


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