Veränderung und Wachstum

Einleitung

Im ersten Teil habe ich beschrieben, woher der Wunsch nach Veränderung kommt, und im zweiten Teil ging es um die Frage, ob ein Mensch die Freiheit hat sich zu ändern bzw. wer dafür letztendlich die Verantwortung trägt. Im dritten Teil beschreibe ich nun mehrere Modelle, wie ein Veränderungsprozess aussehen kann.

Heldenreise

Und nun stand er wie so oft in den letzten Jahren vor den riesigen zwei Felsen, die den Geschichten nach, den Held und den Dämon in ewiger Zweisamkeit verbinden. Die seit Menschengedenken Sinnbild für die Verschmelzung von „Gut“ und „Böse“ waren und die, wenn man den Legenden glauben darf, Basis und Wurzel ihrer so wunderbaren Welt waren.

Die nur existierten, weil es beide gab, den Held und den Dämon. Und die nicht existieren könnten, wenn der eine den anderen vernichtet hätte.

Und in der Tat: es bedarf nicht allzu viel Phantasie, um in den zwei Felsen, die mindestens zehn Meter in den Himmel ragten, den Held und den Dämon zu erkennen. Der Held, aufrecht und mit stolz erhobenem Haupt. Der mit klaren Gesichtszügen, stolz und furchtlos, mit Schwert und Schild an seiner Seite, dem Dämon entgegentritt. Dem Dämon, der weitaus „diffuser“ wirkte, weniger greifbar, doch gleichzeitig auch mit einer immensen Anziehungskraft. Der Dämon überragte den Helden noch um etliche Meter, der Fels war wesentlich zerklüfteter, weniger konkret. Viel schwärzer als der Held und mit einem „Gesicht“, in dem jeder den großen, weit aufgerissenen Mund entdecken konnte, mit dem der Dämon in den alten Geschichten den Helden so furchterregend und angsteinflößend, aber gleichsam auch so verzweifelt anschrie und anflehte. Ihn gleichzeitig bedrohte und um Anerkennung flehte.

Die zwei Felsen standen ca. zwei Meter auseinander, doch ob aus einer Laune der Natur heraus oder aufgrund der Vereinigung von Held und Dämon, wie sie in den Geschichten erzählt wird, verband ein Bogen aus Fels die beiden lange Zeit so gegensätzlichen und unversöhnlichen Seiten.

„Der Held und der Dämon reichen sich die Hand; sie akzeptieren sich so wie sie sind, geben dem anderen den ihm zustehenden Platz in unserer Welt und ermöglichen so ein neues, gutes Ganzes“, dachte er und wie immer fühlte sich diese Vorstellung für ihn befreiend und kraftvoll an.

Es mag auf den ersten Blick vielleicht überraschen, dass ich an dieser Stelle eine Passage aus meiner Abschlussarbeit zum Ende der Basisstufe zitiere, in der ich eine der Phantasiereisen während meiner Heldenreise im Sommer 2008 in Weigenheim beschreibe.

Wo es mir doch in dieser Arbeit um den Wunsch nach Veränderung und einem möglichen gestalttherapeutischen Weg dorthin geht. Aber gerade deswegen möchte ich in diesem Kapitel auch auf die Heldenreise eingehen, die ich heute abseits von meinen sehr eindrücklichen, persönlichen Erfahrungen auch im Rahmen eines gestalttherapeutischen Prozesses zu nachhaltiger Veränderung und persönlichem Wachstum einordnen kann.

Die fünf Schichten der Neurose

Anfangen möchte ich aber mit – wie könnte es anders sein – Fritz Perls, der schon in den 1960er Jahren ein erstes „Model“ für einen Veränderungsprozess beschrieben hat. Er spricht dabei (je nach Quelle) von vier bis fünf „Schichten der Neurose“ (ich werde mich im Folgenden auf das fünf-phasige Model beschränken). Es liese sich an dieser Stelle trefflich darüber diskutieren, ob es sich dabei um (räumlich orientierte) Schichten oder Ebenen oder doch mehr um (zeitlich orientierte) Phasen handelt. Ich möchte sein Model aber vor allem aus Sicht der dabei stattfindenden Veränderungen beschreiben.

Die erste Phase nennt Perls die Klischee-Phase, in der der Mensch nach vorgegebenen Mustern und Ritualen lebt. „Kontakt“ mit anderen Menschen stellt sich meist als klischeehaftes Händeschütteln oder mechanisches „Guten Morgen, wie geht es Dir?“ dar. Das Vorhandensein des Anderen wird bemerkt, mehr aber auch nicht.

Spontan fällt mir dazu eine Übung ein, die wir während einer unserer ersten Wochenenden in der Basisstufe gemacht haben. Manfred hatte uns aufgefordert, durch den Raum zu gehen und die, die uns dabei begegnen, zu begrüßen. Wir taten dies im Rückblick sicherlich sehr „klischeehaft“ mit Händedruck, Umarmung oder gar Küsschen. Nachdem uns Manfred dazu eingeladen hatte, in dem Moment der Begrüßung wirklich sehr bewusst zu entscheiden, wie wir den Gegenüber jetzt gerade in diesem Augenblick begrüßen wollen, waren die Begrüßungen fast durchweg zurückhaltender aber auch, zumindest in meiner Erinnerung, ehrlicher und nachhaltiger.

Nach der Klischee-Phase folgt das Stadium des Als-ob-Verhaltens, des Rollenspiels. „Die Schicht“, so Perls, „wo wir Spielchen machen und in Rollen schlüpfen“.

Bruno-Paul de Roeck führt eine sehr treffende „Spielchen-Sammlung“ auf: Das Mitleid-Spielchen, indem man sich übertrieben bedauernswert stellt, um das Mitleid der anderen zu wecken. Das Erpresser-Spielchen („Du bist der einzige, der mir helfen kann.“). Das Übertragungsspielchen („Du bist genau wie meine Mutter.“), das Vergleichsspielchen („Du hast es leichter. Du kannst Dich immer leicht über etwas hinwegsetzen.“) oder das Vorwurfsspielchen („Warum bist Du nicht etwas tüchtiger?“) um nur ein paar Beispiele zu nennen.

All diese Spielchen (und es gibt sicherlich Hunderte davon) dienen nur dem einen Zweck – nämlich den anderen zu manipulieren. Doch in diesem Stadium betrügen wir letztendlich vor allem uns selbst, weil wir jemanden darstellen wollen, der wir nicht sind.

„Wir identifizieren uns selbst und andere“, so Bruno-Paul de Roeck, „mit einem Idealbild, das uns mit seinen Anforderungen nur terrorisiert und uns schmerzlich verfremdet und machtlos macht“. Wir sind dann der Frosch, der sich, wie in der Fabel von Aesop, zur Kuh machen will. Mit bekanntermaßen dramatischen Folgen für den Frosch.

Wer diese Schicht hinter sich lässt, wer aufhört Spielchen zu spielen, wer aus seiner Rolle heraustritt, der kommt in die Phase der Impasse, in die Ausweglosigkeit.

Die (scheinbare) Sicherheit des Klischees oder der Rollen sind dahin, der Mensch muss mit einem Male „auf eigenen Beinen stehen“. Die bisherige Wirklichkeit erweist sich als bloße Phantasie, die bisherigen Vorstellungen und Bilder von sich selbst und der Welt sind nichtig. Ein Zurück in das Altbekannte würde das gerade begonnene Wachstum abwürgen, doch noch fehlt der feste Boden unter den Füssen für ein Leben abseits von Klischees und Rollen. „Nicht zurückziehen ist hier die Parole“, so de Roeck. „Der Schmerz des Wachsens lohnt sich. Sterben, um zu leben“.

Wer „nicht zurückzieht“, betritt die Implosionsphase oder so Perls, die „Schicht des Todes“. Der Mensch steht kurz davor, sich zu erneuern, der zu werden, der er ist. Doch werde ich dann noch angenommen? Werde ich dann noch geliebt? Bedeutet es nicht meinen Tod, wenn ich nicht mehr der bin, der ich war? Das letzte Aufbäumen findet statt, um Veränderung und Wachstum doch noch zu verhindern. Der Mensch versucht krampfhaft, die gegensätzlichen Kräfte, die in ihm wirken, zusammenzuhalten. Zieht sich zusammen. Implodiert. Stirbt.

Stirbt, um in der letzten Phase, der Phase der Explosion, neugeboren zu werden. Die vielzitierte Katharsis. Die Explosion hat dabei nichts von einer Katastrophe, sondern ist vielmehr Ausdruck von echten Gefühlen auf den verschiedensten Gebieten. Echte Trauer und Tränen werden zugelassen, Wut und Aggression dürfen sein, Freunde und Ausgelassenheit werden intensiv gelebt. Der Mensch entdeckt seine authentische Persönlichkeit, er spürt so viel Energie in sich wie nie zuvor. „Der furchterregende Berg“, so de Roeck, „der dir vorher den Weg zum Leben versperrte und dich hinderte, Risiko auf dich zu nehmen, wird zu einem lächerlichen Maulwurfshügel, der nur durch deine Einbildung so riesenhaft aufgebläht wurde“.

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