Vegetarismus

Von Konradek

„Und, wie war’s Essen?“
„Ecuadorianisch.“

Eine Katze kratzt sich auf der Balustrade, das grau-weiße Köpfchen in die Höhe reckend. Meik zündet sich eine an, überschlägt die Beine. Von unten her dröhnt amerikanische Rockmusik. Ich lehne mich an die erhitzte Wand, lege die Beine über die Brüstung.

„ … Reis, Linsen und ein Stück Huhn in der Größe einer Tomatenscheibe. Ich hab wieder mehr Hunger als vor dem Essen … naja … aber die Suppe – die war lecker.“
„Musst’ mal zum Vegetarier gehen. Rechts um den Block, auf der linken Seite. Die machen gutes Essen! Die backen’s Brot selbst.“

Meeresrauschen.

„Hast die Alte eigentlich heute schon gesehen?“
„Die ist unten. Näht und raucht.“
„Man, war die gestern besoffen.“
„Lag’ ja auch bis zum Mittag im Bett. Ich dachte die wär’ tot!“
„So wie die gestern durch die Kneipen getorkelt ist …“

Meik ist Yogalehrer, Weltreisender, Vegetarier. Ich fragte ihn nach seinen Beweggründen und war erstaunt, einen der wenigen politisch motivierten Vegetarier anzutreffen, umso mehr, da er Mann ist – die meisten mir bekannten Vegetarier sind Frauen, und bei ihnen ist tendenziell Geschmack ausschlaggebend. Wir beide sind uns einig, dass der Fleischkonsum, in der Art und Masse, wie er in Deutschland praktiziert wird, ethisch wie ökologisch höchst fragwürdig ist. Vor allem der ökologische Aspekt ist erschreckend, bedenkt man, welchen Energieaufwand – im Hinblick auf den Rohstoff Wasser – es bedarf, um ein Kilo Fleisch herzustellen, und hält man sich vor Augen, wie viele Länder auf unserer Welt an Wassermangel leiden – auch die ecuadorianische Pazifikküste. Süßwasser muss hier hergefahren werden! Aber jene Länder sind zu weit weg von den fast schon verschwenderischen Supermarktregalen Deutschlands, Polens, Frankreichs, der USA. Leider begreifen viele Menschen – so meine ernüchternde Erfahrung – Vegetarismus, oder gar Veganismus als einen Verzicht – weniger als geistige Bereicherung, gustatorische Sensibilisierung oder körperliche Reinigung. Im Gegenteil, evolutionsbiologische Gründe sind maßgebend. Dass sie fast vollkommen antiquiert sind, scheint vor dem Hintergrund der Legitimation des eigenen Lebensstils zweitrangig. Anderen wiederum fehlt das Wissen um globale Zusammenhänge. Würden wir weiterhin beim Kaffee, bei Milch, bei Mangos und Bananen, bei Fisch, bei Schuhen und Hosen sparen, wüssten wir unter welchen Bedingungen diese Produkte hergestellt werden? Für unsere Arbeit verlangen wir schließlich auch eine angemessene Bezahlung. Wir sparen nicht bei Lebensmitteln oder Kleidung – wir sparen an den Menschen, die sie unter teils erbärmlichsten Bedingungen herstellen. Die Vielfalt der Produkte, die Fülle der Auslagen unserer Supermärkte suggerieren eine fast schon triviale Verfügbarkeit: Erdbeeren im Winter; Kaffee für 1,99 € das Pfund; Bananen zum Preis einheimischer Äpfel; Tonnenweise Schokolade; irischer Whiskey vom Discounter. Diese Produkte sind Luxusgüter! Die Landwirte, Fischer, Näher und Erntehelfer möchten ihre Kinder auch zur Schule schicken können! Wir vergessen das zu oft.

„Weist’e, das hat mich damals in Asien so sehr beeindruckt. Auf den ersten Blick wirkte’s schockierend: zentnerweise Hühnerbeine und Gedärm auf den Auslagen, Galonen voller Rinderblut, abgetrennte Kuhköpfe, Bambusratten am Spieß, Kröten in Bottichen, Insekten … später jedoch schätze ich ihre Art … ich fand’s ehrlich sie verwerten alles und picken sich nicht nur die Rosinen aus … wie der gemeine Europäer.“
„Sag bloß einem Deutschen du würdest Hund essen …“
„ … oder einer 13-jährigen Pferd! Hahaha …“
„Hast Du hier schon mal cuy gegessen?“
„Neh. Noch nicht. Würd’s aber probieren. Aber nur’s Filet – bin schließlich zivilisiert … hahaha.“

Vor der Bäckerei nörgelt ein kleiner Junge. Das Wort „Mami“ – wie ein Kaugummi in die Länge ziehend – wiederholt er immer wieder. Aber Mami muss die Theke wischen. Spatzen sinken auf Stromleitungen, Telefondrähte, Laternen. Familien, Paare und Freunde posieren auf dem Wall der Uferstraße. Im Hintergrund ein Sonnenuntergang, wie ein Film ihn kaum besser darstellen könnte. Die ersten Lichterketten gehen an. Kinder fahren auf ihren neuen Rädern umher.