VANESSA von Samuel Barber in Magdeburg – Ein Märchen von wahrer Liebe

VANESSA von Samuel Barber in Magdeburg – Ein Märchen von wahrer Liebe

Wenn eine weitgehend unbekannte Oper aufgeführt wird, schwingt immer die Frage mit, ob es nicht gute Gründe dafür gibt, dass dieses Werk so selten aufgeführt wird. Bei Samuel Barbers Oper Vanessa, die 1958 in New York uraufgeführt wurde, verpufft jeder vorgefasste Zweifel - erst recht, wenn sie nicht nur stimmig besetzt ist, sondern auch ästhetisch und zugänglich inszeniert wird. Am Theater Magdeburg ist es zu genau dieser Konstellation gekommen.

Die wahre Liebe wartet

Vanessa wartet seit über zwanzig Jahren auf ihren Geliebten Anatol. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Nichte Erika in einem herrschaftlichen Haus irgendwo im nirgendwo. Bühnen- und Kostümbildner Ulrich Schulz hat für diesen Ort der Isolation und Einsamkeit eine große Glaskuppel erfunden, deren Ausstattung Assoziationen zu unterschiedlichen zeitlichen Epochen zulässt. Es ist ein Raum, der sich jenseits von zeitlicher Zuordnung befindet - genauso wie auch Vanessa ihre Jugend zu bewahren und zeitlos zu machen versucht. Schulz' Bühnenbild spielt mit Transparenzen und vermittelt den Eindruck, alles überblicken und jede Figur durchschauen zu können. Im Verlauf der Oper wird klar, dass diese Durchlässigkeit trügt und auch der aufmerksamste Blick auf die Oberfläche, niemals die Tragödien erkennen kann, welche jeder einzelne Protagonist tief in sich verschlossen hält.

Intendantin und Regisseurin Karen Stone hat ihre Regie an einer konsequenten psychologischen Personenführung orientiert. Das schafft mitunter witzige Momente wie das erste Treffen von Anatols Sohn und Vanessa; während sie sich divenhaft abwendet und sich in langen poetischen Ausführungen über ihre Liebe zu Anatol verliert, läuft er mit einer Selbstverständlichkeit und Banalität durch die Situation, die Vanessas Luftschloss ganz schnell auf den Boden der Realität zurückholt. Zumindest temporär.

Einer der Höhepunkte des Stücks ist das Verschwinden und die Rettung von Vanessas Nichte Erika. Diese hat sich in den jungen Anatol verliebt und verbrachte eine Nacht mit ihm, die nicht ohne Konsequenzen blieb. Als dann die Verlobung ihrer Tante Vanessa mit Anatol verkündet wird, läuft sie im tiefsten Schneegestöber zum nächsten See, um ein ewiges Eisbad zu nehmen. Anatol findet sie jedoch blutend und ohnmächtig am Wegesrand und bringt sie zurück nach Hause, wo sie vom Doktor versorgt wird. All das passiert offstage und wird später von Anatol berichtet. Das Regieteam um Karen Stone und Ulrich Schulz entschied sich allerdings dafür, die verletzte Erika zu zeigen. Ihr weißes Kleid ist vorne von Blut durchtränkt. Auch an ihren Beinen und Füßen sind Blutreste zu sehen. Damit wird deutlich, dass Erika nicht einfach nur gestürzt ist und so eine Fehlgeburt erlitten hat. Es ist offensichtlich, dass sie auf rabiate Weise versucht hat, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Vanessa schaut mit großen Augen auf ihre verletzte und traumatisierte Nichte. Und will nicht verstehen. Eine Liebesnacht oder sogar ein Kind von Anatol und Erika passt nicht in ihre Fantasie ihrer romantischen Liebesgeschichte. Sie blendet die Tragödie von Erika komplett aus. Das wird durch diese Regieentscheidung noch deutlicher als es im Stück bereits angelegt ist.

Inszenierung der Blicke

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Diesen Allgemeinplatz hat Stone ernst genommen und ihn konsequent und sinnig umgesetzt. Es sind menschliche Tragödien und Abgründe, die sich hinter den zahlreichen, wohl platzierten und von den Darstellern tief verstandenen Blicken verbergen. Hat der Doktor Erika bei der Abtreibung des ungeborenen Kindes geholfen? Ist Anatols Zuneigung gegenüber Vanessa echt? Ist sich Vanessa auf einer tieferen Ebene ihres Selbstbetrugs bewusst? Antworten auf diese Fragen liegen irgendwo hinter diesen kurzen, schimmernden Momenten verborgen.

Das Märchen von der wahren Liebe geht weiter

Für mich gibt es in dieser Inszenierung nur eine kleine Fehlstelle: Warum sitzt vor Beginn des Stücks, also während des Einlasses, die Baronesse nicht bereits auf ihrem Stuhl und wartet? Der Beginn der Vorstellung verlief ein klein wenig holprig mit einem Black, in welchem sich die Darsteller erst in Position brachten. Das habe ich ein wenig bedauert. Aber dem Genuss dieser durchweg stringent inszenierten und ästhetisch ausgestatteten Vorstellung tat dies keinen Abbruch. Das vorletzte Bild des Abends ist Erika, die nun selbst auf die große Liebe wartet und in ihrer Schneekugel zum ewigen Märchen wird. Das letzte Bild ist das Magdeburger Publikum, das jubelnd ausflippt.

Vanessa. Oper in drei Akten von Samuel Barber (UA New York 1958)

Theater Magdeburg
Musikalische Leitung: Svetoslav Borisov
Regie: Karen Stone
Ausstattung: Ulrich Schulz
Choreographie: David Williams
Dramaturgie: Thoms Schmidt-Ehrenberg

Besuchte Vorstellung: 19. Januar 2019 (Premiere)


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