Und reicht die schönsten Blumen ihr

Wir haben Glück gehabt, dass diese Handvoll Journalisten nur ein ordinäres »Happy Birthday, liebe Bundeskanzlerin« anstimmten. Zur Kaiserzeit gab es da ganz andere Liedchen, die man die Untertanen trällern ließ. Da war schließlich auch Feiertag, da konnte man auch mal »Der Kaiser ist ein lieber Mann / er wohnet in Berlin / und wär das nicht so weit von hier / so ging ich heut’ noch hin« singen. Hätte ja auch nicht gepasst, die Kanzlerin war ja in Brüssel.
Und reicht die schönsten Blumen ihrSchon am Morgen eröffnete die »Wir sind APO!«-»Bildzeitung« mit einem Reigen von Glückwünschen und von Bildlesern gemalter Kanzlerinnenbilder. Morgenmagazine wünschten alles Gute und hatten Mitleid mit der Jubilarin, die in ihren Geburtstag hinein arbeiten musste. Tja, man will fast »It's A Hard Life« anstimmen. Sogar der junge Aitor, der am selben Tag seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, war an seinem Festtag daheim. Genauso wie Panagiotis, der exakt an jenem Tag auch Sechzig wurde. Wo sollten sie auch sonst sein? Sie haben ja keine Arbeit. Sind arbeitslos. Austeritätspolitik hat also auch Vorteile. Ihnen geht es an ihrem Geburtstag besser als der Kanzlerin.

Egal wo man lauschte, hinsah, blätterte: Ihr Wiegenfest war ein ganz großes Thema. Und nicht nur das. Es scheint ein Akt profaner Volksfrömmigkeit gewesen zu sein. Normale Bürger malten wie gesagt Bilder, bastelten Grafiken, wünschten das Beste, klickten hier, teilten dort, twitterten wo es ging. So geht Kaiser-Geburtstag heute. Und die Leiter dieser kleinen devoten Erbauungsübung stehen nicht mehr auf Kanzeln oder auf Potesten, sie kommen über die virtuelle Wirklichkeit heran, um uns zu sagen: »Die Kanzlerin ist ne liebe Frau / sie wohnet in Berlin / und wär das nicht so weit von hier / so ging ich heut’ noch hin / und was ich bei der Kanzl'in wollt, ich reicht ihr die Hand / und reicht die schönsten Blumen ihr, die ich im Garten fand / und sagte dann: Aus treuer Lieb bring ich die Blumen dir / und dann lief ich geschwind hinfort und wär bald wieder hier.« So ähnlich klang das jedenfalls vor vielen vielen Jahren in einem Land vor unserer Zeit.
Dass diese von van Kampen angeführte Gruppe deutscher Journalisten ihr Ständchen »in Europa« gehalten hat, ist dabei besonders geschmacklos. Gut, dass ein ZDF-Heini dergleichen anleiert, das befremdet nicht mehr sonderlich. In Mainz ist man halt sehr kanzlerös, machte die Frau erst kürzlich zur wichtigsten Deutschen, obgleich sie es nicht wurde. Aber in der Kanzlerinnenrepublik ist die Pole-Position in einer solchen Wertung natürlich das Minimum. Und einer wie van Kampen wird nicht gefeuert, sondern zeichnet sich als der richtige Mann an der Front in Brüssel aus. Man braucht dort Kanzlertreue. Auch wenn sie nicht singen können.
Er und seine kleinlauteren Kollegen suggerierten mit ihrem Auftritt dem Kontinent und der Welt, dass wir in diesem Lande alle nur fröhlich sind, die politische Führung lieben und mit dieser Frau als Regierungschefin so zufrieden sind, dass wir ihr sogar Lieder singen. In Deutschland herrscht Harmonie, könnte man da jetzt ableiten. Volkszufriedenheit. Erst feiern sie den WM-Titel und dann gleich noch den Kanzlerinnentag. Kritiker gibt es nicht mehr. Alle liegen sich in den Armen. Ach Deutschland, du bist so verschmust, so einträchtig. Dort bewirft man Machtmenschen nicht mit Eiern und buht sie aus, dort singt man ihnen was und wird zu dem Heßling, den Heinrich Mann schon in seinem »Untertan« beschrieb. Wenn doch selbst die, die der Obrigkeit mit kühler Distanz begegnen sollten, so warme Worte finden und einen kleinen Geburtstagskult betreiben, dann macht man Europa klar: »Seht her, wir Deutschen stehen zu jener Frau, die ihr diabolisiert.«
Heßlinge krochen an diesem sechzigsten Geburtstag dieser Frau aus allerlei Löchern. Ihr seid noch immer dieselben Untertanen, die schon Wilhelm gratulierten und ihm zu Ehren Festansprachen hielten. Ganz so spießig geht es heute freilich nicht mehr zu. Sie sind besser angezogen, singen andere Lieder. Aber ansonsten seid ihr echt die dieselben verdammten Untertanen. Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, so las man in letzter Zeit oft, manövriere sich der Kontinent schon wieder in ein Dilemma. Nichts gelernt. Hundert Jahre nach Kaiser-Geburtstag erneut eine solche Show. »... das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.«
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