Umsetzen können, was ich denke

Umsetzen können, was ich denke

BERLIN. (hpd) Der iranische Film „Nader and Simin – eine Trennung“ gewinnt den goldenen Bären bei der Berlinale, IranerInnen protestieren an der Gedächtniskirche gegen die Ermordung zweier iranischer Oppositioneller und ein junger iranischer Journalist/politischer Aktivist spricht über Möglichkeiten politischer Arbeit im Exil. Soheil Asefi, iranischer Journalist, Writer in Exil und Humanist

Herr Asefi, wie fühlt es sich an, nach ihrer Zeit als Writer in Exil in Nürnberg, nun in Berlin zu leben?

Soheil Asefi: Wie Sie wissen, habe ich bereits 2 Jahre in Nürnberg gelebt. Ich wurde aus dem Gefängnis entlassen in Iran, nachdem für mich eine hohe Kaution bezahlt wurde. Mir wurde verboten zu arbeiten, zu veröffentlichen. Auch mein Studium konnte ich nicht fortführen. Es gab keinen Weg für mich, auch nur annähernd das zu leben, was hier gemeinhin als selbstbestimmtes Leben gilt. All dies geschah bereits vor den Wahlen 2009. Ich arbeitete als selbstständiger, unabhängiger Journalist, der weder mit den konservativen noch reformerischen Flügeln zusammenarbeitete. Ich stand also permanent unter Druck, sozusagen unter zweifachem Druck.
Ich verließ also Iran, mit Hilfe des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg und hatte die Möglichkeit, 2 Jahre Partizipant des Programmes Writer in Exile vom PEN Center zu sein.

Ich versuche, mir ein stabiles Leben aufzubauen. In Nürnberg hatte ich eine Kolumne in der Nürnberger Zeitung, so dass ich meine Arbeit zumindest teilweise fortsetzen konnte. Ich schrieb über die Situation in Iran und die Entwicklungen, über Unterschiede zwischen Deutschland und Iran oder auch Gemeinsamkeiten. Es gab Konferenzen und Podiumsdiskussionen auf denen ich sprechen sollte. So vergingen 2 Jahre, in denen ich natürlich vor allem auch Deutsch gelernt habe.
Nun habe ich beschlossen, nach Berlin zu kommen, um meine Arbeit fortzusetzen, ein weiteres Studium zu beginnen und mein Leben zu leben.

Können sie sich vorzustellen, in den Iran zurückzukehren, angenommen, die Situation würde sich ändern?
Welche Art von Veränderung müsste es geben, so dass Sie das Gefühl haben: Ja, hier kann ich leben.

Soheil Asefi: Das ist eine gute Frage. Für einen iranischen politischen Aktivisten ist es unmöglich, außerhalb des Iran zu arbeiten. Das ist meine Meinung. Du musst IN Iran sein um daran zu arbeiten. Ich war an erster Stelle ein Journalist, nicht ein politischer Aktivist – ich war ein politischer Journalist, dem nach der Haftentlassung untersagt wurde zu veröffentlichen, seiner Arbeit nachzugehen, ja selbst mein Privatleben sollte fremdbestimmt sein.

Wenn Du die Gesellschaft verändern willst, – aber das ist meine Meinung, vielleicht stimmen mir da nicht viele Menschen zu – dann sollte eine Identifikation stattfinden mit dem Iran, außerhalb Irans kann man nicht viel machen. Das weiß auch die Islamische Republik Irans (IRI). Eine ihre Strategien ist tatsächlich, unbequeme Menschen aus dem Land zu treiben, zum Beispiel mit Arbeitsverboten. Der Braindrain, d.h. Die erzwungene Emigration von gut ausgebildeten Menschen eines Landes, die auch kritisch denken und entsprechend handeln und sich äußern, ist für die IRI selbst ein wünschenswertes Ergebnis.

Diese Menschen werden im Exil erst einmal damit beschäftigt sein, sich ihr Leben aufzubauen, in der neuen Heimat anzukommen. Und welches Arbeitsmaterial werden sie haben? Unsere Aufgabe als politische Journalisten war und ist die Analyse der herrschenden Strukturen sowie der Gegenströmungen. Gut, man kann eine Stimme Irans sein, auch im Exil. Aber die politischen Aktivisten haben es hier viel schwerer, denn ihre Arbeit basiert auf den Aktionen vor Ort. Viele sagen, sie sind rein politische Aktivisten im Exil. Ich kann das so nicht akzeptieren.

Würde ich zurückgehen? Ja, natürlich, angenommen die Verhältnisse änderten sich…. Das ist mein Land, meine Arbeit, das ist mein Stoff um zu schreiben. Ich kenne die Geschichte Irans. Natürlich habe ich eine allgemeine, sozusagen globale Bildung, aber mein wirkliches Arbeitsgebiet ist Iran und seine Geschichte.
Der Wandel müsste ein radikaler sein, damit ich weiterarbeiten könnte, in Iran. Schon vor den Wahlen war die Situation schlimm für kritische Stimmen. Auch in den reformistischen Zeitungen war es kaum möglich, etwas zu veröffentlichen. Bereits ein Jahr nach der Revolution 1979 waren sämtliche unabhängigen Zeitungen verboten. D.h. Als Journalist musstest du entweder mit den konservativen oder reformorientierten Flügeln arbeiten. Es gibt keine laizistischen oder linken Zeitungen, nichts. Für eine kurze Zeit hatte ich die Möglichkeit, in den reformorientierten Zeitungen zu arbeiten. Aber auch diese haben mich dann blockiert. Also blieb mir nur der Cyberjournalismus. Und selbst diese Arbeit führte dann schließlich zu meiner Verhaftung. Sobald also die Presse- und Meinungsfreiheit gewährleistet ist, kann ich zurück.

Ja, das wäre dann laut der Charta der Menschenrechte auch das Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben, Artikel 15.

Es gibt Stimmen, die behaupten, die IranerInnen müssten die Demokratie erst noch lernen. Dies jedoch ist ignorant, denn in den 50er Jahren gab es in Iran eine demokratisch gewählte Regierung unter Mossadegh, die dann von Westmächten weggeputscht wurde. Wie ist ihre Haltung zu der Forderung, Iran müsse Demokratie erst noch lernen? Denken Sie, es sei altmodisch, auf eine Art Mossadegh zu hoffen?

Soheil Asefi: Sie wissen es selbst, Iran unterscheidet sich stark von den anderen Ländern des Nahen Osten. Wir hatten bereits vor 100 Jahren eine konstitutionelle Revolution, also bereits vor Mossadegh. Der Kampf um Freiheit und soziale Gerechtigkeit tobt schon seit weit mehr als 100 Jahren.
Es muss nicht notwendigerweise ein Mossadegh sein. Die aktuelle Situation ist derzeit so unklar und verworren. Was nach den Wahlen 2009 geschah ist nur die logische Konsequenz der Slogans der 1979 Revolution, nämlich genau was die Menschen auch heute fordern: Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Es sind also die historischen Wurzeln dieses geschichtlichen Ereignisses die zu den Unruhen jetzt führen.

Bei aller Unklarheit jedoch ist eine Sache klar: die Vorherrschaft der religiösen Führers ist gebrochen. Das ist passiert, jedoch: Wo ist die Alternative? Die reale Alternative, meine ich. Wo ist die Ideologie? Welcher Art ist das politische Denken hinter den Geschehnissen? Wir sollen alle zusammenkommen unter einer bestimmten Farbe, in dem Fall grün? Was soll das für politisches Denken sein, ich kann das nicht verstehen. Den verschiedenen Diskussionen folgend erschließt sich mir nicht, was eine Farbe mit einer Revolution zu tun haben soll, auch nicht in der Cyberatmosphäre.

Umsetzen können, was ich denkeWas denken Sie in dem Zusammenhang über den Begriff der Multitude, geprägt von Hardt/Negri? Sehen Sie nicht die Möglichkeit einer Mischung aus CyberaktivistInnen, ArbeiterInnen, IndividualistInnen, die alle auf ein ähnliches Ziel hinarbeiten? Ich verstehe ihren Punkt mit der fehlenden Alternative, aber gibt es nicht die Möglichkeit einer unbestimmten Menge von Alternativen?

Soheil Asefi: Ich denke, dazu müsste die Gesellschaft an diesem Punkt sein. Im Moment ist die Gesellschaft nicht an dem Punkt, gemeinsam mit verschiedenen Mitteln und verschiedenen Ausdrucksformen für eine gemeinsame Änderung zu kämpfen. Wenn es soweit ist, sind natürlich auch CyberaktivistInnen, Netzwerke, Zeitungen und ähnliches sehr hilfreich. Aber der wahre Wandel muss von der Gesellschaft ausgehen, im Herzen Irans.

Nehmen wir Tunesien, das was dort jetzt geschieht schwelte schon so lange in der Gesellschaft. Natürlich kann man Tunesien nicht mit Iran vergleichen, die Geschichte ist so verschieden. Aber wir haben gesehen, dass das Internet eine wirkliche Hilfe darstellt bezüglich Koordination und Information. Das Internet hat natürlich die Welt verändert, nicht jedoch als eine abstrakte Sache, die Revolutionen „macht“.
Es gab eine Menge Illusionen im Hinblick auf einen Machtwechsel mit den Reformern. Aber der militärische Kapitalismus des Ahmadinejad hat das gegenwärtige Machtmonopol. Und ja, viele der armen Menschen in Iran unterstützen ihn. Er jedoch befolgt Schritt für Schritt Vorgaben der Weltbank und des IWF (internationaler Währungsfond). Das heißt, trotz des ewigen Rufes „Down with the US“ wird eine klare neoliberale Strategie verfolgt. Rafsandjani und Khatami können das nicht, weil sie nicht die militärische Macht haben. Sie wünschten jedoch, sie könnten es.
Die letzten 18 Monate haben uns nun eine „grüne Bewegung“ gezeigt. Jedoch ist diese grüne Bewegung in Iran eine ganz andere als zum Beispiel das „green-business-movement“ in den westlichen Ländern, in Städten wie London, Berlin, Washington oder Los Angeles. Sie wollten eine „samtene“ Revolution machen, aber das geht nicht in Iran.

Die iranische Gesellschaft muss an den revolutionären Punkt gelangen, aber mit Bezug zu ihrer Geschichte und ihrer Realität, nicht in einer Cyberrealität.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie die islamische Republik ihre immensen wirtschaftlichen Probleme bewältigen will, in den nächsten Jahren. Ganz gleich, ob die Reformer oder der militärisch-kapitalistische Flügel, der gerade an der Macht ist.

Was sind ihre Pläne für Ihr Leben in Berlin?

Soheil Asefi: Das wichtigste für mich ist nach wie vor die Sprache zu beherrschen. Dann möchte ich mein Studium vervollständigen. Ich habe bereits einen Abschluss im Bereich Medien, Drehbuch schreiben. Und ich möchte natürlich auch als Journalist weiterarbeiten, obwohl ich weiß, wie schwierig es ist, selbst für deutsche JournalistInnen. Aber grundsätzlich bin ich offen, welche Möglichkeiten mir hier offenstehen.

Und ich möchte eine Stimme Irans sein. Unglücklicherweise wird hier ein sehr unauthentisches Bild in den Medien vermittelt. Es gibt viel Propaganda. Ahmadinejad ist heute eine schlechte Person, die Reformer sind die Guten. Da ist keine Realität.

Was bedeutet „ein gutes Leben“ für Sie?

Soheil Asefi: Sehr komplizierte Frage. Zu arbeiten, zu tun was ich tun möchte. Sowohl privat als auch beruflich. Umsetzen zu können was ich denke, das wäre befriedigend für mich.

S.N.

[Erstveröffentlichung: hpd]


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