Ultraschall – Musik zum Kuscheln

USA: Irisierend und vielfarbig

Irisierend und vielfarbig

Es ist immer schön, Klischees bestätigt zu bekommen. Ich dachte ja immer, Amerikaner seien putzige Naivlinge, die Disneyland nicht von der Akropolis unterscheiden können. Und was lerne ich heute? – Amerikaner sind putzige Naivlinge, die Disneyland nicht von der Akropolis unterscheiden können!!

Das Ultraschall-Festival für Neue Musik – jaja, die mit dem großen „N“ – hat heute ein Konzert mit Ami-Musik veranstaltet. Da sich das Festival diesmal dem „irisierend Vielfarbigen“ verschrieben hat, gab es natürlich einen ganzen Schwung prickelnder Exotik: total abseitige Dinge wie Jazz, Blues, Walzer und *erstarr* Hiphop wurden angekündigt – und am Ende betrat sogar ein leibhaftiger Neger afroamerikanischer Saxophonist die Bühne!!!

Damit war die Vielfarbigkeit allerdings schon erledigt. Der Rest des Konzerts bestand aus All American Boredom, ungefähr so abwechslungsreich wie die Landschaft in Nebraska – der Instant-Stilmix putziger Naivlinge, die Disneyland… äh, wiederhole ich mich?

Irgendeinen kreativen Zugriff auf die zitierten Idiome suchte man vergeblich (am ehesten gab es ihn noch im letzten Stück, dem Saxophonkonzert von Roberto Sierra). Zitate und Klischees wurden eklektizistisch aneinandergereiht, mal handwerklich besser, mal schlechter, man lernte, dass Wagner besser instrumentieren kann als Aaron Jay Kernis und dass nichts über den guten alten All American Viervierteltakt und die gute alte All American Durmollharmonik geht, denn wo käme man hin, wenn man rhythmisch oder harmonisch mal was neues probieren würde?! Das Showbiz kennt kein Pardon!

Und genau hier liegt der Denkfehler. Ich hab ja überhaupt nichts gegen die solide geschriebene Filmmusik eines Philip Lasser oder gegen den symphonischen Jazz eines Gene Pritsker. Ich hör mir das gerne an, wenn es beispielweise die Hofer Symphoniker, das Filmorchester Babelsberg oder das Hillary Clinton Presidential Campaign Orchestra spielen. Aber warum zum Teufel kommt solches Zeug bei Ultraschall?

Nun bin ich ja keineswegs derjenige, der alles, was nicht aseptisch-stilreine 18-Karat-Neue-Musik ist, aus den Festivalprogrammen verbannen möchte. Materialreinheit ist mir wurscht. Aber ich will, dass ein Komponist Risiken eingeht. Ich will einen eigenständigen, kreativen, waghalsigen Zugriff auf das Material sehen, was immer das Material auch ist. Ich will, dass der Komponist sich in künstlerische Regionen begibt, wo er nicht weiß, ob er heil wieder rauskommt. Und ich will, zum Teufel, dass die Amis ihren Viervierteltakt und ihre Durmollharmonik, ihr ganzes bescheuertes Disneyland einfach mal schreddern, um aus den Trümmern eine Neue Akropolis zu bauen – mit großem „N“.

Das Publikum allerdings schien sich in Orlando, Florida, sehr wohl zu fühlen (kein Wunder bei diesen Temperaturen). Der Grütter war mal wieder der einzige, der buhte. Waren es einfach andere Leute als sonst, oder waren es dieselben, die sonst Lachenmann zujubeln und jetzt ebenfalls jubeln, weil sie so schönes C-dur und so knackiges Drumset hören, und das alles wunderbarerweise trotzdem erlaubt ist, weil es ja bei Ultraschall ist, dem Festival für Neue Musik? Keine Ahnung. Es fiel allerdings auf, dass Luftgeräusche auf dem Saxophon plötzlich wieder für Gelächter sorgten – eine infantile Regression all’americana? Wo bin ich gelandet, in den 50er Jahren? Oder doch nur in der „irisierenden Vielfarbigkeit“ des 21. Jahrhunderts? Ich muss mal Donald Trump fragen…


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