"Two Boys Kissing - Jede Sekunde zählt" so wahr und doch...


Dass David Levithan gerne über schwule Jungs schreibt, wissen wir ja bereits seit Will & Will oder Letztendlich sind wir dem Universum egal. Bisher waren seine Bücher allerdings immer sorglos, betrachteten Homosexualität als Selbstverstänglichkeit (wie es eben sein sollte) und beschäftigten sich nicht ausnahmslos mit den Problemen der homosexuellen Liebe. In Two Boys Kissing ist das anders. Wie der Titel schon sagt, geht es um zwei küssende Jungs; zwei Jungs, die sich und der Welt etwas beweisen; zwei Jungs, die nur ein Teil der Geschichte ausmachen; zwei Jungs, die gesehen werden; zwei Jungs, die inspirieren.
Wenn man dieses Buch rein moralisch betrachtet, so gibt es an ihm nichts auszusetzen. Levithan lässt uns in die Köpfe von acht verschiedenen Jungs schauen, die alle eine Gemeinsamkeit haben: sie sind schwul. Doch während die einen von ihren Familien unterstützt werden, müssen die anderen erkennen, wie schwer es ist, "anders" zu sein und "anders" zu lieben. Was man als Leser des Romans jedoch bald bemerken sollte, ist, dass sie nicht anders sind als andere junge Erwachsene, dass sie sich nicht anders verlieben, sich nicht anders verhalten. Der Autor macht uns also deutlich, was wir alle schon längst wissen sollten: es gibt keinen Unterschied.
Und genau hier kommt der Haken: er sagt es eben nicht, oder jedenfalls nicht deutlich genug. David Levithan ist ein großartiger Schreiber, besonders was Gefühle betrifft, und so saß ich beim Lesen oft da und wollte mir viele viele Sätze markieren, weil sie so weise und wahr waren. Ich fühlte mit diesen Jungs mit, nicht weil sie homosexuell waren, sondern weil sie eben Menschen waren, die an vielen Stellen nicht verdienten, was ihnen angetan, oder eben nicht angetan wurde. Da der Autor allerdings die Wir-Perspektive nutzte - die sehr interessant war, aber aus folgendem Grund auch befremdlich - und somit den vorhergegangenen, verstorbenen Generationen von Schwulen eine Stimme gab, fühlte ich mich als Leser beinahe ausgeschlossen. 
Versteht mich nicht falsch, die Idee, den (nennen wir sie mal) "verlorenen Geistern" die Erzählerrolle zu übertragen, fand ich einerseits großartig, die Umsetzung dieses Einfalls hinterließ bei mir andererseits stets einen bitteren Beigeschmack. Dabei zeigt Levithan auf vielen Seiten des Buches, wie wichtig es ist, dass alle Personen auf dieser Erde das Verständnis entwickeln, dass jeder das Recht hat, zu lieben, wen er will. Mir kam es allerdings so vor, als würde er, mithilfe der eingeführten Wir-Perspektive, Schwule (und wirklich nur Schwule, denn Lesben werden in diesem Buch nicht einmal erwähnt) wieder zu einer eigenen, abseitsstehenden Gruppe degradieren. Das ist nicht seine Absicht, das weiß ich, und vielleicht lag es auch nur an meiner eigenen Wahrnehmung, aber aus diesem Grund kann ich das Buch nicht so hoch bewerten, wie es es inhaltlich verdient hätte.

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