Twin Shadow „Forget“

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Twin Shadow „Forget“ (4AD)
Seit über einem Jahr wird nun unter dem ohnehin schon recht müde gerittenem Slogan „Die 80er sind tot. Es leben die 80er!“ ein Nutzvieh nach dem anderen durch’s Popdorf getrieben. Und auch wenn es absehbar war, so ist es doch recht lustig zu beobachten, dass The XX – letztjährige Kritikerlieblinge und selbst referenzgeplagte Kinder der besagten Epoche (Young Marble Giants, etc.) – nun selbst schon als Vorbilder herhalten müssen.
So gerade geschehen bei George Lewis jr. aka Twin Shadow, eine Art elektronisches Einmannorchester aus Brooklyn. Wie bei The XX aus London ist auch bei ihm die Retrokeule schnell bei der Hand und natürlich kann man, wenn man sich lang genug vor die Boxen hockt, einen ganzen Sack voll an Verweisen auf den Zettel notieren. Lewis hat damit nach eigener Auskunft kein größeres Problem, die kreative Nutzung der 60jährigen Popgeschichte in all ihren Facetten sieht er geradezu als das Gebot der Stunde und als reine Blaupause mag man „Forget“ auch keinesfalls bewerten.
Zudem hinkt der Vergleich mit The XX beträchtlich, denn obschon seine Texte ziemlich schattig gehalten sind, offenbart die Musik dazu ein Mehr an offensivem Schwung, Eleganz und aufgehellter Grundstimmung. Wenn sich der Beginn mit „Tyrant Destroyed“ noch vorsichtig und bedrohlich pochend anschleicht, so geht’s danach schon deutlich beschwingter und entspannter zur Sache. Für „I Can’t Wait“ hat Lewis eine schöne Cyndie-Lauper-Gedächtnisgitarre im Gepäck, für das schöne „Shooting Holes In The Moon“ beleiht er nicht zum letzten Mal die smarten ABC, Spandau Ballet und natürlich Bryan Ferry, bei „At My Heels“ croont er gar zu schrägen Riffs.
Wenn als schon der anfängliche Verweis auf das Londoner Trio nicht stimmig ist, so kann sich mancher vielleicht mit Hot Chip als naheliegendere Entsprechung anfreunden, auch diese haben ja durchaus Parallelen zu Howard Jones, Heaven 17 oder Human League im Programm. Bei „Tether Beat“ und „Castles In The Snow“ knippst Lewis das Licht noch mal kurz aus, düsterer Beat Marke Fever Ray, Midas Touch für Tiefkühlfreunde: „Your my favorite daydream, I’m your famous nightmare, ... everything I touch grows cold.“ Den Mercury Prize hat der Mann mit der Platte zwar noch nicht gewonnen, die Rettung des Herbstes für Teilzeit-Melancholiker dürfte ihm mit „Forget“ jedoch schon mal gelungen sein. Ach, und zum Thema Cover: Brauche mer ned drübber redde ...
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