Traum und Wirklichkeit

Neulich war ich bei der Steuerberaterin. Nein, nicht, weil Ärzte ja so viel Geld verdienen, sondern aus akuter Unlust, meine Steuererklärung (der letzten drei Jahre) zu machen. Darum soll es eigentlich auch gar nicht gehen. Es geht viel mehr um folgendes: nach Durchsicht meiner Unterlagen sagte die Dame: “Sie haben ja soooo einen interessanten Beruf. Vor allem das Notarzt sein, das stelle ich mich mir ja aufregend vor. Sicher haben sie da jedes Mal einen Adrenalinkick!” Und ihre Augen strahlten bei der Vorstellung, wie ich mit bloßen Händen ein paar Babies vor dem sicheren Tod bewahrte.

Die Freunde aus dem Rettungsdienst werden mir wahrscheinlich Recht geben, wenn ich sage, dass die Wahrheit leider wesentlich unspektakulärer ist. Dazu möchte ich mal ein typisches Beispiel schildern, um zu zeigen, womit man sich im Rettungsdienst so die Zeit vertreibt.

Ein Abend im Spätsommer, der Funk düdelt los. Maurice und ich rennen aus der Tür, genervt, weil wir eine Partie Schach unterbrechen mussten. Von Aufregung keine Spur, denn die Erfahrung lehrt uns, dass dieser Einsatz wahrscheinlich keiner höheren Schulbildung bedürfen würde. Das Meldebild: Herzinfarkt. Auch hier lehrt die Erfahrung: Das kann alles sein. Vielleicht ein Herzinfarkt, vielleicht ist aber auch jemand nur von seiner Katze gebissen worden.

Nach längerer Anfahrt landeten wir auf dem hinterletzten Dorf im hinterletzten Haus. Es sah ziemlich verwahrlost aus, beim Eintreten streiften mir drei Katzen um die Beine. Ich zog ernsthaft in Erwägung, dass unser Einsatz etwas mit Katzen zu tun haben könnte. An der Tür begrüßte uns auch schon der Hausarzt unseres Opfers. Doktor W. Dieser hatte eine Leidensmine aufgesetzt, die sich durch unser Eintreffen kaum verbesserte. Ich schätzte ihn als Typ “tougher Hausarzt mit etwa 40 Jahren Erfahrung” ein und sollte Recht behalten. Als er uns sah, rief er: “Ah, die Notärztin. kommen Sie mal mit. Das ist jetzt nicht schön.” Er lief durch einen Gang und kam in einem Zimmer, das eine Mischung aus Schlafzimmer und Küche war. Es roch etwas streng. In einem Bett saß, eine Wollmütze trotz der angenehmen Temperaturen tief in die Stirn gezogen, die Patientin. Neben ihr saß ein Kerl, der sich als Nachbar ausgab und die ganze Zeit um die alte Frau herumschwänzelte. Doktor W. zeigte auf die Dame: “Das ist Frau Müller. Sie ist 96 Jahre alt. Sie lebt hier allein, steht aber unter gesetzlicher Betreuung. Der Betreuer ist irgendein Amtstrottel, der sie wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben gesehen hat, und um diese Uhrzeit..:” er sah theatralisch auf die Uhr, es war halb sieben Uhr abends, “…natürlich auch nicht zu erreichen ist. Frau Müller wird von einem ambulanten Pflegedienst betreut, und dieser hat mich heute gerufen, da Frau Müller über Brustschmerzen geklagt hat. Frau Müller möchte aber nicht mit in die Klinik kommen…” Ich ahnte an dieser Stelle schon, dass dies ein längeres Gespräch werden würde.
“Sie will ihre Katzen nicht allein lassen!” rief der übereifrige Nachbar, der mir jetzt schon auf den Geist ging.
“Ich geh nicht ins Krankenhaus!” rief die Patientin. Doktor W. fasste sich an den Kopf.
“Haben Sie denn noch immer Brustschmerzen?” fragte ich.
“Nein.” sagte Frau Müller trotzig. Das mochte jetzt stimmen oder nicht. Ein EKG verweigerte sie. Nach ein paar Minuten des Gesprächs mit ihr, hatte ich den Eindruck, dass sie durchaus in der Lage war, die Situation zu umreißen. Betreuung hin oder her. Sie wollte ihre Katzen nicht alleine lassen.
“Ja… dann lassen wir sie eben hier. Erklärter Wille und so.” flüsterte ich dem Hausarzt nach etwa zwanzig Minuten zu. Dieser schüttelte den Kopf. “Das geht nicht. Sie ist betreut, sie kann das nicht allein entscheiden. Und wenn sie morgen tot im Bett liegt, dann sind wir beide dran, denn dann sagen die vom Pflegedienst, wir hätten nicht auf ihren Anruf reagiert!”
Ich zuckte mit den Schultern. “Sie ist 96! Wo wollen sie hin mit ihr? Soll sie nochmal Halbmarathon laufen, oder was?”
Doktor W. sah mich böse an. “Frau Kollegin, das ist jetzt nicht sehr hilfreich!”
“Soll ich sie mir unter den Arm klemmen und raustragen? Wiegt ja nicht viel!” sagte Maurice grinsend. Doktor W. bedachte ihn mit einem Blick, der den, welchen er mir zuvor zugeworfen hatte, noch bei weitem übertraf. Wortlos tippte er wieder auf seinem Telefon herum. Dabei murmelte er irgendwas von “Amtsschimmel” und “wiehern”
Ich seufzte laut. Doktor W. hatte ja recht. Wäre sie nicht betreut, könnten wir sie einfach gegen Unterschrift zu Hause lassen. Aber diese Betreuung machte das einfach unmöglich. Ohne Einwilligung des Betreuers konnten wir sie nicht zu Hause lassen. Ich hatte noch nicht mal das Gefühl, dass ihr wirklich was fehlte, aber das war zu diesem Zeitpunkt ja auch nicht relevant. Relevant war nur, dass hier eine sture ältere Dame saß, von der irgendwer behauptet hatte, sie habe Brustschmerzen und die ums Verrecken (und das durfte man hier wohl auch wörtlich nehmen), ihre Katzen nicht allein lassen wollte. Dazu hatten wir es noch mit diesem Nachbarn zu tun, der die ganze Zeit quasselte und die Patientin noch unruhiger machte.

An dieser Stelle wartet ihr sicher auf eine Pointe. Aber das ist es eben: es gibt keine. Nach einer zermürbenden Stunde des Rumdiskutierens hatten wir die Patientin so weit, dass sie sich unter vielen Auflagen endlich in die Klinik kutschieren ließ. Also, eigentlich schleiften wir sie mit sanfter Gewalt ins Auto. Und ich machte drei Kreuze, als ich die Dame im nächsten Kreiskrankenhaus abgeliefert hatte.

So, Frau Steuerberaterin, sehen etwa 50% der Einsätze aus. Von Adrenalin keine Spur. Eher von Kopf-Tischkante, wachsender Verzweiflung und Magenknurren, gepaart mit unterdrückten Aggressionen. Ich hab mir das früher aber auch irgendwie mal anders vorgestellt. Komischerweise mache ich es aber immer noch gerne…


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