Tote durch Hungersnöte

Wer in Deutschland in den 1980er Jahren aufwuchs, der hörte oft den Spruch „Iss deinen Teller leer, in Afrika hungern die Menschen". Tatsächlich gab es damals in Äthiopien eine große Hungerkatastrophe, wenngleich in den 1980er Jahre im Rückblick vergleichsweise wenig Menschen verhungerten. In diesem Beitrag soll es deshalb um das Thema Huntertote gehen. Das Thema Hunger habe ich vor 1 1/2 Jahren schon mal behandelt, damals lag der Fokus aber allgemein auf Hunger und Mangelernährung. Dieses Mal geht es um die Leute, die tatsächlich am Hunger gestorben sind.

Vergessener Fortschritt

Da es sich beim Thema Hunger um ein ziemlich wichtiges handelt, möchte ich es jetzt erneut aufgreifen. In Deutschland wird ja eher über Übergewicht diskutiert. Nicht ganz zu unrecht, allerdings geschieht das oft in einer so hysterischen Form, dass gerne vergessen wird, welcher Fortschritt sich dahinter verbirgt. Denn zweifellos ist Hunger die größere Bedrohung als Übergewicht. Und der war bis vor gar nicht allzu langer Zeit in Deutschland durchaus regelmäßig zuhause - und ist es in einigen Ländern der Welt immer noch.

Laut den Daten der Welternährungsorganisation sind rund 800 Millionen Menschen mangelernährt, sie nehmen also zu wenig Kalorien zu sich oder ernähren sich einseitig. Erfreulicherweise geht die Zahl der Hungernden trotz steigender Weltbevölkerung zurück, am Anfang der 1990er Jahre war noch rund eine Milliarde Menschen betroffen. Angesichts einer Weltbevölkerung von rund 5,5 Milliarden Menschen damals hungerte also fast jeder fünfte, bei aktuell rund 7,3 Milliarden Menschen ist es noch etwa jeder neunte.

Hunger geht zurück

Besonders hoch ist der Anteil der Hungernden im subsaharischen Afrika. 18,6 Prozent der Bevölkerung war im Jahr 2015 dort unterernährt. 1991 waren es aber noch 33,37 Prozent gewesen, gerade in Afrika konnten also besonders große Fortschritte erzielt werden. Insgesamt sank der Anteil der Unterernährten weltweit deutlich- und in fast allen Weltregionen. Einzige Ausnahme ist die Region Middle East & North Africa, also Mittlerer Osten und Nordafrika, wobei in der englischsprachigen Welt der Nahe Osten ebenfalls als Middle East bezeichnet wird.

Damit liegt der Anteil der Unterernährten dort jetzt höher als in Lateinamerika und der Karibik, nicht zuletzt weil es in diesen Ländern große Fortschritte gegeben hatte. Auch Asien hat sich gut entwickelt, wenngleich Südasien (das ist vor allem der indische Subkontinent) nicht ganz so erfolgreich war wie Ostasien.

Wie viele Menschen sterben in Hungersnöten?

Joe Hassel und Max Roser haben in ihrem Beitrag „Famines" dagegen die große Hungerkatastrophen und die durch Hunger verursachten Todesfälle untersucht. Weniger Hungernde heißt nicht automatisch weniger Hungertote, denkbare wäre es ja, dass weniger Menschen mangelernährt sind, diese dafür aber umso stärker betroffen sind.

Erfasst werden dabei vor allem großflächige Hungerkatastrophen. Das Model, das sich schlank hungert, ist damit natürlich nicht gemeint. Auch in reichen Ländern kann es Arme geben die hungern, auch wenn die meisten Länder eine Mindestabsicherung kennen, die das eigentlich verhindern soll. Allerdings werden deren Leistungen aber entweder nicht in Anspruch genommen oder, wenn sie in Form von Geld gezahlt werden wie bei der deutschen Sozialhilfe, für andere Dinge verwendet. Dass jemand dadurch wirklich verhungert ist allerdings sehr selten und wird daher ebenfalls nicht erfasst.

Wie werden die Toten in Hungersnöten erfasst?

Die Forscher folgen bei der Berechnung dem Konzept der „Übersterblichkeit". Es geht also um die Frage, wie viel mehr Menschen in einem Zeitraum gestorben sind, als man ohne Hunger erwarten dürfte. Sterben üblicherweise 50.000 Menschen pro Jahr und in einem Hungerjahr plötzlich 100.000, dann werden 50.000 Hungertote erfasst. Damit werden auch jene berücksichtigt, die beispielsweise indirekt am Hunger gestorben sind. Beispielsweise gehen mit Hungersnöten oft Seuchen einher, weil die Menschen geschwächt sind und Lebensmittel essen, die sie sonst nicht verzehren würden. Diese sind in den Daten also auch berücksichtig.

Hungersnöte seit 1860

Die größte dokumentierte Hungerkatastrophe war der Tod von geschätzt 24 Millionen Menschen in Maos China in den 1960er Jahren. Stalins Politik in der UdSSR lies in den 1930 Jahren dagegen „nur" rund 5,7 Millionen Menschen verhungern, weniger als in China (elf Millionen) und Indien (7,2 Millionen) in den 1870er Jahren.

Erstaunlicherweise waren die 1980er Jahre, trotzt Äthiopien, eine Zeit mit vergleichsweise wenig Hungertoten. Die Datenexperten rund um Max Roser kommen auf rund 1,35 Millionen Todesopfer. Das sind nicht nur weniger als in den von vielen kleinen Hungerkatastrophen geprägten 1970er Jahren (die größten in Bangladesch und Kambodia), sondern auch deutlich weniger als in den 1990er und den Nuller-Jahren.

Die kaum bekannte Hungerkatastrophe von Nordkorea

In den 1990er Jahren starben 2,9 Millionen Menschen an Unterernährung, also mehr als doppelt so viele wie im Jahrzehnt davor. Rund zwei Drittel davon gehen allerdings auf das Konto einer Hungerkatastrophe in Nordkorea. Beim Lesen der Daten erinnerte ich mich auch wieder an die Nachrichten darüber, allerdings war das Thema weit weniger präsent als Äthiopien weniger Jahre zuvor. Denn Bilder waren wegen der Isolation des Landes kaum zu bekommen und Spenden konnte man auch keine sammeln. Daneben waren vor allem Somalia und der Sudan betroffen.

Erstaunlicher ist, dass über die zahlreichen Hungertoten in der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire) so wenig bekannt wurde.

Es könnte ein gutes Jahrzehnt werden

Im aktuellen Jahrzehnt starben bisher vergleichsweise wenig Menschen an Hunger, nämlich 164.000. Nun ist das Jahrzehnt noch nicht vorbei, allerdings liegt die Zahl auch dann noch niedrig, wenn man die Zahl der Opfer pro Jahr ausrechnet. Allerdings gibt es aktuell vor allem im Südsudan, aber auch in Somalia, Nigeria und teilweise auch Äthiopien wieder Hungerkatastrophen, die die Zahlen deutlich nach oben treiben könnten. Vor allem weil die Bürgerkriege in Somalia und dem Südsudan die Hilfe erschweren.

Insgesamt ist die Zahl der Hungertoten zuletzt tendenziell zurück gegangen. Die höchsten Opferzahlen seit Beginn der Aufzeichnungen 1860 gab es in den 1870er Jahren, gefolgt von den 1940er, 1960er und 1920er Jahren.

Tote durch Hungersnöte

Auffällig ist, dass in den 1920er bis 1960er Jahren vergleichsweise mehr Menschen verhungerten als zuvor. Die Entwicklung ist nicht mehr ganz so extrem, wenn man die Zahl der Todesopfer pro 100.000 betrachtet. Die 1930 und 1950er Jahre fallen dann zwar etwas zurück, die höchsten Opferzahlen gibt es aber weiterhin - abgesehen von den 1870er Jahren mit den großen Hungerkatastrophen in Indien und China - in den 1920er, 1940er und 1960er Jahren.

Tote durch Hungersnöte

Wir können also festhalten, die Zahl der Opfer durch Hungersnöte ist zuletzt gesunken, es gibt aber keinen konstanten Trend nach unten seit Beginn der Aufzeichnung 1860. Vielmehr folgt auf eine Phase mit starken Schwankungen ab 1920 eine mit deutlich mehr Hungertoten als zuvor. Seit den 1970er Jahren ist die Zahl der Opfer je 100.000 Menschen durchgehen niedriger als in den 1910er Jahren, zuvor dem Jahrzehnt mit den wenigsten Toten.

Berücksichtigen muss man dabei natürlich, dass alle Zahlen auf Schätzungen beruhen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die meisten Katastrophen in Regionen passieren, wo die Opferzahlen entweder nicht erfasst werden können oder aber eine Erfassung nicht erwünscht ist. Am Trend dürfte das aber wenig ändern.

Im nächsten Beitrag wollen wir nach Gründen für den Hunger fragen und auch ergründen, warum die Zahl der Opfer zwischen 1920 und 1969 trotz technischen Fortschritts durchgehend höher lag als beispielsweise in den 1910er oder 1880er Jahren.


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