Tonfilm-Seitensprung: Mitchell Leisen – eine Antwort

Erstellt am 10. Februar 2011 von Michael

HANDS ACROSS THE TABLE
USA 1935
Mit Carole Lombard, Fred MacMurray, Ralph Bellamy, Marie Prevost, William Demarest, u.a.
Regie: Mitchell Leisen
Dauer: 85 min

Diese Review versteht sich als Antwort auf diesen Artikel meines schweizer Blog-Kollegen Whoknows Best. Ich war damals so dreist, seine – und Billy Wilders – Einschätzung der Regieleistungen des Regisseurs Mitchell Leisens in Zweifel zu ziehen. Da ich aber keine verlässlichen Erinnerungen (eigentlich überhaupt keine!) an jene Filme Leisens hatte, die ich damals, in den Achtigerjahren im Fernsehen gesehen hatte, nahm ich mir vor, einen aufzutreiben.

Tja, und da krieche ich nun zerknirscht zu Kreuze, und gebe Whoknows  – und Billy Wilder – Recht.
Ich weiss, man soll nicht aus einem Film auf alle anderen schliessen; doch der in Whoknows Blog festgehaltene Befund (von Whoknows und Wilder) trifft auch auf Hands Across the Table so genau zu, dass sich eine vorsichtige Verallgemeinerung wohl doch vertreten lässt. Dem Film liegt ein wunderbares Skript von Norman Krasna zugrunde, welches das Zeug zu einem Screwball-Komödien-Klassiker gehabt hätte – wäre es von einem anderen Regisseur umgesetzt worden.

Leisen filmt die (Steil-)Vorlage ziemlich uninspiriert und mit wenig Sinn für effektive Dramaturgie einfach ab. Wie ein Theaterstück. Das plätschert mal einfach so dahin, mal packen einen die herrlichen Dialoge oder die gut aufgelegte Schauspielertruppe. Aber zum durchgängigen, uneingeschränkten Vergnügen schwingt sich Hands Across the Table nicht auf. Immer wieder ertappte ich mich beim Gedanken: Gut, nun wissen wir’s – cut! Viele Szenen ziehen sich über Gebühr in die Länge – bei einer Scrwball-Komödie ist das eine Todsünde. Das Genre lebt unter anderem von Tempo – und das wird von Leisen immer wieder abgebremst.

Schade! Die Geschichte um die kleine Maniküre Regi Allen (Carole Lombard), deren Credo es ist, dereinst ausschliesslich des Geldes wegen zu heiraten, ist frisch und unverbraucht. Als der leicht verrückte und ziemlich eingebildete Millionärssohn Theodore Drew III (Fred MacMurray) für sie Interesse zeigt, sieht sie ihre Chance für gekommen. Nie hätte sie sich für diesen unmöglichen Typen interessiert, wäre er ihr nicht als „gute Partie“ vorgestellt worden.
Im Verlauf eines chaotischen ersten Dates erfährt sie allerdings, dass Drew III sich dasselbe Credo auf die Fahnen geschrieben hat wie sie – nur des Geldes wegen zu heiraten – und dass er genauso mittellos ist. Weil er zu besoffen ist, um nach Hause zu finden, wird er von einem Taxifahrer in Regies Appartement zwischengelagert – und bleibt fortan dort wohnen.

Die Wohngemeinschaft der beiden mittellosen Geldgierigen gestaltet sich äusserst unkonventionell und witzig. Von Regis Wohnung aus planen die beiden gemeinsam Teodore Drews einträgliche Zweckheirat in die Familie eines einflussreichen Ananasimporteurs; es ist jedoch von vonherein klar, dass Regie und Theodore ihre Prinzipien am Schluss über Bord werfen und zusammenfinden.

Genauso, wie Billy Wilder sich darüber ärgerte, dass Leisen, sein schönes Drehbuch für Midnight vergeigt hatte, so könnte man sich als Zuschauer über das Vergeigen des schönen Drehbuchs zu Hands across the Table ärgern.
Und seltsam: Schon am Morgen danach konnte ich mich nur noch schwach an den Film erinnern…
6,5/10
PS: Ich werde Leisen eine weitere Chance geben, keine Angst! So schnell schreibe ich keinen Regisseur ab, es sei denn, sein Stil geht mir total gegen den Strich (so, wie es etwa bei Theo Angelopoulos der Fall ist; doch auch von ihm hatte ich mir mehrere Filme anget… angeschaut).

Hand across the Table ist im Deutschsprachigen Raum nicht erschienen. Er kann über amazon.co.uk von Privatanbietern bezogen werden, in einer DVD-Box mit fünf weiteren Filmen mit Carole Lombard (Achtung RC1!).