Todeszone

Von Guidorohm

Er könne das alles nicht mehr sehen, sagt Joachim. Er bittet Anne, schalt um, auf irgendeinen anderen Sender. Anne reagiert nicht. Sie sieht hin, sie saugt die Bilder einer verlassenen Landschaft auf, dann sagt sie, das sei die Todeszone, die müsse er sich unbedingt einmal ansehen. Joachim sieht nicht hin. Er schweigt. Nach einer Weile steht er auf. Seine Hände zittern. Er kann nicht sagen, warum sie zittern, aber es ist so. Er kennt so etwas überhaupt nicht von sich und für einen kleinen Augenblick bekommt er Angst, weil er sich an seinen Vater erinnert. Die meisten Krankheiten vererben sich. Er will das nicht. Er schüttelt die Gedanken an seinen Vater, an Krankheit und Tod ab. Wie ein Hund, der sich das Wasser aus dem Fell schütteln will, steht er im Wohnzimmer. Er bewegt seinen Oberkörper hin und her. Er springt sogar ein wenig nach vorne. Anne mustert ihn. Sie grinst und sagt, was machst du denn da. Er antwortet nicht. Nichts, nichts, murmelt Joachim, ich geh kurz vor die Tür. Frische Luft schnappen. Anne wendet sich wieder den Bildern zu. Joachim schlendert mit all den Gedanken nach draußen. Natürlich ist er sie nicht los geworden. Als ob das so einfach wäre. Er ist kein Hund. Und seine Gedanken sind keine Wassertropfen. Er öffnet die Tür. Joachim geht nicht hinaus, er bleibt in der Türöffnung stehen. Irgendwo bellt ein Hund. Ein Motorrad heult auf. Und dann hört er einen Zug, der sich ratternd entfernt. Joachim denkt wieder an seinen Vater. Dann an die Fernsehbilder. Der Tod ist überall. Wir können den Tod nicht aufhalten, denkt Joachim. Sein Kopf kippt nach vorne. Das Kinn liegt auf der Brust. Aus dem Wohnzimmer ist nichts zu hören. Auch nichts von draußen. Der Hund hat aufgehört zu bellen. Kein Motorrad. Nur Stille. Joachim stellt sich vor, wie das wäre, wenn plötzlich alle verschwinden würden. Einfach so. Nur er bliebe zurück. Wenn er plötzlich eines Morgens in einer Todeszone aufwachen würde. Seine Hände zittern stärker. Vielleicht sind solche Gedanken der Auslöser für Krankheiten, denkt Joachim. Man muss den Tod einfach aussperren. Aussperren! Joachim macht einen Schritt zurück, er schlägt die Tür zu. Er atmet schwer. Ich muss mich beruhigen, denkt Joachim. Es ist alles in Ordnung, in bester Ordnung. Er tappt durch den Flur zum Wohnzimmer zurück. Er kann nichts hören. Und wenn sie jetzt einfach nicht dort sitzt? Er reißt die Tür auf. Anne sieht ihn erstaunt an. Was ist?, fragt sie. Alles in Ordnung, schnauft Joachim. Ich … Ja?, fragt Anne. Sie hat den Fernseher ausgeschaltet. Ich will dich nicht verlieren, sagt Joachim. Sie lächelt ihn an. Aber Joachim, sagt Anne. Sie reicht ihm die Hand. Nur einen Meter noch, dann kann er ihre Hand fassen. Nur einen Meter. Seine Hände zittern. Schweiß läuft seinen Rücken hinunter. Er greift nach ihrer Hand. Alles wird gut, sagt Anne. Joachim nickt. Er weiß, dass es nicht stimmt. Aber er nickt, weil die Lügen manchmal die Wahrheiten sein müssen.