Tiefschwarzes zum Brüllen

Alle hergehört: Wer glaubt, das Schauspielhaus in Wien muss mit ernster Miene betreten und mit noch ernster wieder verlassen werden – der hat die letzte Premiere des Hauses in dieser Saison noch nicht gesehen. Denn da heißt es – wenn es schon gar nicht anders geht, ernst reingehen – aber, und das ist sicher, lachdurchtränkt wieder rauskommen.
Theresia Walser im Schauspielhaus Wien Franziska Hackl als Margot Honecker, Florian von Manteuffel  als Gottfried (Foto: © Alexi Pelekanos ) Katja Jung, Nicola Kirsch im Schauspielhaus Wien (Foto: © Alexi Pelekanos )

Zu verdanken hat das Publikum diese Wandlung dem großartigen, tiefschwarzen, humorvollen Stück (Ich bin wir ihr, ich liebe Äpfel) von Theresia Walser, der auf den Punkt gebrachten Regie von Sebastian Schug und den drei Damen Katja Jung, Franziska Hackl und Nicola Kirsch, sowie Florian von Manteuffel. Sie spielen, was das Zeug hält und unterhalten – auf höchstem Niveau – von der ersten bis zur letzten Minute.

Frau Margot, Frau Leila und Frau Imelda – die drei sich mehr oder weniger honorig benehmenden Damen tragen illustre Vornamen und das nicht ganz zu Unrecht. Sind sie doch die Ehefrauen von Honnecker, Ben Ali und Marcos. Alle drei besser bekannt als Diktatoren ersten Ranges, wenngleich auch unterschiedlicher politischer Couleur. Das macht Walser jedoch rein gar nichts. In ihrem Stück lässt sie die drei ehemaligen Firstladies gemeinsam auf eine Bühne treten, hinter den noch geschlossenen Vorhang, in Begleitung von Gottfried, einem Dolmetscher. Dort warten sie auf ihren Auftritt vor hundert oder Hunderten Journalisten, so genau lässt sich die Zahl nicht eruieren. Leila und Imelda sind imstande, sprachlich miteinander zu kommunizieren, lediglich Margot muss gedolmetscht werden, was aber zu unglaublichen Verstrickungen führt. Fühlt sich doch Gottfried schon bald außerstande, tatsächlich zu übersetzen, was ihm von hüben – Leila und Imelda – und drüben – Margot – so alles zum Übersetzen angeboten wird. Beschimpfungen ohne Ende, aber auch jede Menge unglaublicher Schwachsinn – das geht dem guten Mann auf die Nerven und gegen den Strich. Und so versucht er zwar eine geraume Zeit durch diplomatischen Sprachduktus die bereits hoch aufgerichteten emotionalen Wogen zu glätten, scheitert damit jedoch kläglich.

Einfach große Klasse, wie Manteuffel als zuerst beflissener Übersetzer, dann im Laufe der Zeit aufmüpfiger ehemaliger DDR-Junge und zum Schluss larmoyante, beleidigte Leberwurst vor den drei Damen trotz aller Sprachfinessen letztendlich w.o. geben muss. Zum Schenkelklopfen, wie Katja Jung Imelda, als gealterte Schönheitskönigin mimt. Dabei stopft sie hartgekochte Eier, gesalzene Bananen und Makronen sonder Zahl in sich hinein und richtet ihre spitze Zunge gegen alles und jede, die nicht ihrem Schönheitsideal entsprechen. Zwerchfellerschütternd Nicola Kirschs Darstellung von Leila, die ständig ihr Studium der französischen Literatur betont und sich dabei regelmäßig Imeldas ironische Kommentare abholt. Zwerchfellerschütternd die pantomimische Zurschaustellung ihrer Phobie vor Kakerlaken in Wasserleitungsrohren. Das Publikum wiehert dabei vor Lachen. Gnadenlos, wie Franziska Hackl als Margot Honnecker in ihrer Rolle als oberste Erzieherin der DDR steckenbleibt und permanent Entschuldigungen ihrer beiden schwesterlichen „Amtsinhaberinnen“ einfordert. In ihren Augen Parasiten und Ausbeuter ersten Ranges, ohne dabei die eigene Schuld als Machthaberin in einem diktatorischen System zu erkennen.

So rassig, flockig, rasant und brillant der Text von Walser hier auch auf die Bühne gebracht wird, so ist doch der tiefschwarze Unterton, niemals abwesend. So bleibt doch der ein- oder andere Karlauer ganz tief im Hals stecken. Die Absurdität, die Theresia Walser hinter all dem Klamauk versteckt, bleibt offenkundig. Gerade diese permanente Hochschaubahn zwischen den eigentlich nicht zu begreifenden Selbstüberschätzungscharakteren und den dahinterliegenden Schicksalen ganzer Nationen fesselt von Beginn an. Und bleibt bis zum Schluss attraktiv. Die Lebenslügen, die sich die drei Frauen zusammengebastelt haben und die tatsächlich erlebten Huldigungen wirken lebenslänglich nach. Auch dann noch, als sie sich längst aus ihren Ländern vertrieben und bar jeder Macht im Exil wiederfinden. Walsers Text erhebt nicht den Anspruch, dass jedes Detail tatsächlich historisch belegbar ist. So mischt sie z.B. in Leilas Biographie Versatzstücke unterschiedlicher arabischer Despotinnen. Verblüffend bleibt dennoch, wie sehr sie die Charaktere der Frauen inhalierte, um ihre Verteidigungsstrategien so dermaßen glaubhaft wiedergeben zu können. Bei all dem gelangten ihr dabei jedoch nicht nur sarkastische, psychologische Komprimierungen von machtbesessenen und machtverwöhnten Diktatorengattinen, sondern auch eine bitterböse Charakterisierung jener Mehrheiten, die solche Machtkonstrukte erst möglich machen. Was einem bei all der Trivialität dieser ehemaligen Möchtegern-Elitefrauen in den Sinn kommt, sind jene Gedanken Hannah Arendts, mit denen sie nach den Nürnberger Prozessen die ehemaligen Nazigranden analysierte. Ihre „Banalität des Bösen“ trifft exakt auch auf jene Protagonistinnen zu, die an diesem Abend das Publikum in ihrem Sinne unfreiwillig unterhalten. Sind sie doch in ihrem Desiderat nichts anderes als ganz banale, durchschnittliche ja sogar höchst lächerliche Figuren.

Walser gelingt hier, wie auch in ihrem Stück „Die Liste der letzten Dinge“, das derzeit im Kosmostheater aufgeführt wird, ein scharfer Blick auf unsägliche Frauenschicksale. Sind es in einem Fall zwei unbekannte, alternde Frauen, die sich selbst unbedingt auf einem Scheiterhaufen brennen sehen möchten, und im anderen drei politische Medienstars, scheut sie sich nicht, deren psychologische Untiefen ans Licht zu zerren. Damit erweist sie, wie man vielleicht annehmen möchte, der Frauenbewegung keinen Bärendienst. Ganz im Gegenteil. Das Offenlegen von menschlichen Schwächen, gerade auch im Bereich des weiblichen Geschlechtes, zeigt auf, dass man Heute dies nicht mehr als Tabu ansehen muss, ganz im Gegenteil. Ein offener Umgang mit weiblichen und männlichen Monstrositäten tut gut und befreit Frauen aus einer permanenten ethischen Heroisierung, die dem weiblichen Geschlecht jedoch insgesamt mehr schadet, als nützt.

Eine wunderbare, intelligente Komödie, einer hochbegabten Dramatikerin. Professionell umgesetzt. Bleibt nichts anderes zu wünschen als jede Menge Publikum.


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