Tiefgründiges und leichte Kost

Tiefgründiges und leichte Kost

Michaela Preiner

„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht) Das Schauspielhaus Graz wartet derzeit mit zwei gänzlich unterschiedlichen Produktionen auf, die eins klar machen: Unterhaltung im Theater kann tiefgründig, aber auch leicht konsumierbar sein. Mit „Vögel“ steht ein Drama auf dem Spielplan, das in dieser Saison auch am Akademietheater und am Tiroler Landestheater in Innsbruck gezeigt wird. Das macht deutlich, dass der Stoff, den der Autor Wajdi Mouawad darin verarbeitet, als sehr zeitgeistig empfunden wird. Tiefgründiges und leichte Kost Tiefgründiges und leichte Kost „Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht) Der junge Gentechniker Eitan, der aus einer jüdischen Familie stammt, trifft in der Universitätsbibliothek auf Wahida, eine arabischstämmige, junge Frau und verliebt sich ad hoc in sie. Die Eltern Eitans wollen der Verbindung jedoch unter keinen Umständen zustimmen. Bei der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn kommt es zu einem Beziehungsbruch, bei dem der junge Mann das Gefühl hat, nicht von diesen Eltern abstammen zu können. Bei einem Gentest, den er heimlich durchführt, muss er feststellen, dass sein Vater nicht der leibliche Sohn seines Großvaters sein kann. Deswegen macht er sich mit seiner Freundin auf den Weg nach Israel, um seine Großmutter zu besuchen und dort das Familiengeheimnis zu lüften.

Der Regisseur Sandy Lopicic, von dem auch die Musik stammt, lässt die Vorstellung mit einem rhythmisch begleiteten Blitzlichtgewitter von grünen Bibliothekslampen beginnen. Einer gelungenen, metaphorischen Verschränkung der Idee, damit jene Tages- und Nachtabläufe zu visualisieren, die es benötigte, bis sich die beiden Liebenden in der Bibliothek kennenlernten. Mit einem genialen Bühnenbild von Vibeke Andersen, wird zu Beginn ein X- und ein Y als Chromosomenabkürzung bildhaft dargestellt. Die Y-Konstruktion in Form eines Glascontainers, der innen begehbar ist, bekommt im Laufe des Abends noch weitere Bedeutungsebenen. In ihm eingeschlossen wird sich eine zeitlang Eitan befinden, der nach einem Terroranschlag in Israel ins Koma fällt. Später wird darin sein Vater zu sehen sein – wie Eitan ebenfalls in einer lebensbedrohenden Situation.

Der Text kreist um die Frage nach Identitäten innerhalb einer Familie, aber auch um Identitäten, die sich aus einer Volkszugehörigkeit ergeben. Eitans Vater muss erfahren, dass er von jenem Volk abstammt, das er aufs Stärkste verachtet. Sein tragisches Ende darf man wohl als letzte Konsequenz einer Erschütterung ansehen, welche die Grundfesten eines Menschen so ins Wanken bringen können, dass dieser daran zerbrechen kann.

Tiefgründiges und leichte Kost „Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht) Tiefgründiges und leichte Kost Tiefgründiges und leichte Kost Tiefgründiges und leichte Kost „Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)  Mit Rückblenden ins Jahr 1982 zum Massaker von Sabra und Schatila an Palästinensern zeigt der libanesisch-stämmige Autor, der in Kanada lebt, ein besonders grausames Kapitel des Hasses zwischen Arabern und Juden auf. Das Bild, das er dabei verwendet, erinnert an einen Racheengel, der von oben herab nichts als Unheil verkündet. Die unmittelbaren Folgen des Sechstagekrieges von 1967, die für Etgar, den Großvater und die ganze Familie für das weitere Leben ausschlaggebend waren, bringen eine Wende in die Erzählung. Knapp vor Schluss wird die Familiengeschichte von ihrem bis dahin unbekannten Ausgangspunkt völlig überraschend aufgerollt. Mit fatalen Folgen.

Lopicics musikalische Untermalung trägt klangliche Charakterbilder in sich, die sich aus der Mischung von orientalen und okzidentalen Instrumenten ergibt. Auch das ist ein gekonnter, wenngleich sehr subtiler Hinweis auf jene Lebensbausteine, aus welchen Eitans Vater, letztlich aber auch Eitan selbst zusammengesetzt sind. Einem zuweilen langatmigen ersten Teil folgen fulminante, hoch emotionale Bilder und Szenen nach der Pause. Bis hin zum Schlussbild, das den Leichnams des Vaters quer über die Bühne projiziert.

Frieder Langenberger als Eitan und Gerhard Balluch als sein Großvater bestechen mit ihren schauspielerischen Leistungen. Die Emotionalität der Jugend trifft dabei gekonnt und plausibel auf die Abgeklärtheit des Alters. Was den beiden Charakteren an Versöhnungspotential innewohnt, fehlt den Eltern von Eitan komplett. Sowohl Susanne Konstanze Weber als Norah, die Mutter, als auch Mathias Lodd in der Rolle des Vaters, zeigen versteinerte Herzen und verkörpern keine Sympathieträger. Beatrice Frey als Großmutter toppt die beiden in ihrer Gefühlskälte – bis auf einen kurzen emotionalen Ausbruch. Katrija Lehman steht als Wahida sowohl in ihrem Aussehen als auch ihrem Lebenszugang antipodisch der israelischen Soldatin Eden gegenüber, verkörpert von Anna Szandtner, die plötzlich eine unerwartete Empathie mit der jungen Frau empfindet.

Ein Theaterabend mit einigen gelungenen Regieideen, bei dem man trotz aller dramatischer Ereignisse emotional jedoch auf Distanz bleibt.

Tiefgründiges und leichte Kost Tiefgründiges und leichte Kost „Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht) Tiefgründiges und leichte Kost Tiefgründiges und leichte Kost „Tatortkomissarinnen“ (Foto: Stela)

Ich, Tatortkommissarinnen

Von ganz anderem Kaliber ist die Performance „Ich, Tatortkommissarinnen“ bei der Cora Frost für die Regie verantwortlich zeichnet. Darin treten die Rabtaldirndln gemeinsam mit Julia Gräfe auf, um dem Phänomen der allsontaglichen Tatortausstrahlungen nachzugehen. Nach einem fulminanten Einstieg, bei dem man sich live inmitten einer Messfeier zu Ehren des Heiligen Tatortabends befindet und anstelle von Hostien Erdnussflips auf der Zunge zergehen lassen darf, outen sich die Schauspielerinnen mit ihren jeweiligen Krimi-Vorlieben. Dass sie dabei in die Rolle von Kommissarinnen schlüpfen, versteht sich von selbst. Und dass sie als solche nicht davor zurückschrecken, wie ihre männlichen Kollegen zu schießen und sich im Nahkampf am Boden zu wälzen, auch.

Der späte und unerwartete Auftritt von Cora Frost – die plötzlich singend dem bockenden Kaffeeautomaten entsteigt, kippt die Inszenierung ins Revuehafte. Um die Kottan-ermittelt-Anspielung zu verstehen, muss man aber der Jugend schon entwachsen sein. Dramaturgisch erschließt sich einem nicht wirklich, warum jene Szene, in der ein „Teambuilding-Wochenende“ nachgestellt wird, von der Länge her ausufert und die Damen sich dazu in zartes, rosarotes Tuch kleiden müssen. Diesen Switch nimmt man den Rabtaldirdnln beim besten Willen nicht ab. Julia Gräfe blieb von dieser Verwandlung zum Glück ausgeschlossen.

Tiefgründiges und leichte Kost „Tatortkomissarinnen“ (Foto: Stela) Die durchinszenierte Vorstellung, in der nur einmal Julia Gräfe sich beim Publikum einige Antworten abholt, hat nichts mit einer Performance zu tun und erhält damit ein Etikett, dass ihr nicht wirklich passt. Die Mischung aus Theater-Nabelschau und Krimi-Verballhornung hält zwar immer wieder Lacher bereit, bleibt letztlich aber das, was auch der Tatort selbst ist, eine vorkonfektionierte Unterhaltung, die von zufünftigen Amusements rasch wieder überdeckt werden wird. Dennoch empfehlenswert, wenn man einen lockeren Theaterabend genießen möchte.

Auf der Bühne agieren Barbara Carli, Rosa Degen-Gaschinger, Bea Dermond, Julia Gräfner, Gudrun Maier und Susanne Ohner.

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