Thema der Woche: Helfen

Von Loveroflife

Stell Dir vor, Du würdest Dich 77 Minuten pro Jahr für andere engagieren. 77 deshalb, weil es Dir und anderen Glück bringen soll. Wäre das viel oder wenig? Diese Stunde und 17 Minuten sind sogar sehr viel, wie ich meine, weil sich höchstwahrscheinlich mehr daraus entwickelt, wenn Du erst einmal erfahren hast, wie gut das Helfen allen Beteiligten tut. Ich selbst arbeite hin und wieder ehrenamtlich in der Pflasterstub’ in Freiburg. Von Mitte September bis Mitte Oktober 2008 habe ich dort sogar ein 4-wöchiges Praktikum absolviert. Ich weiß also, wovon ich rede, auch wenn ich mich hier keineswegs als Heiliger darstellen möchte. Das bin ich nicht und das werde ich wohl auch nie sein. Wie alles, was ich auf diesen Seiten veröffentliche, soll auch dieser Artikel nur eine Anregung sein.

Ganz im Gegenteil, es ist sogar sehr “egoistisch”, denn ich fühle mich immer gesegnet und beschenkt, wenn ich dort war. Die Begegnungen und zum Teil sehr tiefen Gespräche sind für mich jedes Mal eine große Bereicherung. Einer meiner Sprüche lautet: “Es glänzt nicht alles, was Gold ist.” Und gerade im Umgang mit diesen wohnungslosen Menschen bestätigt er sich immer wieder aufs Neue. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftige und nach und nach ihr Vertrauen gewinne, desto mehr Perlen finde ich. Und wenn ich dann auch noch helfen kann, um so besser.

Sogar Freundschaften haben sich daraus schon entwickelt. Ein ehemaliger Ingenieur, der intensiv den Kurs in Wundern studiert hat, ist heute auf der Straße unterwegs, um die gewonnenen Erkenntnisse konsequent zu leben. Solch ein Gottvertrauen habe ich selten irgendwo gefunden. Und dann ist da die Frau, die einfach leben will, damit andere einfach leben können. Sie testet zurzeit aus, mit wie wenig sie auskommen kann.

Eine große Freude ist es auch zu sehen, wie engagiert die Bürger von Freiburg sind. Jeden Tag treffen Sach- und Geldspenden ein. Jeden Tag kommen ehrenamtliche Helfer und versorgen die Gäste mit Frühstück und Verständnis. Wenn Du Dein Herz öffnen willst und wahrhaft wertvolle Menschen kennenlernen möchtest, kann ich Dir so eine “Arbeit” nur empfehlen. Du bekommst weit mehr zurück als Du gibst!

Dabei geht es um weit mehr, als belegte Brötchen verteilen, Wäsche waschen oder Rasier- und Waschzeug ausgeben. Gerade dass man mit ihnen spricht anstatt über sie und dass man ihnen dabei auch direkt in die Augen schaut, ist etwas, was diese Menschen selten erfahren. Dabei ist es wichtig, behutsam auf sie oder ihn zuzugehen, denn auch Nähe muss gelernt sein, und viele (auch von uns) kennen sie kaum noch. Es ist wie beim Kleinen Prinzen und dem Fuchs. Es braucht Geduld. Aber wenn wir das Herz eines Menschen berühren und sein Vertrauen gewinnen, dann hat es sich für beide gelohnt. Es ist so wichtig, jedem von Mensch zu Mensch zu begegnen.

Spende ich auch für Obdachlose?

Ja, das tue ich. Allerdings nur noch ganz selten direkt auf der Straße, sondern ich spende 10% meiner Einnahmen der Pflasterstub’, die damit sehr viel Gutes tut. Denn es stimmt zwar, dass jedem deutschen Bundesbürger generell eine Grundsicherung zusteht, wenn er arbeitsuchend, wohnungslos oder erwerbsunfähig ist (ich hoffe, diese Aussage ist juristisch korrekt). Rein theoretisch kann in unserem Land glücklicherweise jede und jeder genug zu essen, einigermaßen vernünftige Kleidung und ein warmes Bett haben, in das er sich abends legen kann. Auch eine medizinische Grundversorgung ist gesichert, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie früher. Und weiterbilden kann man sich auch kostenlos, in öffentlichen Bibliotheken zum Beispiel. Es gibt Möglichkeiten genug, wenn man sie – im doppelten Sinne – wahrnimmt, sie also sehen kann und nutzen will!

In der Praxis sieht das Ganze dann – wie so oft – ganz anders aus. Gerade jetzt im Winter erfrieren wieder einige Menschen auf Deutschlands Straßen. Die einzelnen Fälle liegen dabei sehr unterschiedlich. Menschen, die diesen Weg bewusst gewählt haben, um frei und unabhängig zu sein, verzichten konsequenterweise auch auf staatliche Unterstützung (die ja auch immer mit Kontrolle verbunden ist). Das sind aber die Wenigsten. Auch viele Ausländer gibt es, die “auf der Durchreise” in unserem schönen Land hängengeblieben sind und sich hier wohl und zuhause fühlen. Sie haben aber keinerlei Ansprüche auf finanzielle oder sonstige Hilfe. Bei einem Großteil trifft wohl das zu, was die ehemalige Leiterin der Pflasterstub’ einmal so ausdrückte: “Sie können gar nicht mehr wollen.” Das heißt, die Hilfe wäre zwar da, aber diese Menschen sind gar nicht mehr fähig, sie in Anspruch zu nehmen. Ihnen fehlt der innere Antrieb oder sie kommen in einem “normalen” Umfeld ohne Betreuung gar nicht mehr zurecht oder, oder, oder … Und das kann ich leicht nachvollziehen, wenn ich bedenke, welch eine hohe Schwelle allein schon zu überwinden ist, wenn man aus “geordneten” Verhältnissen kommt und plötzlich “Hartz IV” oder Grundsicherung beantragen muss. Gerade da ist es wichtig, dass es sogenannte Wärmestuben gibt, in denen diese Menschen ohne Ansehen der Person persönliche und medizinische Hilfe bekommen, ohne einen langen Behördenweg zu gehen.

Beim persönlichen Kontakt mit diesen Menschen geht es aber gar nicht so sehr um den Euro, den man ihnen gibt. (Übrigens kann man auch in jeder Stadt kostenlos Hundefutter bekommen. Es gibt also auch keinen Grund, aus Mitleid mit dem armen Tier etwas zu spenden). Es geht mehr um die Begegnung, um das Annehmen dieses Menschen als das, was er unter seiner Schale eben ist: ein Mensch wie Du und ich. Und – wie gesagt – oft ein weitaus wertvollerer, als es den Anschein hat. Doch wie sollen diese Menschen ihren eigenen Wert erkennen, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass sie es nicht einmal wert sind, dass man sie ansieht und mit ihnen spricht? Armut ist nicht ansteckend! Freundlichkeit, Mitmenschlichkeit, Lebensfreude, Akzeptanz und Selbstachtung dagegen schon!!

Ganz davon abgesehen, ist die finanzielle Unterstützung mittlerweile dank einiger Reformen nicht mehr wirklich üppig. Und da die meisten ein Suchtproblem und/oder Schulden haben, ist das Geld vom Staat oft schneller weg, als man gucken kann. Du wirst einen Alkohol- oder Drogenabhängigen nicht wirklich daran hindern, sich seinen Stoff zu besorgen, indem Du ihm kein Geld gibst. Für den Entzug muss er bereit sein. Dann gibt es geeignete Therapien, die unter gewissen Voraussetzungen auch vom Staat übernommen werden. Aber Du hilfst ihm vielleicht, seinen Bedarf zu decken, ohne kriminell zu werden. Und Dir selbst tut das Geben ja auch sehr gut! – Und wenn eine Vertrauensbasis geschaffen ist, gelingt es vielleicht sogar, “Hilfe zur Selbsthilfe” anzubieten. Das Leben auf der Straße ist wohl eine der härtesten Lebensweisen. Und wer das bewältigt, hat ganz bestimmt verborgene Talente, über die Du staunen würdest. Und jede Fähigkeit ist für irgendetwas gut. Lass Deiner Fantasie einfach freien Lauf, was da alles möglich ist.

Das sind nur einige Gedanken zu einem sehr komplexen Thema, und ich bin auch nur Laie. Wenn es Dich näher interessiert, dann besuche doch mal einen Wohnungslosentreff in Deiner Nähe. Die dort zuständigen Sozialarbeiter und vor allem die anwesenden Gäste erzählen Dir sicher gerne etwas über ihre Erfahrungen.


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