The Wolf of Wall Street

Erstellt am 17. Januar 2014 von Pressplay Magazin @pressplayAT

Kino

Veröffentlicht am 17. Januar 2014 | von Martina Zerovnik

Summary: Dauerrausch eines Selbstdarstellers, großartige Schauspieler, wahnwitzige und meisterhafte Inszenierung von Scorsese

Komödie

Ein Wolf im Schafspelz ist Jordan Belfort ja nicht gerade. Das Leben des Aktienhändlers war zu Zeiten seiner Firma Stratton Oakmont ein Dauerrausch aus Sex, Drogen und Betrug, das schriller nicht sein könnte. So zeichnet es zumindest Martin Scorsese in seinem neuesten Film, der die Geschichte des Wolf of Wall Street erzählt.

Eine Erfolgsgeschichte ist es nur bedingt und in der Wall Street spielt sie auch nur zu Beginn des Films. Belfort (Leonardo DiCaprio) feiert seinen Einstand in der Firma eines von Matthew McConaughey (kurz, aber intensiv) gespielten Börsenhais, dessen Tage von Martinis und Masturbieren strukturiert werden. Nachdem jedoch seine Broker-Karriere jäh vom „Black Monday“ beendet wird, findet er seinen Weg in eine Firma auf Long Island, deren Führung er nach kurzer Zeit übernimmt. Das Geschäft besteht zum Großteil darin, Kleinanleger mittels Ramschaktien zu prellen. Aus dem Jungspund wird ein Millionär, der sich von seiner lieben, aber allzu durchschnittlichen Freundin trennt, um mit Naomi (Margot Robbie) die heißeste Braut von Bay Ridge zu heiraten. Das hindert ihn allerdings nicht daran, exzessiv der Prostitution zu frönen. Schöne Frauen, wilder Sex, scharfe Drogen und schmutziges Geld in grenzenlosen Höhen gehören zu seiner täglichen Grundausstattung. Seine Firma erinnert über weite Strecken an ein Cabaret, wo seine Mitarbeiter neben allen erdenklichen Amüsements – wie „Zwergewerfen“ – ohne viel Aufhebens mehr als nur ihre Schäfchen beiseite bringen.

Scorsese inszeniert die Geschichte als endlose, ausschweifende Party, sodass das Geschehen auf der Leinwand bald in den puren Irrsinn als Dauerzustand mündet. Mehr oder weniger bleiben es dasselbe Geschehen und dieselben Themen, aber sie werden stets mit einer Nuance extremer, sodass der Film nicht auf der Stelle tritt.

Über weite Strecken heißt es für Belfort und seine Genossen (Jonah Hill als Donnie ist der schiere Wahnsinn), „denn sie wissen nicht, was sie tun“. Schon bald wird klar, dass die Jungs den Bezug zur Realität völlig verloren haben und ein ausschweifendes Märchen vom Alphamännchen leben. Spätestens wenn Scorsese Belfort mit seiner Yacht in einem Sturm mit Monsterwellen untergehen lässt, wird klar, dass sich der Film in einer Sphäre der Hyperinszenierung bewegt, was dem realen Selbstverständnis von Belfort vermutlich recht nahe kommt. Obwohl dieser für seine Machenschaften verurteilt wurde und 22 Monate im Gefängnis verbrachte, wirbt er heute auf seiner Website mit Stratton Oakment als Erfolgsstory. Nebenbei: Er arbeitet als Motivationstrainer und berät unter anderem die Deutsche Bank. Das ist mehr als Ironie.

Ironie ist wiederum dem Drehbuch von Terence Winter (Die Sopranos, Boardwalk Empire) nicht abzusprechen, auch Humor findet sich reichlich. Was von vielen Seiten beanstandet wird, ist das Fehlen der Opfersicht. Tatsächlich kommen Belforts Opfer nie vor – was aber nicht heißt, das der Wolf gut wegkommt. Bei aller Coolness, Selbstinszenierung als „Robin Hood“ sowie Leonardo DiCaprios überaus beeindruckender Darstellung ist Jordan Belfort letzten Endes eine erbärmliche und sogar naive Gestalt, die von einem Exzess in den nächsten lebt und schließlich sabbernd am Boden kriecht (das ist wörtlich gemeint). Dass Belfort nicht bis zur letzten Konsequenz widerwärtig erscheint, kann auch als Spiegel der heutigen Gesellschaft gelesen werden. Einerseits drücken sich darin landläufige Vorstellungen von Finanzhaien aus und der Eindruck, dass die Börsenspirale weiterhin auf den (menschlichen) Abgrund zusteuert, ohne aus der Krise gelernt zu haben. Belfort und seine Kumpanen sind unfähig, irgendetwas außerhalb ihrer eigenen Welt zu erfassen. Andererseits lebt Belfort die Wünsche und Träume des „kleinen Mannes“, der an Betrügereien nichts auszusetzen hat, sondern sie insgeheim bewundert, solange diese geschickt eingefädelt sind und nicht auffliegen. Der Traum vom besseren Leben ist für den Großteil der Menschheit nun mal mit Geld verbunden.

The Wolf of Wall Street ist eine Farce und Scorsese verlangt seinem Publikum erbarmungslos viel ab. Der Film ist weniger als Interpretation oder gar Abrechnung zu sehen, denn als Spiegel der Gesellschaft, die auf sich selbst und auch ihr eigenes Urteil zurückgeworfen ist. Das Fehlen des moralischen Fingerzeigs mag für viele schmerzlich sein, es erhöht aber die Drastik des Gesehenen. Wer das Geschehen auf der Leinwand in voller Länge bewunderns- und erstrebenswert findet, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: Terence Winter
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler
Laufzeit: 180 Minuten, Kinostart: 17.01.2014, thewolfofwallstreetde.tumblr.com

Tags:4 von 5BiopicDramaJonah HillKomödieLeonardo DiCaprioMartin ScorseseMatthew McConaugheyRomanverfilmungUniversal Pictures

Über den Autor

Martina Zerovnik Aufgabenbereich selbst definiert als: Filmleserin. Lächelt über “Oh diese Technik [Film] ist sehr entwicklungsfähig, fast reif zur Kunst” (Döblin).