The Sandworm empfiehlt – E. L. Doctorow „Homer & Langley“

Von Thesandworm

Wenn man auf Urlaub fährt, sollte man ein Buch mitnehmen. Und wenn man, so wie ich dieses Mal keines mit hat, dann sollte man wenigstens in eine Stadt fahren, wo man sich mit passenden Büchern eindecken kann. Nur für den Fall, dass einen die Leselust überkommt. Nach New York zum Beispiel, dort findet man Bücher für alle möglichen und unmöglichen Anlässe, an allen möglichen und unmöglichen Orten. Der beste darunter ist meines Erachtens nach der Saint Mark’s Bookshop. Dort ist es immer gemütlich und man findet eine breite Selektion an Büchern, samt entspannter Atmosphäre vor.

Ich habe mich dort, wie ich es gern tue, wenn ich unterwegs bin, mit einem Buch ausgerüstet, das gleichzeitig auch mit der Stadt, in der man sich aufhält, zu tun hat. Mit New York in meinem Fall. Die Wahl fiel auf E. L. Doctorows „Homer & Langley“.

Der Autor hat mich schon zweimal mehr als überzeugt, das Buch hatte eine praktische Reiselänge von etwas mehr als 200 Seiten, ich zögerte nicht lange und nach ein wenig Smalltalk über das zu dem Zeitpunkt omnipräsente Thema „Irene“ war das Buch gekauft.

E. L. Doctorow ist einer jener Autoren, die es gleich auf den ersten Seiten eines Buches schaffen, den Leser zu fesseln und in die langsam sich aufbauende fiktive Welt zu ziehen. Sein Stil ist von einer poetischen Leichtigkeit, die trotz allem präzise bleibt und niemals ausufert.

Das Buch ist ein historischer Roman, basierend auf einer wahren Geschichte, die von Doctorow in eine Art moderne Fabel transformiert wird. Ein düster-komisches Märchen zweier Brüder, Homer und Langley Collyer, die in einem herrschaftlichen Haus in der Fifth Avenue, gleich beim Central Park aufwachsen und dort, abgekapselt vom Rest der Welt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts durchleben.

Nach dem Tod der Eltern, die von der spanischen Grippe 1918 dahin gerafft werden, finden sich die zwei, Homer blind und auf seinen Bruder Langley, der psychisch vom Einsatz im 1. Weltkrieg schwer gezeichnet ist, in ihrem Domizil wieder, einem Ort, der mit dem Lauf der Zeit immer mehr zum Abbild der Welt wird.

Langley, der sich rührend um seinen blinden Bruder kümmert, wird von einer Mission angetrieben: er will eine einzige allgemein gültige Ausgabe einer Tageszeitung schaffen, eine Edition, die ein für alle mal sämtliche publizierte Blätter ersetzt. Nachrichten, so Langley, seien nämlich austauschbar. Austausch- und soweit generalisierbar, dass mit genauester Studie und Kategorisierung eine ewig gültige Zeitung keine Utopie mehr ist.

So beginnt eine Sammelwut, die nicht nur sämtliche veröffentlichte Tageszeitungen involviert, sondern so ziemlich alles was Langley als sammelwürdig, aufbewahrenswert, erscheint, egal ob es ein Ford Model-T ist, der im Esszimmer aufgebaut wird, oder sämtliche Modelle funktionstüchtiger Schreibmaschinen und mehr. Während sich also im Haus immer mehr von dem stapelt, was draußen hergestellt und berichtet wird, findet dort auch gleichzeitig ein Rückzug von allem Weltlichen statt. Gibt es anfangs noch Dienstboten und Liebesaffären oder öffentliche Tanzparties, schwinden mit dem Lauf der Zeit die Angestellten, die Frauen und jeglicher sonstiger Kontakt nach Außen, bis sie nur mehr zu zweit sind. Homer & Langley.

Ein in jeder Hinsicht empfehlenswertes Buch, mit einer scheinbar simplen Geschichte, die aber ungemein spannend, komplex und so aktuell ist, dass man bewegt, amüsiert und betroffen zugleich ist, von dem was sich im Haus an der Fifth Avenue abspielt. All das packt Doctorow in eine wunderbare lyrische Sprache. Mein Lieblingszitat: „And when she whispered my name, God help me, the love broke over me like the hot tears of a soul that has found salvation“. Absolute Leseempfehlung!

Susanne, 4. September 2011t

Susanne