The return of the Currywurst: "Tatort: Durchgedreht"

Erstellt am 22. August 2016 von Bandrix @cityofcinema1

©ARD

Das Wichtigste vorweg: Die Currywurst ist wieder da. Baustellenbedingt mussten die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) darauf zuletzt verzichten, wie sie den Kollegen von wiewardertatort verrieten. Nun ist der obligatorische Gang zur Würstchenbude am Rhein-Ufer wieder zurück. Passt ja: Des Deutschen liebste Sonntagabend-Beschäftigung ist back aus der Sommerpause, die Würstchenbude auch. Der Tatort von Regisseurin Dagmar Seume (Buch: Norbert Ehry, u.a. Tatort: Dicker als Wasser) hört dazu auf den vielversprechenden Titel "Durchgedreht". Klingt eigentlich alles soweit schwer in Ordnung. Allerdings bloß auf dem Papier. In Wirklichkeit ist "Durchgedreht" nämlich kein Stück durchgedreht, sondern einmal mehr die Definition von Durchschnitt.
 Wer gerade an der Vorbereitung einer Klausur sitzt, in der er sich mit der Herkunft des Wortes "Durchschnitt" befassen muss, der sollte Seumes Tatort unbedingt mit einbringen. Gibt prima Bonuspunkte, denn wir wissen ja alle noch: Videos gehen immer. Und ein besseres Paradebeispiel gibt's gar nicht. Die Note wäre gerettet. In den gut 90 Minuten geht alles seinen gewohnten Kölner Gang. Jemand stirbt, Ballauf und Schenk ermitteln, fragen, streiten. Außerdem steht im Rheinland mal wieder ein gesellschaftsrelevantes Thema im Vordergrund. Diesmal auf dem Stundenplan: Steuern.

Journalisten: Böse. Fernfahrer: Böse. Unternehmer: Böse.


Der Beamte Sven Habdank (Alexander Beyer) verliert seine Familie. Seine Frau Freya stirbt, sein Sohn ebenfalls, seine kleine Tochter Anna (Julie-Helena Sapina) bekommt das mit, versteckt sich erfolgreich und entgeht dem Tod. Habdank arbeitet beim Finanzamt, jagte zusammen mit dem Kollegen Schwarzhaupt (Oliver Bröcker, u.a. Polizeiruf: Preis der Freiheit) Steuersünder. Und nun beginnt Autor Ehry, ganze Berufsgruppen kurzerhand zu diskreditieren. Auch das ist keineswegs eine Neuigkeit. Dran glauben müssen mal wieder die Journalisten. Ole Winthir wird von Peter Benedict gespielt (u.a. Roomservice) und ist ein Unsympath. Hat Steuern hinterzogen.
Ebenso wie der selbstständige Unternehmer Pit Benteler (Max Herbrechter). Der hat es auch mutmaßlich nicht so genau genommen mit den Finanzen, haust jetzt in seiner verlassenen Firma ganz alleine im Büro. Einzige WG-Mitbewohner: Alkohol und große Messer. Beide sind tatverdächtig. Also Journalist Winthir und Benteler, nicht Schnaps-Pulle und großes Messer. Nun gut, die vielleicht auch. Egal. Auch der Berufszweig von Habdanks Schwager Gunnar (Stephan Szász) wird noch durch den Kakao gezogen. Der ist Fernfahrer, die mag Schenk nicht. Brummirennen nerven den Autofreak. Verständlich.

Sven Habdank (Alexander Beyer) wird von Ballauf (Behrendt, M.) und Schenk (Bär, r.) in die Mangel genommen.©WDR/Valentin Menke


Ehry führt hier viele Verdächtige ins Feld. Gunnar und seine Frau Hilde (Nicola Schössler) hatten Stress mit den Habdanks, es ging um Grundstücke. Und Habdanks eigener Bruder Michael (Christian Erdmann) stand seiner eigenen Frau näher, als ihm lieb war. Natürlich gerät deswegen auch Habdank selbst in den Fokus der Ermittlungen. Gefühlt hat hier jeder irgendwie einen Grund, als Mörder tätig geworden zu sein.
Das ist zum Rätseln ganz nett, Whodunit eben. Die Kommissare indes machen das, was sie immer tun in Köln: Fragen stellen, Motive erraten, ihren Assistenten Tobias (Patrick Abozen) Recherchen erledigen lassen und selbst mächtig Kilometer zurücklegen. Und auch das darf hier nicht fehlen: Der ewige Junggeselle Ballauf zeigt sich gefühlskalt, wird von seinem Kumpel und Familienvater Schenk daher standesgemäß ständig gerüffelt. Eine angestaubte Rollenverteilung, auch nett, auch die gehört aus dramaturgischen Gesichtspunkten sicher dazu - aber vom Hocker reißen tut das auch nicht.

Entwickelt der ewige Junggeselle Ballauf  etwa Vatergefühle? ©WDR/Valentin Menke


Dramaturgie ist ein gutes Stichwort. Am Anfang steht die gut inszenierte Anfangs-Sequenz, am Ende ein recht rasant in Szene gesetzter Abgang, bei dem wir in den letzten Minuten nochmal gefälligst Fingernägel kauen sollen. Ist ebenfalls nicht neu und klappt, na ja, so halbwegs. Dazwischen setzt Seume auf viel ruhige Töne und leisere, emotionalere Momente. Besonders, wenn die kleine Anna im Bild ist, dann wird's wirklich mal für einen Augenblick mitreißend. Das ist ein schöner, passender Gegensatz zum ansonsten eher wenig mit Überraschungsmomenten gespickten Handlungsablauf. Kameramann Auch Gunnar Fuß weicht ebenfalls vom strikten Durchschnitts-Muster ab und sorgt das ein ums andere Mal für gut ausgeklügelte Perspektiven in seinen Bildern.

Fazit

"Durchgedreht" steht oben drauf, drin ist dagegen nicht sonderlich viel durchgedrehtes. Wie schon zuletzt in "Narben" beweisen die Kölscher Jungs, dass sie im Alter lieber nicht mit Konventionen brechen möchten. Immerhin ist der Ansatz diesmal gelungen, auch bei der Ausgestaltung des austauschbaren Buches gaben sich die Verantwortlichen mehr Mühe. Nicht falsch verstehen bitte: Whodunit ist cool. Ein klassischer "Wer war der Mörder?"-Krimi ebenfalls. Doch aus Köln wirkt diese Form von Fernsehen wie aus der Zeit gefallen. Wie heißt es so schön: No risk, no fun. Dabei können sie es ja eigentlich doch noch. Aber immerhin: The return of the currywurst - Zeit für Aufbruchstimmung? Schau'n mer mal.

©ARD


BEWERTUNG: 6,0/10Titel: Tatort: DurchgedrehtErstausstrahlung: 21.08.2016Genre: KrimiRegisseur: Dagmar SeumeDarsteller: u.a. Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt, Patrick Abozen, Alexander Beyer, Christian Erdmann, Nicola Schössler